Offener Brief von Erzbischof Lenga

2015
Quelle: Distrikt Deutschland

Erzbischof Lenga aus Kasachstan hat sich bei der Bischofssynode über die Eucharistie (2. - 23. Oktober 2005 in Rom) entschieden für die Mund- und gegen die Handkommunion ausgesprochen. Seine jetzige offene Stellungnahme findet gewiss das Interesse unserer Leser. Wir sehen allerdings die Qualifikationen, die er den Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. zugesteht, mit deutlich mehr Vorbehalt. Auch scheint uns eine kleine Unlogik darin zu liegen, vom heiligen Papst Johannes Paul II. zu sprechen, wenn dieser es versäumt hat, sich um die Bischofsernennungen zu kümmern, d.h. seine Standespflicht als Papst nur unvollkommen erfüllt hat. Trotzdem muss man dem Erzbischof für seine mutigen und offenen Worte in unserer heutigen Zeit überaus dankbar sein.

Gedanken zu einigen gegenwärtigen Problemen bezüglich der Krise der katholischen Kirche

Ich habe die Erfahrung gemacht, mit Priestern zusammenzuleben, die in stalinistischen Gefängnissen und Straflagern inhaftiert waren und dennoch der Kirche treu geblieben sind. Während der Zeit der Verfolgung haben sie ihre priesterliche Pflicht voller Liebe erfüllt,  indem sie die katholische Lehre verbreitet haben und so auch ein Leben geführt haben, das würdig war in die Nachfolge Christi, ihres himmlischen Meisters.

Ich selbst habe meine Ausbildung zum Priester an einem Untergrund-Seminar in der Sowjetunion abgeschlossen. Ich wurde heimlich nachts von einem frommen Bischof zum Priester geweiht, der selbst um des Glaubens willen leiden musste. In meinem ersten Jahr als Priester musste ich die Erfahrung machen, vom KGB aus Tadschikistan vertrieben zu werden.

In der Zeit danach, während meines 30-jährigen Aufenthalts in Kasachstan habe ich 10 Jahre als Priester gedient und mich dabei um das gläubige Volk an 81 verschiedenen Orten gekümmert. Dann habe ich 20 Jahre als Bischof gedient, ursprünglich als Bischof  in fünf Staaten Zentralasiens mit einem Gesamtgebiet von etwa 4 Millionen Quadratkilometern.

In meinem Amt als Bischof hatte ich Kontakt mit dem heiligen Papst Johannes Paul  II.,  mit vielen Bischöfen, Priestern und Gläubigen in verschiedenen Ländern und unter verschiedenen Umständen. Ich war Mitglied einiger Versammlungen der Bischofssynode im Vatikan, die sich mit Themen wie „Asien“ und  „Die Eucharistie“ beschäftigte.

Diese und andere Erfahrungen dienen mir als Grundlage, meine Meinung hinsichtlich der gegenwärtigen Krise der katholischen Kirche zum Ausdruck zu bringen. Dies sind meine Überzeugungen, und sie werden bestimmt durch meine Liebe zur Kirche und dem sehnlichen Wunsch nach ihrer authentischen Erneuerung in Christus. Ich sehe mich gezwungen, zu diesem Mittel der öffentlichen Meinungsäußerung zu greifen, da ich befürchte, dass jede andere Methode gegen eine Mauer des Schweigens und der Missachtung prallen würde.

Ich bin mir der möglichen Reaktionen auf meinen offenen Brief durchaus bewusst. Dennoch gestattet es mir die Stimme meines Gewissens nicht, länger zu schweigen, während das Werk Gottes zunehmend in den Schmutz gezogen wird. Jesus Christus hat die katholische Kirche gegründet und uns gezeigt, wie wir in Wort und Tat den Willen Gottes erfüllen sollen. Die Apostel,  denen er die Autorität in der Kirche verliehen hatte, erfüllten die ihnen anvertraute Pflicht voller Eifer; und sie haben gelitten um der Wahrheit willen, die verkündet werden musste, denn sie haben „Gott mehr gehorcht als den Menschen“.

Unglücklicherweise wird in unseren Tagen in zunehmendem Maße offensichtlich, dass der Vatikan durch das Staatssekretariat den Kurs der politischen Korrektheit eingeschlagen hat.

So mancher Nuntius wurde zum Verbreiter des Liberalismus und Modernismus. Diese wurden zu Experten im Prinzip sub secreto pontificio, durch das man Bischöfe manipuliert und zum Schweigen bringt. Denn das, was ein Nuntius ihnen sagt, scheint der sichere Wunsch des Papstes zu sein. Mit solchen Methoden spaltet man die Bischöfe untereinander, so dass die Bischöfe eines Landes nicht mehr länger mit einer Stimme sprechen können im Geiste Christi und seiner Kirche, um den Glauben und die Moral zu verteidigen. Um nicht in Ungnade bei einem Nuntius zu fallen, akzeptieren manche Bischöfe dessen Empfehlungen, die manchmal auf nichts weiter beruhen als auf seinen eigenen Worten. Statt also voller Eifer den Glauben zu verbreiten und mutig die Lehre Christi zu verkünden sowie stark zu bleiben in der Verteidigung des Glaubens und der Moral, beschäftigen sich die Bischofskonferenzen bei ihren Zusammenkünften oft mit Themen, die den Pflichten der Apostel-Nachfolger ihrer Natur nach völlig fremd sind.

