Wahrer Gott und wahrer Mensch: 5. Die altchristlichen Häresien

20. August 2021
Quelle: Distrikt Deutschland
Das Konzil von Ephesus

Wahrer Gott und wahrer Mensch – Die Lehre der Kirche über Jesus Christus

5. Die altchristlichen Häresien in Bezug auf die Gottheit Christi

Die meisten Häresien des christlichen Altertums betrafen Christus. Wir haben schon gesehen, dass eine Reihe von Irrlehrern die wahre Menschheit Christi bestritt. Die schlimmste und folgenschwerste Irrlehre dieser Epoche war aber der Arianismus, der die Gottheit Christi leugnete. Nachdem die wahre Menschheit und Gottheit Christi dann vom kirchlichen Lehramt verteidigt worden war, betrafen die späteren Häresien die Verbindung von göttlicher und menschlicher Natur in Christus.

Der Arianismus

Die Kirche hatte nach einer langen Zeit, in der der römische Staat sie immer wieder verfolgt hatte, unter Kaiser Konstantin gerade Freiheit und öffentliche Anerkennung gefunden, als in ihrem eigenen Inneren ein neuer Feind aufstand, dessen Irrlehre sie tief erschütterte. Arius, ein Priester in Alexandria, lehrte, der Logos oder Sohn sei nicht dem Vater wesensgleich und von Ewigkeit her existierend, sondern ein Geschöpf des Vaters, wenn auch sein erstes, höchstes und vollkommenstes Geschöpf. Er sei vor der Welt und vor aller Zeit geschaffen worden und durch ihn habe Gott dann die Zeit und die Welt geschaffen. Um ihre Gegner zu täuschen, gaben die Arianer bisweilen sogar zu, man könne den Logos „Gott“ nennen, aber er sei nur „Gott aus Gnade“ und nicht von seiner Natur her dem Vater wesensgleich.

Diese Irrlehre hatte einen rationalistischen Charakter. Die Dreifaltigkeit Gottes ist ein tiefes Mysterium, das wir nicht völlig durchschauen können, sondern im Glauben an die Wahrhaftigkeit Gottes annehmen müssen. Der Arianismus leugnete dieses Mysterium, denn die Lehre, nach der Gott ein erstes und höchstes Geschöpf hervorgebracht hat und dieses in einem uneigentlichen Sinn seinen Sohn nennt, bietet dem menschlichen Denken keine Schwierigkeit.

Der Arianismus war der Anlass für das erste ökumenische Konzil der Kirche. Dieses fand 325 n. Chr. in Nicäa statt und erklärte die Wesenseinheit von Gottvater und Sohn zum Dogma. Zur Bezeichnung dieser Wesensgleichheit wählte das Konzil den Ausdruck homoousios. Gegen diesen Begriff wendeten manche Bischöfe und Theologen zwar ein, dass er sich nicht in der Hl. Schrift finde, aber bei allen treuen Bischöfen setzte sich schließlich die Einsicht durch, dass man neue Ausdrücke nicht scheuen dürfe, um die überlieferte Lehre gegen neue Irrlehren zu verteidigen.

Mit dem Konzil von Nicäa war der Arianismus zwar verurteilt, aber keineswegs überwunden. Dies dauerte noch Jahrzehnte. Die Nachfolger Konstantins waren teilweise arianisch gesinnt und übten Druck auf die Rechtgläubigen aus. Die Arianer spalteten sich auch in verschiedene Stränge oder gemäßigte Gruppen. Einige gemäßigte Arianer waren schließlich bereit, den Sohn dem Vater wesensähnlich zu nennen, nicht aber wesensgleich. Im Griechischen unterscheiden sich beide Worte nur durch ein Jota: homoousios (wesensgleich) oder homoiousios (wesensähnlich). Um dieses einen Jota willen musste der hl. Athanasius, der beim Konzil von Nicäa noch Diakon gewesen war, als Bischof von Alexandrien fünfmal in die Verbannung gehen, denn an diesem Jota hing der unendliche Abstand zwischen Gott und Geschöpf. Wir sehen daran, wie ernst die frühe Kirche es mit der Genauigkeit im Glauben nahm und dass sie keineswegs bereit war, um des Friedens willen faule Kompromisse zu schließen.

Der Nestorianismus

Ein Jahrhundert später erregte Nestorius, der 428 n. Chr. Patriarch von Konstantinopel geworden war, durch seine Predigten großes Aufsehen, in denen er sich gegen den damals schon gebräuchlichen Titel der „Gottesgebärerin“ wandte. Maria dürfe nur „Christusgebärerin“ genannt werden, denn Jesus sei nur ein Mensch gewesen, in dem der göttliche Logos wie in seinem Tempel gewohnt habe. Der Widerspruch, den Nestorius damit beim Volk erregte, zeigt deutlich, dass seine Lehre als Neuerung empfunden wurde.

