Marienmonat Mai: Das universelle Königtum Mariens

29. April 2020
Quelle: Distrikt Deutschland

Von Pater Réginald Garrigou-Lagrange O.P. (1877–1964)

Der Dominikaner Réginald Garrigou-Lagrange (1877–1964) lehrte an der Päpstlichen Hochschule „Angelicum“ in Rom. Er gehörte zu den großen Theologen der Pianischen Epoche. Der Sarto-Verlag hat zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung seiner Mariologie herausgebracht. Seine Gedanken über das Königtum Mariens seien hier als Buchauszug vorgestellt.

Der Mensch Jesus Christus, dessen Persönlichkeit göttlich ist, ist aufgrund der hypostatischen Union König des Universums. Als Mutter des menschgewordenen Gottes gehört Maria der Ordnung der hypostatischen Union an und hat Anteil an der Würde ihres Sohnes, denn seine Person ist ja das Ziel der Gottesmutterschaft.

Also hat sie in ihrer Eigenschaft als Mutter Gottes von Natur aus Anteil an seinem universalen Königtum. Auch aus Dankbarkeit war es sich Christus selbst schuldig, jener dieses Vorrecht zuzuerkennen, die ihm seine menschliche Natur geschenkt hat.

Darüber hinaus ist Christus durch seine Gnadenfülle und durch seinen Sieg auf Kalvaria über den Teufel und über die Sünde, der ein Sieg seiner Demut und seines Gehorsams bis zum Tod am Kreuz war, König des Universums. „Darum hat ihn Gott auch so hoch erhoben und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist: Im Namen Jesu sollen sich aller Knie beugen im Himmel, auf Erden und unter der Erde. Alle Zungen sollen zur Ehre Gottes des Vaters bekennen: Jesus Christus ist der Herr.“

Indem Maria sich vor allem auf Kalvaria mit den Leiden und Demütigungen des fleischgewordenen Wortes vereinigte, wurde sie so innig wie nur irgendwie möglich seinem Sieg über den Teufel und über die Sünde verbunden und ebenso dann seinem Sieg über den Tod. So ist sie also auch wahrhaftig mit seinem universalen Königtum verbunden.

Man gelangt zu demselben Schluss, wenn man die enge Beziehung zwischen der allerseligsten Jungfrau und Gottvater betrachtet, dessen erste Adoptivtochter sie ist, diejenige, die in der Gnade am meisten erhöht worden ist, und die Beziehung mit dem Heiligen Geist, denn durch sein Wirken hat sie das fleischgewordene Wort empfangen.

Man hat eingewendet: Die Mutter eines Königs, die oft Königinmutter genannt wird, ist aufgrund dieser Tatsache nicht Königin im eigentlichen Sinn; sie hat aus diesem Grund noch keine königliche Autorität; in gleicher Weise hat auch die Mutter des Christkönigs nicht deshalb im eigentlichen Sinne Anteil an seinem Königtum. [...] Antwort: Das ist nicht das Gleiche, denn die Mutter eines Königs ist lediglich die Mutter eines Kindes, das später König wird, während Maria die Mutter des menschgewordenen Gottes ist, welcher vom Augenblick seiner Empfängnis an durch die hypostatische Union und die Fülle der Gnade König des Universums ist. Darüber hinaus ist Maria so eng wie nur irgendwie möglich mit seinem Sieg über den Teufel und die Sünde verbunden, weshalb er durch das Recht der Eroberung das universale Königtum innehat, obgleich es bereits sein Erbe als Gottessohn ist. So ist sie also auch mit seinem universalen Königtum im eigentlichen Sinn verbunden, obgleich in einer ihm untergeordneten Art und Weise.

Aus dieser Wahrheit ergeben sich viele Folgerungen: So wie Christus nicht nur deshalb universaler König ist, weil er die Macht hat, das neue Gesetz aufzurichten und zu promulgieren, die geoffenbarte Lehre vorzulegen, die Lebenden und die Toten zu richten, aber auch die Macht, die heiligmachende Gnade, die er uns verdient hat, auszuspenden sowie den Glauben, die Hoffnung, die Liebe und alle weiteren Tugenden, um das göttliche Gesetz zu befolgen, so hat Maria an seinem universalen Königtum vor allem auf die Weise Anteil, dass sie uns auf eine innerliche und verborgene Weise alle Gnaden ausspendet, die wir empfangen und die sie uns im Verein mit ihrem Sohn verdient hat. Sie hat auch in äußerer Weise daran Anteil, insofern sie uns einst das Beispiel aller Tugenden gegeben hat, weil sie durch ihre Worte dazu beigetragen hat, die Apostel zu erleuchten, und weil sie auch uns weiterhin erleuchtet, wenn sie sich in äußerer Gestalt, z. B. an Heiligtümern wie Lourdes, La Salette, Fatima und anderen Orten zeigt. Die Theologen merken jedoch an, dass sie, wie es scheint, nicht speziell an der richterlichen Gewalt Anteil hat, welche Strafen für die begangenen Sünden verhängt, denn die Tradition nennt Maria nicht Königin der Gerechtigkeit, sondern „Königin der Barmherzigkeit“, was ihr auf Grund ihrer Eigenschaft als Mittlerin aller Gnaden zukommt.