Auf allen Ebenen der Kirche kann man eine offensichtliche Abnahme des sacrum [Heiligen] beobachten. Die Hirten nähren sich vom Geist der Welt. Die Sünder geben der Kirche Anweisungen, wie diese ihnen zu dienen habe. In ihrer Verlegenheit schweigen die Hirten zu den gegenwärtigen Problemen und lassen die Schafe alleine, sie kümmern sich nur noch um ihr eigenes Wohlergehen. Die Welt wird vom Teufel versucht und widersetzt sich der Lehre Christi. Nichtsdestotrotz sind die Hirten verpflichtet, die ganze Wahrheit zu lehren über Gott und die Menschen, „sei es gelegen oder ungelegen“.

Man konnte jedoch in der Kirche während der Regentschaft der letzten heiligen Päpste die allergrößte Unordnung beobachten, sowohl hinsichtlich der Reinheit der Lehre  als auch der Heiligkeit der Liturgie. Darin wird Jesus Christus nicht mehr die sichtbare Ehre erwiesen, welche ihm gebührt.

In nicht wenigen Bischofskonferenzen sind die besten Bischöfe persona non grata. Wo sind die Apologeten unserer Tage, die den Menschen in klarer und verständlicher Weise die Bedrohung und das Risiko des Glaubens- und Heilsverlustes darlegen?

In unserem Tagen ähnelt die Stimme der Mehrheit der Bischöfe mehr dem Schweigen der Lämmer im Angesicht  der grimmigen Wölfe, und die Gläubigen werden schutzlos zurückgelassen wie Schafe.

Christus wurde von den Menschen erkannt als jemand, der sprach und der wirkte, als jemand, der Macht hatte;  und diese Macht hat er seinen Aposteln übertragen. In der heutigen Welt müssen sich die Bischöfe von den weltlichen Bindungen lösen und - nachdem sie Buße getan haben-  sich wieder Christus zuwenden, auf dass sie vom Heiligen Geist gestärkt wieder Christus als den einen und einzigen Erlöser verkünden. Schließlich muss man am Ende Gott Rechenschaft ablegen für alles, was man getan hat, und alles, was man unterlassen hat.

Meines Erachtens ist die schwache Stimme vieler Bischöfe eine Folge dessen, dass im Auswahlverfahren für die Ernennung neuer Bischöfe die Kandidaten nur ungenügend geprüft werden hinsichtlich ihrer unzweifelhaften Standhaftigkeit und Furchtlosigkeit, was die Verteidigung des Glaubens betrifft; und auch hinsichtlich ihrer Treue zu den jahrhundertealten Traditionen der Kirche sowie ihrer persönlichen Frömmigkeit. Was die  Ernennung neuer Bischöfe und sogar Kardinäle betrifft, wird zunehmend offenbar, dass manchmal jene bevorzugt werden, die eine bestimmte Ideologie vertreten, und manchmal auch Gruppierungen, die völlig außerhalb der Kirche stehen und die Ernennung eines bestimmten Kandidaten durchgesetzt haben. Weiterhin scheint es, als berücksichtigte man auch oft die Gunst der Massenmedien, die üblicherweise die heiligen Kandidaten zum Gespött machen, indem sie ein negatives Bild von ihnen zeichnen; wohingegen die Kandidaten, denen nur in einem geringeren Maße der Geist Christi zu eigen ist, als offen und modern gepriesen werden.

Auf der anderen Seite werden diejenigen Kandidaten willentlich ausgelassen, die sich durch apostolischen Eifer auszeichnen, die Mut in der Verkündigung der Lehre Christi haben, und die eine tiefe Liebe für alles Heilige zeigen.

Ein Nuntius sagte mir einmal:  „Es ist ein Jammer, dass der Papst [Johannes Paul II.] nicht persönlich an der Ernennung der Bischöfe teilnimmt. Der Papst versuchte, etwas in der römischen Kurie zu verändern, er war jedoch nicht erfolgreich. Er wird älter, und die Dinge nehmen ihren üblichen Lauf.“

Zu Beginn des Pontifikats von Papst Benedikt XVI. schrieb ich ihm einen Brief, in dem ich ihn darum bat, heilige Bischöfe zu ernennen. Ich berichtete ihm von einem deutschen Laien, der angesichts des Niedergangs der Kirche in seinem Land nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil Christus treu blieb und junge Leute zur Anbetung und zum Gebet um sich sammelte. Dieser Mann stand dem Tode nahe, und als er von der Wahl des neuen Papstes hörte, sagte er: " Wenn Papst Benedikt sein Pontifikat nur zu dem einen Zweck nutzen wird, würdige,  gute und gläubige Bischöfe zu ernennen, dann wird er seine Aufgabe erfüllt haben."