Nestorius leugnete nicht die göttliche Natur des Logos, sondern seine Irrlehre betraf die Verbindung von Gottheit und Menschheit. Nach ihm wären in Christus zwei Personen gewesen, nämlich der Mensch Jesus und der göttliche Logos, der sich mit diesem Menschen innig verbunden hatte, in ihm wohnte und durch ihn wirkte. Göttliche und menschliche Prädikate müsste man auf die beiden Wesen verteilen: Das Leiden und Sterben käme nur dem Menschen Jesus zu, die Wundermacht nur dem göttlichen Logos.

Auch diese Lehre trägt einen rationalistischen Charakter, da sie meint, dass zwei vollständige Naturen auch zwei verschiedene Wesen sein müssten. Nestorius leugnete die wunderbare Einheit, zu der die göttliche und die menschliche Natur in Christus zusammenkommen, und setzte an deren Stelle eine nur moralische Einheit, wie sie zwischen zwei Personen durch Liebe oder Gehorsam bestehen kann.

Insofern kann man Nestorius als den Vater all derjenigen Irrlehren betrachten, die Jesus Christus als einen bloßen Menschen betrachten, der aber in einer einzigartigen Verbindung mit Gott stand. Wenn es heute immer wieder heißt, Gott habe sich in Jesus der Welt zugesagt, er habe sich durch ihn der Welt bezeugt und sein endgültiges, verbindliches Wort gesprochen, so ist das oft nichts anderes als eine Art Nestorianismus.

Das Konzil von Ephesus verurteilte 431 n. Chr. unter der Führung des hl. Cyrill v. Alexandrien die Lehre des Nestorius und betonte die wahre Einigung der beiden Naturen in Christus, ohne allerdings die Art und Weise dieser Einigung genau zu bestimmen. Vor allem verteidigte das Konzil den Titel der Gottesgebärerin. Natürlich soll dieser Begriff nicht bedeuten, dass Maria die Gottheit geboren hätte, sondern dass ihr Sohn, den sie nach seiner menschlichen Natur geboren hatte, wahrer Gott ist. Auch im natürlichen Bereich erzeugen die Eltern nicht die Seele ihres Kindes und sind doch wahre Eltern. So war Jesus der wahre Sohn Mariens, wenn sie ihm natürlich auch nicht seine Gottheit und göttliche Person gegeben hat. Die Dogmatisierung des Titels der Gottesgebärerin durch das Konzil wurde von den Gläubigen begeistert aufgenommen und die Marienverehrung dadurch sehr gefördert.

Der Monophysitismus

Wenige Jahre nach dem Konzil von Ephesus verfiel Eutyches, Abt eines Klosters in Konstantinopel, in das gegenteilige Extrem zum Nestorianismus. Er behauptete, göttliche und menschliche Natur würden in Christus zu einer einzigen Natur verschmelzen. Er spielte sich dabei als Verteidiger des hl. Cyrills auf und beschimpfte seine Gegner als Nestorianer. Da er Rückhalt beim Patriarchen Dioskur v. Alexandrien fand, wurde von Kaiser Theodosios II. 499 sogar ein Reichskonzil nach Ephesus einberufen, auf dem die päpstlichen Legaten aber nicht den Vorsitz führen durften und ein Brief von Papst Leo nicht verlesen wurde. Dieses Konzil wurde von Papst Leo deswegen als Räubersynode bezeichnet und ging als solche in die Geschichte ein. Es ist natürlich kein anerkanntes Konzil der Kirche.

Die Lehre der Monophysiten war vielen Schwankungen unterworfen. Zum Teil dachte man sich die Vereinigung als Aufgehen der einen Natur in der anderen, zum Teil als Entstehen einer Mischnatur. Nach Eutyches wurde die menschliche Natur in Christus von der göttlichen aufgezehrt (wie Öl im Feuer), so dass nur die göttliche Natur übrigblieb, die aber noch mit den äußeren Umrissen der menschlichen Gestalt verbunden gewesen sein soll. Damit wäre ein wahres Leiden und Sterben für Christus nicht möglich gewesen. Zeitweise scheint Eutyches aber auch die Verwandlung der Gottheit in die Menschheit angenommen zu haben, wofür er sich auf Joh 1,14 („und das Wort ist Fleisch geworden“) berief. Andere Monophysiten lehrten eine Verschmelzung der beiden Naturen zu einer gott-menschlichen Mischnatur. Bild dafür war das Elektrum, eine zu 4/5 aus Gold, zu 1/5 aus Silber bestehende Legierung von bernsteinartiger Farbe.

