Schulleitertagung im Zeichen von „Künstlicher Intelligenz“

30. Januar 2024
Quelle: fsspx.news

von Dr. Johannes Laas

Das Treffen der Leitungspersonen unserer Schulen im deutschsprachigen Raum ist seit 2016 zur guten Tradition geworden. Inzwischen sieht man sich im Frühjahr auch regelmäßig online. Vom 1. zum 2. Dezember 2023 traf man sich wieder von Angesicht zu Angesicht. Der Don-Bosco-Schulverein in Saarbrücken bietet durch Lage und Räumlichkeiten hervorragende Voraussetzungen für eine gedeihliche Zusammenarbeit in entspannter, aber konzentrierter Atmosphäre.

Neben dem alljährlichen Update in Bezug auf Fragen der jüngsten Schulentwicklung, der gegenseitigen pädagogischen Beratung sowie dem Austausch über schulorganisatorische Fragen stand diesmal das brandaktuelle Thema „Künstliche Intelligenz“ im Mittelpunkt der Klausurtagung. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ (KI) bezieht sich auf die Entwicklung von Algorithmen und Computern, die in der Lage sind, Aufgaben auszuführen, die normalerweise menschliche Intelligenz erfordern. Handelt es sich dabei nur um eine Modeerscheinung? Seitdem Ende 2022 der KI-Textgenerator „ChatGPT“ veröffentlicht worden ist, ergeben sich viele Fragen für den schulischen Alltag, insbesondere der weiterführenden Schulen. Dieses Programm steht für eine unter vielen Anwendungen von KI: Es scheint gesprochene Sprache zu begreifen, es beantwortet Fragen, schreibt Texte, Computerprogramme oder dichtet gar – und gibt am Ende sogar noch recht differenzierte Auskünfte zu seiner eigenen causa finalis. Grund genug, dass sich auch unsere Schulen zeitgerecht mit diesem Thema, das eine der größten Herausforderungen für Schule und Gesellschaft der nächsten Jahrzehnte sein dürfte, auseinandersetzen. Doch zunächst gilt es, Grundlagen und Zusammenhänge zu verstehen.

Dazu konnte mit Professor Dr. Wolfgang Koch ein überaus kompetenter Referent gewonnen werden. Als Chief Scientist und Leiter einer Forschungsabteilung des Fraunhofer-Instituts, Professor für Angewandte Informatik der Universität Bonn und vielseitig interessierter katholischer Gelehrter, Publizist, Redner und Buchautor („Konrad Adenauer. Der Katholik und sein Europa“, „Marianisches bei Goethe“) konnte er für uns das Problemfeld KI in seiner Tiefenschärfe ausleuchten. Was ist das eigentlich? Und vor allem: Was ist es nicht? Welche Chancen, welche Risiken ergeben sich daraus? Wie bleibt KI nicht nur technisch, sondern auch ethisch und rechtlich beherrschbar? Was machen wir mit dieser Technologie, damit sie nichts „mit uns macht“?, lauteten seine Grundfragen. Und seine Antworten waren ebenso tiefschürfend wie differenziert.

In einem ersten Problemaufriss zeigte Koch am Beispiel des Deepfake, der inzwischen ziemlich einfachen Möglichkeit zur Manipulation von Bildern und Videos, die Allgegenwärtigkeit von KI in unserer internetbasierten „Weltkultur der Gegenwart“. Die geistesgeschichtlichen Grundlagen sieht er schon in dem Postulat „Ipsa scientia potestas est“ („Wissen ist Macht“) des Philosophen Francis Bacon (1561–1626) angelegt. Im Zusammenspiel mit den eindrucksvollen Entwicklungen im Bereich von Naturwissenschaft und Technik – von der einfachen Brille bis hin zum hochkomplexen autonomen Waffensystem – wurde dabei immer auch über eine Steigerung der menschlichen Leistungsfähigkeit nachgedacht. Eine letzte Konsequenz heute ist die Gefahr der Vermenschlichung der Maschine und, damit einhergehend, die Maschinisierung des Menschen. In Frage steht bei KI also nichts weniger als die Natur des Menschen als Geschöpf und seine Bestimmung, frei das Gute zu wählen. Unter den zahllosen Angriffen auf die menschliche Natur sind die digitalen Medien ein mächtiges Werkzeug. Im Lichte des kirchlichen Lehramts betrachtet, gilt es, angesichts von Fake news und der allgegenwärtigen Manipulation des Menschen zu ökonomischen und politischen Zwecken die Grenzen der Medienfreiheit aufzuzeigen, zugleich aber doch auch alle technischen Mittel  für die Verkündigung und Mission verantwortungsvoll zu nutzen. So sah es schon Papst Pius XII. (1939–1958) als „Aufgabe katholischer Intellektueller“ an, „am mächtigen Damm gegen die überbordende Flut […] mitzubauen“. Ist das nicht zuletzt auch eine Aufgabe unserer Schulen?  

„Am scharfen Ende der Digitalisierung“, der Entwicklung und dem Einsatz KI-gesteuerter Waffensysteme, bleibt die Frage nach der Wahrung der Verantwortung des Menschen im rasant ablaufenden automatisierten Prozess entscheidend. Im Bereich der Technosphäre bedeutet dies für den christlich orientierten Forscher, wie ethisch verantwortbares Handeln zum Beispiel in das Programm selbst von vornherein einbezogen und eingebaut werden kann („Ethics by design“). Was das im Einzelnen bedeuten kann, zeigte Koch den gebannten Hörern anhand vieler technischer Details, doch nachvollziehbar, auf. Zugleich vermochte er es, seine Thesen anhand einiger Beispiele nicht nur im Bereich des Einsatzes von neuartigen Waffensystemen (FCAS), sondern auch des autonomen Fahrens oder anhand von Grenzfragen im medizinischen Bereich höchst anschaulich zu machen.  

Am Ende blieb leider nur noch wenig Zeit, die Konsequenzen im Bereich von Schule zu diskutieren. Diese beginnen bei der Frage, wie wir etwa ChatGPT soweit domestizieren können, dass die Schülerinnen und Schüler das eigenständige Denken nicht verlieren, und ist mit der Frage danach, wie wir im Verbund mit den Eltern unsere Kinder und Jugendlichen auf die Welt von morgen angemessen vorbereiten können, dass sie mit der modernen Technik in der Welt von heute verantwortlich umgehen können, nicht am Ende. Stoff genug also für viele weitere Tagungen – vielleicht nicht nur der Leiter unserer Schulen. Diese treffen sich online wieder im März 2024.