Anscheinend hat sich Jesus die Herrschaft der Gerechtigkeit vorbehalten, die ihm als „Richter über die Lebenden und die Toten“ (Apg 10,42) zukommt. Maria hat ein wurzelhaftes Recht auf diese universelle Königsherrschaft, seit sie die Mutter Gottes wurde, aber nach der Anordnung der göttlichen Vorsehung musste sie sich dieses Königtum auch verdienen, indem sie sich mit dem Opfer ihres Sohnes vereinigte, und sie übt diese Königsherrschaft erst gänzlich aus, seit sie in den Himmel aufgenommen und dort zur Königin der gesamten Schöpfung gekrönt wurde.

Es ist eher ein geistliches und übernatürliches Königreich als ein zeitliches und natürliches, obwohl es sich in zweiter Linie auch auf zeitliche Dinge erstreckt, insofern diese eine Beziehung auf die Heiligung und das Heil haben.

Auf Erden wird dieses Königtum durch die Ausspendung aller Gnaden, die wir empfangen, ausgeübt, aber auch durch das Eingreifen Mariens in ihren Heiligtümern, wo sie ihre Wohltaten vermehrt ausgießt. Im Himmel wird es im Hinblick auf die Seligen ausgeübt, deren wesentliche Herrlichkeit von den Verdiensten des Erlösers und seiner heiligen Mutter abhängt. Deren akzidentelle Herrlichkeit wie auch jene der Engel vermehrt sich durch die Erleuchtungen, die sie ihnen verleiht, durch die Freude, die sie an ihrer Gegenwart haben, aber auch durch alles, was sie für das Heil der Seelen tut. Den Engeln und den Heiligen tut sie den Willen Christi für die Ausbreitung seiner Herrschaft kund.

Diese Königsherrschaft Mariens erstreckt sich, wie wir bereits sagten, auch auf das Fegefeuer in dem Sinn, dass sie die Gläubigen auf Erden dazu bringt, für die an diesem Ort des Leidens

zurückgehaltenen Seelen zu beten. Sie gibt uns ein, Messen für diese Seelen lesen zu lassen, und stellt Gott unsere Bitten vor, was deren Wert vermehrt. Im Namen des Herrn wendet sie jenen Seelen, die leiden, die Früchte der Verdienste und Sühneleistungen Christi, aber auch ihre eigenen Verdienste und Sühneleistungen zu. Schließlich erstreckt sich dieses Königtum der allerseligsten Jungfrau auch auf die Dämonen, die zitternd und bebend ihre Macht anerkennen müssen, denn sie kann die Versuchungen beseitigen, die jene herbeiführen, sie kann bewirken, dass deren Fallen gemieden und ihre Angriffe abgewehrt werden. „Sie leiden

mehr darunter“, sagt der hl. Grignion von Montfort, „durch die Demut Mariens besiegt als direkt durch Gottes Allmacht zermalmt zu werden.“ Wie wir bereits weiter oben gesehen haben, erstreckt sich ihre Herrschaft der Barmherzigkeit auch auf die Hölle, und zwar in dem Sinn, dass die Verdammten weniger bestraft werden, als sie es verdienen, und dass an bestimmten Tagen, wie wohl am Tag ihrer Aufnahme in den Himmel, deren Leiden gemildert werden oder zumindest weniger schwer zu ertragen sind.

Dieser letzte Punkt zeigt, dass das Königtum Mariens wahrhaft universell ist, denn es gibt keinen Ort, an dem es nicht in irgendeiner Weise ausgeübt wird.

 

Réginald Garrigou-Lagrange O.P.
Die Mutter des Erlösers & unser inneres Leben 
Übersetzt von Joachim Volkmann
geb. 384 Seiten
€ 19,80 (D). Preise für A und CH bitte erfragen.
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