Während Arianismus und Nestorianismus das Geheimnis leugneten, machten die Monophysiten daraus ein widersinniges Monstrum, denn die Gottheit kann nicht mit der Schöpfung vermischt werden. Das Konzil von Chalzedon bestimmte darum 451 die Einheit der beiden Naturen als „unvermischt und ungetrennt“ und bezeichnete als das Einheitsprinzip die Person Christi. Damit war sachlich schon der Begriff der Hypostatischen Union gefunden. Göttliche und menschliche Natur sind in der Person Christi geeint, insofern die zweite göttliche Person, die von Ewigkeit her Gott ist, in der Zeit noch eine menschliche Natur annahm. Deswegen hat Christus zwar einen menschlichen Leib und eine menschliche Seele, aber es gibt in ihm keine menschliche Person, sondern nur die göttliche Person.

Der Monotheletismus

Da die Monophysiten trotz verschiedener Bemühungen nicht zur Rückkehr in die Einheit der Kirche bewegt werden konnten, versuchte der Patriarch Sergius v. Konstantinopel (610–638 n. Chr.), sie durch einen Kompromiss zu gewinnen: In Christus gäbe es zwar zwei Naturen, aber nur eine gottmenschliche Tätigkeit und nur einen Willen. Tatsächlich konnte er damit die monophysitische Partei der Severianer überzeugen, was seiner Lehre einiges Ansehen verlieh.

Trotzdem war diese Lehre falsch, denn wenn Christus wahrhaft zwei Naturen besitzt, dann kann er sowohl durch seine göttliche als auch durch seine menschliche Natur wirken, und dann muss er neben dem göttlichen auch einen menschlichen Willen besitzen. Dies wird ja auch ganz deutlich im Gebet Christi am Ölberg: „… nicht mein Wille, sondern Deiner geschehe“ (Lk 22,42). Sergius und seine Anhänger taten so, als ob ein menschlicher Wille Christi notwendig zum Widerspruch mit dem göttlichen Willen führen müsste, aber selbstverständlich war der menschliche Wille Christi dem göttlichen immer vollkommen unterworfen, wie es ja das Gebet am Ölberg zum Ausdruck bringt. Ohne einen menschlichen Willen hätte Christus seinem Vater auch gar nicht gehorsam sein können, wohingegen es doch heißt, er sei „gehorsam geworden bis zum Tod“ (Phil 2,8).

Gegen Sergius wandte sich der hl. Sophronius, der seit 634 Patriarch von Jerusalem war. Darauf schrieb Sergius an Papst Honorius I., und es gelang ihm tatsächlich, den Papst für sich zu gewinnen, indem er den Erfolg seiner Lehre in Bezug auf die Rückkehr der Monophysiten übertrieb und behauptete, seine Lehre stehe im Einklang mit der Hl. Schrift und den Vätern. Das Verhalten des Honorius war zweifellos ein schwerer Fehlgriff. Dieser bestand aber nicht darin, dass der Papst in die Häresie gefallen wäre, sondern dass er die Sache vorschnell als Theologengezänk abtat, ohne sie genau zu prüfen. Dies geht aus den uns erhaltenen Briefen hervor, in denen er nur einen dem göttlichen Willen widersprechenden Willen Christi zurückweist und schreibt: „Ob es aber wegen der Werke der Gottheit und Menschheit passend ist, eine oder zwei Energien [Wirkweisen] als vorhanden zu denken und auszusprechen, das geht uns nicht an; das überlassen wir den Grammatikern und Technographen, welche gewohnt sind, den Knaben die von ihnen durch Ableitung ersonnenen Ausdrücke zu verkaufen.“

Das 3. Konzil von Konstantinopel, das den Monotheletismus endgültig verurteilte, verurteilte zwar auch Honorius nachträglich als Häretiker, aber diese Verurteilung wurde von Papst Leo II. nur in dem Sinn bestätigt, dass dieser seine Pflicht vernachlässigt und dadurch die Häresie begünstigt habe. Dieser Fall wird bis heute immer wieder gegen das Unfehlbarkeitsdogma des I. Vatikanums angeführt, was aber ganz unhaltbar ist, denn selbst wenn Honorius in die Häresie gefallen wäre (wofür aber nichts spricht), so hat er doch niemals eine Kathedralentscheidung in dieser Frage gefällt, d. h., er hat nie versucht, alle Gläubigen auf die Lehre des Monotheletismus zu verpflichten. Nur in einem solchen Fall ist dem Papst aber gemäß der Lehre des I. Vatikanums Unfehlbarkeit zugesichert.