Was die Corona-Krise zeigt

12. Juli 2021
Quelle: FSSPX Spirituality

Von Pater Gerd Heumesser

Am Verhalten der katholischen Kirche in der Corona-Zeit scheiden sich die Geister. Das eine Lager verteidigt auf Biegen und Brechen die Absage der Gottesdienste und das Unterlassen der Sakramentenspendung. Jeder Gottesdienst sei ein Infektionsrisiko, die Kirche müsse mit gutem Beispiel vorangehen, so hört man die Verteidiger sagen.

. Es wäre ja grotesk, wenn die, die am meisten von Opferbereitschaft reden, nicht bereit wären, eine Zeit lang auf den Gottesdienst zu verzichten. Es wäre geradezu Egoismus, immer seinen Gottesdienst haben zu wollen. So viel Solidarität müsse sein. Da man alles unterlassen müsse, was das Infektionsrisiko erhöhe, sei es auch ein Gebot der Stunde, Krankenbesuche zu unterlassen. Und so weiter und so fort.

Das andere Lager wirft der Kirche vor, sie habe, ohne aufzubegehren, hingenommen, dass die Gottesdienste ausfallen sollten; sie habe Sterbenden in Pflegeheimen und Krankenhäusern die Sakramente verwehrt. Der Klerus sei im Lockdown stummer gewesen als Friseure und Hoteliers – das wirft ein großes deutsches Nachrichtenmagazin[1] der Kirche vor. Und es nennt auch einen Grund: Die Oberhirten hätten deshalb nicht mit Verve und Autorität in den Wettstreit der Meinungen und Interessen eingegriffen, weil die Kirche die Restbestände an Glaubwürdigkeit verspielt habe. Deshalb werde ihr sowieso nicht mehr geglaubt und nicht einmal mehr zugehört. Also – so kann der Leser zwischen den Zeilen folgern – hätten sich die Bischöfe deshalb nicht mit mehr Eifer eingesetzt, weil ihnen sowieso niemand mehr zuhöre.

Ist das wirklich der Grund? Haben die deutschen Bischöfe nur deshalb widerstandslos die stattlichen Corona-Regelungen hingenommen, weil die Kirche in Deutschland sowieso gesellschaftlich bedeutungslos ist? Hat die Kirche nur einfach deshalb die Corona-Maßnahmen mitgemacht, weil ihre Bischöfe zu unbedeutend sind, als dass ihr Protest gehört würde?

Wer die Maßnahmen genauer anschaut, dem drängt sich ein ganz anderer Grund auf.

Im ersten Lockdown wurden an vielen Orten die Gottesdienste kirchlicherseits abgesagt, noch bevor die Regierung sie verboten hat. Dass die Kirche sich hier nicht gewehrt hat gegen Gottesdienstverbote, kann man zum Teil damit begründen, dass im März 2020 nicht klar war, wie gefährlich das Virus wirklich ist. Die Medien machten daraus das hochgefährliche Killervirus, „Fachleute“ kamen zu Wort, die eine dramatische Situation zeichneten. In dieser unklaren Lage versteht man jeden, der Vorsicht walten lässt. Auch für die Corona-Maßnahmen der Bistümer im ersten Lockdown kann man unter diesem Gesichtspunkt Verständnis aufbringen.

Im zweiten Lockdown war die Situation eine andere. Im Dezember 2020 genügte ein Blick in die offizielle Statistik der Sterbefälle. Von einer „Pandemie“ war hier nichts zu sehen. 2020 starben in Deutschland 4,57 % mehr Menschen als 2019 und nur 3 % mehr als 2018. Zudem war im Dezember 2020 klar, dass diese Virus-Erkrankung für die allermeisten harmlos verläuft. Gefährlich ist eine Infektion nur für eine sehr begrenzte Risikogruppe.

Warum verzichteten dann an Weihnachten trotzdem viele Pfarrgemeinden freiwillig auf Gottesdienste? Wieso wurde die Mundkommunion verweigert? Wieso wurde in manchen Pfarreien die hl. Kommunion in Papp-Döschen zum Abholen bereitgestellt? Wieso wurden Krankenbesuche eingestellt? Wieso gab es an Fronleichnam nur ganz wenige Fronleichnamsprozessionen? Wenn hier als Erklärung die Furcht vor dem Virus nicht ausreicht, was ist dann der Grund für diese Maßnahmen?

