FSSPX Nachrichten & Veranstaltungen

Predigt zur Seminarprimiz von Pater Victor Pasichnik

11. August, 2018

Predigt von Pater François Berthod am 1. Juli 2018

Exzellenz, liebe Mitbrüder, liebe Familie und Freunde unseres Primizianten, die aus Russland angereist sind, liebe Gläubige, in Christus geliebter Pater Pasichnik.

Seit vierzig Jahren bemüht sich dieses Priesterseminar Herz Jesu um die Heranbildung guter, heiliger Priester, für die katholische, d. h. die universelle Kirche. Besonders widmet es sich der Heranbildung von Priestern für die germanischen Länder und für die Länder Ost-Europas. Es ist uns daher, nach vier Jahrzehnten, eine überaus große Freude, dieses Geschenk der göttlichen Güte empfangen zu dürfen: den ersten russischen Priester!

Lieber Victor, Ihr Weg bis zu diesem Altar Ihrer Primiz hat weniger als vierzig Jahre gedauert. Sie sind schneller als wir gewesen! Das heißt aber keineswegs, dass alles ohne Hindernisse und ohne Schwierigkeiten verlaufen wäre, ganz im Gegenteil! Und gerade dadurch wird die Kraft der Gnade Gottes, die unwiderstehliche Macht seines Rufes sichtbar.

Die Mehrheit der Berufungen in unserer Priesterbruderschaft wachsen auf dem guten Boden katholischer Familien, welche dem Dreieinigen Gott dem gebührenden Platz gewähren, aus Familien, die das Priestertum kennen, schätzen und ihre Religion mit seiner Hilfe eifrig leben. Ihnen sind solche Vorbereitungen vorenthalten worden. Und doch konnten Sie den Ruf der Gnade wahrnehmen und sind ihm gefolgt! Erstaunlich!

Sie mussten Ihre Kindheit unter dem sowjetischen Regime verbringen, in einer also atheistischen, ja gottfeindlichen Atmosphäre. Nach der Wende wurden Sie mit 13 Jahren in der orthodoxen russischen Kirche getauft. Erst während Ihres Universitätsstudiums fingen Sie an, sich mit Ihrer Religion auseinanderzusetzen: es folgten die Erstbeichte, die Erstkommunion … und Streitgespräche mit Katholiken. Völlig verblüfft gelangten Sie bald zu der Erkenntnis, dass eine andere Kirche die wahre ist.

Die wahre Religion, die eigentliche, durch unseren Herrn Jesus Christus gegründete Kirche, kann sich unmöglich in den geographischen Grenzen eines Staates einzäunen lassen! Eine Religion, eine Kirche, die sich damit abfinden kann, ihre Gewalt in die Hände einer politischen Macht zu legen, kann nicht die legitime Vertreterin des erhabenen Gottes sein. Die wahre Religion, die Kirche Jesu Christi, kann sich nicht in den Grenzen eines bestimmten Volkes oder einer bestimmten Kultur einzäunen lassen!

Wenn es nur einen Gott gibt, wenn der einzige Erlöser der Menschen Jesus Christus ist, wenn dieser Erlöser eine einzige Kirche gegründet hat, wenn diese Kirche uns schließlich in der anderen Welt mit Gott zu vereinigen hat, dann kann diese Kirche unmöglich in menschlichen Dimensionen eingegrenzt werden. Sie muss diese Dimensionen sprengen, übertreffen! Sie muss über alle Grenzen hinaus ausgebreitet sein: und dies ist eben die Bedeutung des Adjektivs ‚katholisch‘.