Unglücklicherweise ist offensichtlich, dass Papst Benedikt XVI. in dieser Angelegenheit nicht erfolgreich war. Es fällt schwer zu glauben, dass Papst Benedikt XVI. aus freien Stücken von seinem Amt als Nachfolger Petri zurückgetreten ist. Benedikt XVI. war das Oberhaupt der Kirche, seine Umgebung jedoch hat dafür gesorgt, dass seine Lehren kaum Früchte trugen, und hat diese oft einfach schweigend übergangen. Man hat sich seinen Initiativen für eine authentische Reform der Kirche und der Liturgie und der Art und Weise, wie die heilige Kommunion gespendet wird, einfach widersetzt.

Angesichts des hohen Ausmaßes an Geheimhaltung innerhalb des Vatikans war es für viele Bischöfe realistischer Weise unmöglich, den Papst besser bei seiner Aufgabe als Haupt und Regent der ganzen Kirche zu unterstützen.

Es wird an dieser Stelle nicht überflüssig sein, meine Brüder im Bischofsamt an eine Erklärung zu erinnern, die von einer italienischen Freimaurerloge im Jahre 1820 abgegeben wurde:  „Unsere Arbeit ist die Arbeit eines Jahrhunderts. Lassen wir die älteren Leute, wie sie sind, und wenden wir uns der Jugend zu. Die Seminaristen werden zu Priestern mit unseren liberalen Ideen werden. Wir wollen uns nicht in falschen Hoffnungen wiegen.  Wir werden aus dem Papst keinen Freimaurer machen. Jedoch werden liberale Bischöfe in der Umgebung des Papstes arbeiten, und sie werden ihm bei seiner Aufgabe, die Kirche zu regieren, solche Ideen und Gedanken unterbreiten, die für uns vorteilhaft sind, und der Papst wird diese dann in die Tat umsetzen.“ Diese Absicht der Freimaurer ist seither in immer offenerer Weise umgesetzt worden, nicht nur durch die erklärten Feinde der Kirche, sondern auch unter der stillschweigenden Duldung falscher Zeugen, die höchste Ämter innerhalb der kirchlichen Hierarchie bekleiden. Nicht ohne Grund sagte der selige Papst Paul VI.: „Durch einen Spalt ist der Rauch Satans in die Kirche eingedrungen.“ Ich denke, dass dieser Spalt in unseren Tagen sehr weit geworden ist, und dass der Teufel alle Kräfte bemüht, um die Kirche Christi zu untergraben und zu Fall zu bringen. Um das zu verhindern, ist es notwendig, zu der unverfälschten und klaren Verkündigung des Evangeliums auf allen Ebenen des kirchlichen Amtes zurückzukehren. Die Kirche besitzt nämlich alle Macht und alle Gnade, die Christus selbst ihr verliehen hat. „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.  Geht darum hin und macht alle Völker zu Jüngern, indem ihr sie tauft auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und sie lehrt, alles zu halten, was ich euch aufgetragen habe. Seht, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,18-20), „und die Wahrheit wird euch frei machen” (Joh 8,32) und „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein, alles andere stammt vom Bösen” (Mt 5,37). Die Kirche kann sich nicht dem Geist dieser Welt anpassen, vielmehr ist es ihre Aufgabe, diese Welt zum Geist Christi hin umzuwandeln.

Es ist offensichtlich, dass es im Vatikan eine Tendenz gibt, sich mehr und mehr dem Lärm der Massenmedien zu beugen. Es kommt nicht selten vor, dass im Namen von Ruhe und Frieden, die völlig unverständlich sind, die besten Söhne und Diener der Kirche geopfert werden, um die Massenmedien zufrieden zu stellen. Die Feinde der Kirche dagegen liefern ihre treuen Diener nicht einmal dann aus, wenn deren Taten ganz offensichtlich übel sind.

Wenn wir Christus in Wort und Tat treu bleiben wollen, wird Er selbst die Mittel finden, um die Herzen und  Seelen der Menschen umzugestalten, und auch die Welt wird zur rechten Zeit verändert werden.

In Zeiten der Krise der Kirche hat Gott oft zu deren wahrer Erneuerung die Opfer, die Tränen und die Gebete jener Kinder und Diener der Kirche genutzt, die in den Augen der Welt und der kirchlichen Bürokratie als unbedeutend erachtet wurden, oder die auf Grund ihrer Treue zu Christus verfolgt und an den Rand gedrängt wurden. Ich glaube, dass in unserer schwierigen Zeit dieses Gesetz Christi zur Anwendung gelangt, und dass die Kirche sich erneuern wird, wenn jeder einzelne von uns sich selbst innerlich im Glauben erneuern wird.                                 

1. Januar 2015, am Hochfest der Gottesmutter Maria

+ Jan Pawel Lenga