Wenn Diözesen und Pfarreien so schnell bereit sind, Gottesdienste ausfallen zu lassen – lässt das nicht Rückschlüsse zu, welcher Stellenwert den Gottesdiensten zugemessen wird? Wer einen Gottesdienst als eine bloße Versammlung von Gläubigen betrachtet, für den ist nicht viel verloren, wenn diese Versammlung ausfällt. Wer dagegen im Gottesdienst die erste Pflicht sieht, die wir Menschen unserem Schöpfer erweisen müssen, und wer mit Pater Pio meint, dass die Welt eher ohne Sonne bestehen könnte als ohne hl. Messe, der wird nicht leichtfertig Gottesdienste ausfallen lassen. In Zeiten, als die Christenheit noch in einem besseren Zustand war als heute, wurden in Krisenzeiten eher mehr Gottesdienste gefeiert als weniger.

Wenn die heilige Kommunion in Papp-Dosen bereitgestellt oder auf Papier-Servietten gereicht wird, die dann in der Tonne landen, dann wird offenbar, dass der Pfarrer wohl eher an gesegnetes Brot denkt als an die wirkliche Gegenwart des Leibes Christi. Und wenn schon ein leichter Anlass ausreicht, um Fronleichnamsprozessionen ausfallen zu lassen, lässt das Rückschlüsse zu auf den Mangel an eucharistischer Frömmigkeit.

Die Corona-Zeit macht offensichtlich, was schon lange mehr oder weniger latent vorhanden war: den mangelhaften Glauben vieler Geistlichen. Eine Krise wirkt oft wie eine Lupe, sie lässt deutlicher werden, wie ein Mensch denkt. Das gilt in dieser Krise für den einzelnen Pfarrer ebenso wie für die deutsche Kirche im Ganzen: Die Corona-Zeit offenbarte, dass vielen Pfarrern Gottesdienste nicht wichtig sind, und sie offenbarte deutlicher als bisher, wie es um den Glauben an die Gegenwart Christi im Altarsakrament bestellt ist.

Die „Pandemie“ macht noch eine andere Wunde des deutschen Klerus sichtbar: seine Haltung zum Gebet. Wenn die „Pandemie“ so mörderisch ist, wie die Medien es uns glauben lassen wollen, dann müsste man dringend beten. Wenn Geistliche Gottesdienste streichen, weil sie überzeugt sind von der Gefährlichkeit des Virus, dann müssten sie dringendst um das Ende der „Pandemie“ beten. In Krisenzeiten, bei Pest und Krieg hat die Kirche immer die Gläubigen zum Gebet aufgerufen. Sie dachte an das Wort des Herrn: Bittet, und ihr werdet empfangen. Gebetsaufrufe gab es in dieser Zeit aber nur vereinzelt. Liegt das vielleicht daran, dass manche Geistliche selber nicht überzeugt sind von der Wirksamkeit des Gebetes? Oder vielleicht nicht einmal davon, dass Gott hier in dieser Welt wirken und ins Weltgeschehen eingreifen kann? Wer die Wunder Christi leugnet, wie soll der es für möglich halten, dass Gott heute hier unter uns Wunderbares vollbringen kann?

So hat die Corona-Zeit einmal mehr – und zwar deutlicher als bisher – sichtbar werden lassen, dass der Glaube der Geistlichen verdunstet ist. Der Umgang mit der hl. Eucharistie in der Corona-Zeit hat vielen Gottesdienstbesuchern die Augen geöffnet. Vor allem für Gläubige, die fest an die Gegenwart Christi im Altarsakrament glauben, aber noch die neue Messe in ihren Pfarrgemeinden besuchen, war mit dem Verbot der Mundkommunion die Schmerzgrenze erreicht. Einige haben anderswo gesucht, was ihnen in ihren Pfarreien verweigert wurde, und haben so zur Priesterbruderschaft St. Pius X. gefunden. Andere fühlten sich von ihren Pfarrern im Stich gelassen, weil diese lange Zeit keine Gottesdienste mehr feierten. Sie suchten nach Orten, wo noch Gottesdienste stattfanden, und entdeckten so die Kapellen und Priorate der Priesterbruderschaft. So hat die Corona-Krise wenigstens dieses eine Gute bewirkt, dass einige Gläubige zurückgefunden haben zur Messe aller Zeiten.