Der einzige Gott gibt allen Menschen eine einzige Religion, die eine universelle, eine ‚katholische‘ sein muss. Die wahre Kirche Jesu Christi muss alle Länder und Völker und Sprachen vereinigen und zugleich transzendieren!  So lautet der Introitus vom heutigen Festtag des Kostbaren Blutes unseres Herrn Jesus Christus: „ex omni tribu et lingua et populo et natione – aus allen Stämmen, Sprachen, Völkern und Nationen.“. Die Kirche muss sie zu etwas Höherem erheben, das sie alle übertrifft, und sie in diesem etwas Höherem, nämlich Gott selbst, vereinigen. Die Kirche, welche die Fähigkeit besitzt, alle menschlichen und irdischen Gesellschaften zu übertreffen und über all ihren ethnischen und völkischen Differenzen, die so oft für Feindschaften, Hass und Krieg sorgen, eine höhere Einheit zu schaffen vermag, diese Kirche macht damit sichtbar, dass sie das Werkzeug Gottes ist.

Lieber Victor, diese übermenschliche, diese göttliche Eigenschaft haben Sie in der katholischen Kirche erkannt, - trotz all dem Menschlichem und Sündhaftem, das es bei den Katholiken geben kann -, und Sie haben den Entschluss gefasst, einen großen, schwierigen Schritt zu tun: als geborener Moskauer, als Russe, der an seiner Heimat und an ihrer Geschichte hängt, der seine Sprache und sein Volk liebt und sie weder verraten noch verlassen will, haben Sie den Entschluss gefasst, die orthodoxe Kirche zu verlassen, um katholisch zu werden. (Uns Katholiken ist es gar nicht bewusst, aber vom Mitglied einer nationalen Kirche wird der Übertritt zu einer anderen Religion als Landesverrat empfunden. Einige schrecken davor zurück. Und es würde auch stimmen, wenn der Übertritt in eine weitere national gebundene Kirche führen würde. Die katholische Kirche aber ist eben nicht national gebunden.) Sie, P. Pasichnik, sind aber noch einen Schritt weiter gegangen. Sie hätten nach Ihrer Konversion die östliche Liturgie behalten können. Sie haben aber nach reiflicher Überlegung den römischen Ritus bewusst gewählt: eine tiefgehende Umstellung!

Erkenntnis der wahren Kirche, Entschluss ihr beizutreten, Entscheidung, den Priesterstand anzustreben, ihn dazu noch in der „berüchtigten“ Bruderschaft des Erzbischofs Lefebvre anzustreben, zu diesem Zweck zwei neue Sprachen zu lernen (Deutsch und Latein): Lieber Victor, ich frage Sie: Wie erklären Sie sich dieses Epos, von einer atheistischen Heimat aus, durch eine schismatische Kirche hindurch, an einem protestantisierten Messritus vorbei, bis zum katholischen Priestertum, bis zur Teilnahme an die Opferhandlung Jesu Christi am Altar! Wie erklären Sie sich das? Wer hat all diese Schwierigkeiten und Hindernisse überwunden? Heißt etwa der Held dieser Geschichte Victor? Nein! Lieber Victor, Sie wissen es besser als wir alle: nicht Sie haben das alles geschaffen, sondern die Gnade Gottes in Ihnen. Die sichere und starke Hand Gottes ist es, die Sie gelenkt hat. Seine Gnade ist es, die Sie getragen hat. In der Geschichte Ihrer Berufung wird die Kraft der Gnade Gottes sichtbar. – Sie dürfen nie vergessen, was die Gnade Gottes an Ihnen vollbracht hat!

Und nun, lieber Victor, sind Sie ein Priester Jesu Christi! Dazu bestimmt, für Ihn weitere Seelen aus den Fallstricken der Welt und der Sünde furchtlos loszureißen, sie mit der Kraft der Sakramente aus der Macht des Bösen zu entreißen, um sie auf dem Weg der Tugend und der Heiligkeit in Sicherheit voranschreiten zu lassen.

