Weihnachten: Die Vorgeschichte

2018
Quelle: Distrikt Deutschland

Aus: Das Leben Jesu

Von Erzbischof Fulton Sheen

Die Vorgeschichte

Der Herr, den Maria gebären wird, ist die einzige Person in der Welt, die durch die ganzen Zeiträume hindurch eine Vorgeschichte hatte, eine Vorgeschichte, über die nicht Urschleim und Dschungel Auskunft geben, sondern er selbst, der im Schoß des ewigen Vaters ist. Obwohl er in Bethlehem in einer Felsenhöhle geboren wurde, so hatte doch nur sein Leben als Mensch einen Anfang in der Zeit; sein Leben als Gott hingegen begann nie: Er ist Gott in der nie alternden Ewigkeit. Nur nach und nach offenbarte er seine Gottheit. Das geschah nicht etwa deshalb, weil er in der Erkenntnis seiner Gottheit gewachsen wäre; vielmehr war das von ihm so beabsichtigt: Er wollte nur allmählich den Zweck seines Kommens offenbaren.

Der heilige Johannes berichtet in seinem Evangelium die Vorgeschichte des Sohnes Gottes:

Im Anfang war das WORT, Das WORT, es war bei Gott,

und dieses WORT war selber Gott. Im Anfang schon war es bei Gott.

Und alles ist durch es, nichts ist ohne es geworden.       Jo 1, 1–3

„Im Anfang war das Wort.“ Was immer in der Welt ist, wurde nach einem Gedanken Gottes erschaffen; denn jedes Ding setzt einen Gedanken voraus. Jeder Vogel, jede Blume, jeder Baum wurde auf Grund einer im Geiste Gottes existierenden Idee erschaffen. Griechische Philosophen hielten dafür, dass der Gedanke etwas Abstraktes ist. Doch siehe: der Gedanke oder das Wort Gottes hat sich als Person geoffenbart. Die Weisheit Gottes ist eine göttliche Person. Vor seinem Erdendasein ist Jesus Christus Gott von Ewigkeit: die Weisheit, der Gedanke des Vaters. In seinem Erdendasein ist er jener Gedanke oder jenes Wort Gottes, das zu den Menschen spricht. Die Worte der Menschen vergehen, sobald sie gedacht oder ausgesprochen sind; das Wort Gottes hingegen ist d a s Wort, Gott selbst, gesprochen seit Ewigkeit. Dieses Wort und der es spricht sind nie voneinander zu trennen. In seinem Wort spricht der ewige Vater seinen ganzen Verstand, sein ganzes Wissen, sein ganzes Wesen aus. So wie der Geist in seinen Gedankengängen Selbstgespräche führt und mittels dieser Gedanken die Welt sieht und kennt, so schaut sich der Vater, wie in einem Spiegel, in der Person seines Wortes. Die begrenzte Erkenntniskraft des Menschen braucht viele Worte, um Ideen Ausdruck zu verleihen; Gott aber spricht ein für alle Mal in sich selbst – ein einziges Wort, welches die Abgrundtiefen aller bekannten und aller noch unbekannten Dinge durchforscht, seit Ewigkeit. In diesem Wort Gottes sind alle Schätze der Weisheit, alle Geheimnisse der Wissenschaften, alle Entwürfe der Künste, alle Erkenntnisse der Menschen verborgen. Aber all deren Erkenntnisse sind, verglichen mit dem Wort, nur armselige gebrochene Silben.

In der nie alternden Ewigkeit war das Wort bei Gott. Aber es gab einen Augenblick in der Zeit, da er noch nicht aus der Gottheit herausgetreten war, wie es auch einen Augenblick gibt, in dem ein im Verstand eines Menschen gedachter Gedanke noch nicht ausgesprochen ist. So wie die Sonne niemals ohne ihre Strahlen, so ist auch der Vater niemals ohne seinen Sohn; und wie der Denker nicht ohne Gedanken, so ist, in einem unendlich höheren Grad, der göttliche Verstand niemals ohne sein Wort. Gott brachte die Ewigkeit der Ewigkeiten nicht in erhabener Einsamkeit zu. Bei ihm war das Wort, das ihm wesensgleich ist:

Alles ist durch es geworden; ohne es ist nichts geworden von allem, was geworden ist.

Das Leben war der Menschen Licht. Das Leben war in ihm;

es leuchtet in der Finsternis,

die Finsternis vermag es nicht aufzunehmen.    Jo   1, 3–5

Jegliches Ding in Raum und Zeit hat sein Dasein durch die Schöpfermacht Gottes. Der Stoff ist nicht ewig; das Universum ist von einer verstandesbegabten Persönlichkeit erschaffen, hat also einen Baumeister, einen Bildner, einen Erhalter: die Schöpfung ist das Werk Gottes. Der Bildhauer bearbeitet den Marmor, der Maler die Leinwand, der Techniker den Stoff, jedoch keiner von ihnen kann etwas erschaffen. Sie bringen lediglich bereits vorhandene Dinge in neue Formen, in neue Kombinationen, mehr nicht. Schöpfung ist ausschließlich Gottes Sache.

In eines jeden Menschen Seele schreibt Gott seinen Namen. Vernunft und Gewissen sind „Gott in uns“ in der natürlichen Ordnung. Die frühchristlichen Kirchenväter pflegten von der Weisheit eines Plato und Aristoteles zu sprechen als von dem uns noch nicht bekannten „Christus in uns“. Die Menschen sind wie Bücher, die aus der Druckerpresse Gottes kommen. Selbst wenn sie keine weitere Aufschrift tragen: wenigstens ist der Name des Autors in unverwischbaren Lettern dem Titelblatt aufgeprägt. Gott ist wie die Wasserlinien im Papier: was man auch darauf schreiben mag, sie scheinen immer durch.

 

Aus dem Buch:

Fulton J. Sheen
Das Leben Jesu
Sarto Verlag
ISBN 978-3-943858-71-6,
531 Seiten, EUR 19,80

Zu bestellen bei www.sarto.de

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