 

Die Gläubigen, die in der Corona-Zeit den Weg zur Priesterbruderschaft gefunden haben, sind dankbar für diese Entdeckung. Hier kommen sie zu Wort:

„Nur die Priesterbruderschaft St. Pius X. hat sich in Zeiten der „Pandemie“ darum gesorgt, dass wir die Beichte regelmäßig erhalten und die Kommunion in würdiger Form als Mundkommunion empfangen konnten. Die offizielle Kirche ist sehr enttäuschend vor der „Pandemie“ eingeknickt und hat die Gläubigen im Regen stehen lassen.

Wir sind sehr dankbar und begeistert, dass wir die überlieferte Messe wiedergefunden haben. Wir freuen uns Woche für Woche, wenn wir wieder zur heiligen Messe kommen dürfen. Die Predigten sind so schön und klar, das tut so gut für die Seele und es gibt uns Kraft und Halt! In Messe sind regelmäßig junge Familien mit ihren Kindern, es ist schön zu sehen wie die Kinder den Glauben vorgelebt bekommen!“

Zu Beginn der COVID-19-Pandemie wurde in den Gotteshäusern des Bistums die Mundkommunion verboten. Wir sind sehr dankbar, dass wir sie bei der Piusbruderschaft dennoch weiterhin bekommen konnten! Nachdem wir wochenlang gezwungen waren, nur Online-Gottesdienste im Fernsehen anzuschauen, waren wir glücklich über die Möglichkeit, endlich wieder eine richtige hl. Messe besuchen zu dürfen. (In unserer Heimatpfarrei ist das – auch nach über einem Jahr – noch immer nur eingeschränkt möglich.) Beeindruckt sind wir von der ehrfürchtigen Haltung der Kirchenbesucher und besonders der Priester bei der Hl. Messe. Von der Gemeinde wurden wir herzlich und gastfreundlich aufgenommen.

 

Bei der Priesterbruderschaft Sankt Pius X. haben wir Priester angetroffen, die aus einer ehrfürchtigen Liturgie heraus ihr Hirten- und Lehramt wahrnehmen und den katholischen Glauben ungekürzt verkünden. Hier müssen wir müssen uns nicht mehr dafür rechtfertigen, dass wir an den dreifaltigen Gott und die eine heilige, katholische und apostolische Kirche glauben!“

Wir haben unsere Gemeinde verlassen, da die Kirche nicht mehr das vertritt, wofür sie steht! Deswegen besuchen wir jetzt die Gemeinde der Bruderschaft und haben schnell erkannt, dass die Gemeinde mehr als nur die katholische Kirche vertritt. Wir stehen dafür ein, dass die Piusbruderschaft anerkannt werden muss!“

In der Coronakrise wurden die konservativen Priester, die dafür kämpfen, dass die hl. Messe stattfinden kann, oftmals von ihren Vorgesetzten ausgebremst. Nachdem wir gehört haben, wie schön die tridentinische Messe ist, haben wir uns auf den Weg zur Priesterbruderschaft St. Pius X. gemacht und wir wurden nicht enttäuscht. Die heiligen Messen sind himmlisch. Man spürt die Gegenwart Gottes. Da geht einem das Herz auf. So ist die wahre heilige katholische Kirche, wie von Jesus gewollt! Vergelt's Gott für diesen Einsatz.

Ich bin aufgrund der Corona-Krise zur Piusbruderschaft gekommen, da ich hier die Kommunion würdig empfangen kann und die Messen nicht einfach abgesagt werden. Alle Vorurteile, die ich hatte, haben sich nicht bestätigt, denn ich dachte, die Priester seien sicher übertrieben streng und auf Latein verstünde ich nichts. Gefunden habe ich aber sehr gute, liebe Seelsorger, die sich wirklich Zeit nehmen, und eine Messform, bei der ich mehr verstehe als erwartet und die mir wirklich gefällt und von der ich weiß, dass hier mehr Gnaden fließen, da noch alle Gebete ungekürzt enthalten sind. Zudem schätze ich, dass jedes Mal vor der Messe eine Beichtmöglichkeit besteht.

Anmerkung

[1] Der Spiegel, Nr. 21/22.5.2021, S. 11.