Was für ein Priester sollen Sie nun sein? Welches Ideal sollen Sie vor Augen haben? Der Schutzpatron unserer Gemeinschaft, der hl. Papst Pius X.., beschreibt es mit prägnanten Ausdrücken in seinem Mahnwort an den katholischen Klerus Hærent animo vom 04.08.1908: „Die Stellung des Priesters ist derart, dass er keineswegs für sich allein gut oder schlecht sein kann; sein Verhalten und seine Lebensführung hat im Gegenteil auf seine Mitmenschen die folgenschwersten Rückwirkungen.“ Und daraus zieht er den unerwarteten und ermutigenden Schluss: „Welch großes und unschätzbares Geschenk ist für seine Umgebung ein wirklich guter Priester!“1 Später präzisiert er: „Zwischen einem Priester und einem gewöhnlichen rechtschaffenen Menschen soll ein Unterschied sein wie zwischen Himmel und Erde.“2 Ach, wie beschämend ist es, solche Zeilen zu lesen! Wie entfernt sind wir Priester von diesem Ideal! Und doch haben wir es nötig, immer wieder solches zu hören! Der Stolze lehnt es ab und bastelt sich ein eigenes Ideal in Griffnähe. Die Demut wird aber denjenigen zu diesem Ideal empor schwingen lassen, der es betroffen anhört. Hören wir also den hl. Papst weiter: „Der Klerus muss sich durch ungewöhnliche Tugend auszeichnen, die schlechthin vorbildlich, tatkräftig und regsam ist, restlos bereit, für Christus Heldenhaftes zu leisten und zu erdulden.“3

Auf dieser Höhe befindet sich, lieber Pater Pasichnik, das Ideal des priesterlichen Lebens, das Sie nun begonnen haben: restlos bereit sein, in der totalen Verleugnung Ihrer selbst, in der täglichen Verleugnung Ihrer selbst, vieles zu erdulden, alles zu erdulden. Dazu bereit sein, jeden Tag, zu jeder Stunde alles zu erdulden, als Ihre Beteiligung an dem Leiden Christi. Dieses heilbringende Leiden, von dem Sie so sehr profitiert haben! Den glücklichen Ausgang Ihres spirituellen Epos verdanken Sie diesem Leiden und dem Leiden anderer Seelen für Sie. Nun sind Sie an der Reihe. Sie sind ein zweiter Christus, Sie haben sich nun an seinem erlösenden Leiden für andere zu beteiligen. Seien Sie also mutig, seien Sie großmütig, großherzig, um all die Unannehmlichkeiten, Beleidigungen und Taktlosigkeiten, alles, was so geeignet ist, die Schwächen unseres Temperamentes zu reizen, wie ein Lamm, das man zur Schlachtbank führt, anzunehmen. Bedenken Sie, dass es sich dabei für Sie nicht mehr um eine private Angelegenheit handelt; nun leiden Sie ex officio! Ihr priesterliches Merkmal fordert täglich seinen Anteil am Erlösungswerk Christi. Sakramental werden Sie es am Altar vollziehen: dies ist die Quelle; persönlich werden Sie es zu jeder Zeit fortsetzen: dies ist der Schlauch. Der hl. Pius X. schrieb weiter: „Aus der Tugend, die wir nach dem Sprachgebrauch des Evangeliums Selbstverleugnung nennen, fließen dem priesterlichen Wirken, Kraft, Segen und Erfolg zu.“4  Bedenken Sie all diese Seelen, deren Heil durch Gottes Ratschluss von Ihren Opfern abhängt! Als Sie selbst erfuhren, dass seit Fatima viele Katholiken zum Unbefleckten Herzen Mariens für Ihr Vaterland, für Russland den Himmel bestürmen, wurden Sie tief berührt. Schenken Sie nun selber anderen Seelen eine ähnliche Ermutigung! „Einer trage des anderen Last. So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ [Gal 6,5]

Ich habe das unbefleckte Herz Mariens erwähnt, … lieber Pater Pasichnik, wenn Sie der erste russische Priester in unseren Reihen sind, sind Sie deswegen nicht der erste Russe, der die Orthodoxie verlässt und katholischer Priester wird. Erlauben Sie mir abzuschließen, indem ich eine russische Persönlichkeit erwähne, die Ihnen vorangegangen ist: Es handelt sich um Graf Grigorij Petrovitch Chouvalov, 1804 in St. Petersburg geboren. Mit 37 wirft ihn eine schwere Prüfung in eine spirituelle Krise. Er begibt sich nach Paris. Dort begegnet er mehreren katholisch gewordenen Russen: Sophia Swetchine, Prinz Ivan Gagarin, Prinz Fiodor Galitzin und noch weiteren. Er befasst sich mit katholischer Literatur, und doch ist es die Lektüre eines Buches [von Muraviev, La Vérité de l’Église universelle au sujet du siège de Rome et des autres sièges patriarcaux, Saint-Pétersbourg, 1841], das die Orthodoxie gegen die katholische Kirche verteidigen wollte, das ihn von der Echtheit der katholischen Religion überzeugen wird. In ihrer universalen Einheit fand er das nötige Gegenstück zur Einheit der Wahrheit. Mit 39 wurde Graf Chouvalov katholisch, mit 52 trat er in Mailand in das Noviziat der Barnabiten ein, ein Jahr später empfang er die Priesterweihe. Am Tag seiner Weihe, während der Erhebung des Kelches richtete er an Gott folgende Bitte: „Mein Gott, gib mir, für würdig erachtet zu werden, mein Leben und mein Blut mit dem Deinen hinzugeben, für die Verherrlichung der unbefleckten Jungfrau durch die Bekehrung Russlands.“5 19 Monate später, im Alter von 55 Jahren, verließ er die streitende Kirche, um in die triumphierende überzugehen. Dazwischen hatte er zahlreiche Seelen gewonnen und, parallel zum Petrusverein in Deutschland ein Werk für die Bekehrung Russland zum katholischen Glauben gegründet. Den Mitgliedern dieser beiden Vereine wurde empfohlen, jeden ersten Samstag des Monats für die Bekehrung Russland zu beten. Papst Pius IX. erteilte ihnen Ablässe, wenn sie an diesem Tag die hl. Messe beiwohnten und die Sakramente der Beichte und der Kommunion empfingen. Seit 1917 und den Erscheinungen der Muttergottes in Fatima hat dieses Anliegen einen neuen Schwung erhalten.

Lieber Pater Pasichnik, möge die Unbefleckte Jungfrau Maria Ihr priesterliches Herz so formen, dass Sie nie vergessen, was die Gnade vermag, wie sie aus den ungünstigsten Voraussetzungen die Herzen doch erreichen kann. Möge sie Ihnen diese Geduld, diese Güte, diesen Langmut geben, die sich von keinem Hindernis entmutigen lassen. Sie wurden am Fest einer Kirchweihe [der Kathedralkirche der Diözese Regensburg, in der Zaitzkofen liegt; 30. Juni]  zum Priester geweiht, während die Kirche singt [3. Antiphon zur  Vesper]: „Hæc est domus Domini, firmiter ædificata, bene fundata est supra firmam petram – Das ist das Haus des Herrn, fest gegründet; gut ist es gebaut auf starkem Felsen-Grund“. Möge die Gottesmutter Ihnen eine unerschütterliche Anhänglichkeit und Treue zum Stuhl Petri verleihen, in welchem Sie das Prinzip der katholischen Einheit gefunden haben.

Amen.

 

Anmerkungen

1 Hl. Papst Pius X., Hærent animo, 04.08.1908. Paulusverlag 1953, Heilslehre der Kirche, S. 776, Nr. 1183.

2 Idem, ibidem, S. 780, Nr. 1189.

3 Idem, ibidem, S. 794, Nr. 1211.

4 Idem, ibidem, S. 781-782, Nr. 1191.

5 Correspondance européenne, Nr. 337, 10.07.2017, S. 4.