Kleine Schule des Gebetes: 3. Das betrachtende Gebet

2019
Quelle: Distrikt Deutschland

Als Kinder Gottes sind wir dazu berufen, in einen immer vertrauteren Kontakt mit Gott zu treten. Die besondere Weise, in der Gott durch die heiligmachende Gnade im Herzen der Gläubigen wohnt, besteht nach der Ansicht der Theologen gerade darin, dass Gott als Gegenstand der Erkenntnis und Liebe in der Seele gegenwärtig wird.

Gott ist ja überall. Er ist also auch vom Sünder nicht physisch getrennt, denn sonst wäre er nicht allgegenwärtig. Aber im Sünder ist Gott nur als Schöpfer und erzürnter Herr. Der Mensch in der Todsünde kann keine lebendige Beziehung mit Gott eingehen. Genau das wird aber durch die Gnade möglich. Gott lässt sich von seinen Kindern in einer geheimnisvollen Weise erkennen und entzündet in ihren Herzen die Liebe. Diese Gotteserkenntnis ist nicht klar und offen wie die Schau Gottes im Himmel, sondern bleibt dunkel. Sie beruht auf dem Glauben. Aber es ist doch eine lebendige und in gewissem Sinn erfahrungsmäßige Erkenntnis und darum auch eine lebendige Liebe, die aus ihr folgt.

Die Wichtigkeit des betrachtenden Gebets

Die Übung des betrachtenden Gebets ist nun praktisch unabdingbar, um zu dieser tiefen Erkenntnis Gottes und der Vertrautheit mit ihm zu gelangen, denn die Gnade gibt zwar die Möglichkeit dazu, aber es braucht auch noch unser Zutun. Wie sollte man anders Gott und Jesus Christus kennenlernen, als indem man ihn betrachtet und über ihn nachdenkt? Durch diese Betrachtung wächst dann auch die Liebe in uns, denn wenn man sich die Größe, Schönheit und Güte Gottes vor Augen hält, wird dadurch auch die Liebe zu ihm entzündet. Man kann ja nur das lieben, dessen Liebenswürdigkeit man kennt.

Auch andere geistliche Dinge können Gegenstand einer solchen Betrachtung sein, wie z. B. unsere Berufung zum ewigen Leben, die Notwendigkeit des Todes und des darauffolgenden Gerichts, die Hässlichkeit der Sünde und ihre Strafen usw. Wie es von Maria heißt, dass sie die Ereignisse um die Geburt Jesu herum in ihrem Herzen bewahrte und erwog (vgl. Lk 1,19), so müssen auch wir die Wahrheiten unseres Glaubens in unserem Herzen erwägen und betrachten, damit sie uns nicht fremd bleiben, sondern wir in ihnen heimisch werden und aus ihnen leben.

Die Heiligen sagen zudem, dass die schwere Sünde und das betrachtende Gebet auf Dauer nicht zusammen in der Seele bestehen können, denn entweder werde man das betrachtende Gebet aufgeben oder den Stand der Todsünde verlassen. Die hl. Theresa von Avila schreibt darum, der Herr werde eine Seele trotz aller Sünden, Versuchungen und tausenderlei Fehler, die der Teufel in ihr anstiftet, zuletzt dennoch in den Hafen des Heils einführen, wenn sie nur im betrachtenden Gebet verharre.[1] Die Beständigkeit im betrachtenden Gebet ist darum ein Zeichen der Auserwählung.

Die Methode des hl. Ignatius von Loyola

Die hl. Theresa schreibt zwar: „Das innere Gebet ist meiner Ansicht nach nichts anderes als ein freundschaftlicher Austausch, bei dem wir oft allein mit dem sprechen, von dem wir wissen, dass er uns liebt“,[2] aber besonders dem Anfänger in dieser Gebetsweise ist sehr zu raten, sich einer Methode zu bedienen. Unter den verschiedenen Betrachtungsmethoden kommt derjenigen des hl. Ignatius von Loyola ein ausgezeichneter Platz zu. Der Heilige beschreibt sie in seinem Exerzitienbuch, und sie hat schon zahllosen Exerzitienteilnehmern geholfen, sich in das betrachtende Gebet einzuüben. Die Betrachtung hat hier drei Abschnitte: die Vorbereitung, die eigentliche Betrachtung und den Abschluss.

Die Vorbereitung der Betrachtung besteht darin, sich zunächst die Gegenwart Gottes bewusst zu machen, wie es schon in der letzten Folge dieser Serie beschrieben wurde, und Gott darum zu bitten, die Betrachtung einzig zu seiner Ehre und Verherrlichung machen zu dürfen. Ob uns die Betrachtung schwerfällt oder nicht, spürbaren Trost und Gewinn bringt oder nicht, ist nicht entscheidend; wichtig ist nur, dass wir diese Zeit für Gott verwenden wollen.

Ein wichtiger Punkt ist sodann die „Zurichtung des Schauplatzes“. Damit meint der hl. Ignatius, dass man sich eine bildliche Vorstellung von dem zu betrachtenden Gegenstand machen soll. Will man also eine Szene aus dem Leben Jesu oder Mariens betrachten, so soll man sich diese Szene möglichst gut vorstellen. Bei der Verkündigung Mariens z. B. soll man sich den Raum vorstellen, in dem Maria sich aufhält, ihre Kleidung und Haltung; auch den Engel soll man sich genau vorstellen, wie er Maria ehrfürchtig grüßt und ihr die Botschaft Gottes bringt. Betrachtet man die Geißelung Jesu, stellt man sich Jesus vor, wie er mit Ketten an die Geißelsäule gebunden ist, die Folterknechte, wie sie auf ihn einschlagen, die umstehenden Soldaten usw. Dabei geht es nicht um historische Genauigkeit, sondern nur darum, ein Bild vor Augen zu haben, an dem man sich festhalten und zu dem man bei Zerstreuungen immer wieder zurückkehren kann.

Schwieriger ist die Zurichtung des Schauplatzes, wenn man unanschauliche Dinge betrachtet. Will man z. B. über die Hässlichkeit der Sünde meditieren, kann man sich die Sünde wie eine eiternde Wunde oder einen grässlichen Aussatz an der Seele vorstellen. Eine Seele in der Gnade stellt man sich dagegen in hellem Glanz, wie von Licht durchflutet vor. Stellt man eine Betrachtung über Gott an, kann man sich an den Bildern der christlichen Ikonographie orientieren. Natürlich entsprechen diese Bilder und Vorstellungen nicht getreu der Wirklichkeit, aber da wir uns geistige Realitäten nicht so vorstellen können, wie sie wirklich sind, brauchen wir solche Bilder.

Schließlich soll man von Gott noch eine besondere Gnade erbitten, die man durch die Betrachtung erlangen will. Diese ist je nach dem Gegenstand der Betrachtung verschieden: eine tiefe Reue über die Sünden, Mitleiden mit dem leidenden Heiland, Freude über die Auferstehung Christi und die Erlösung usw.

Nun beginnt die eigentliche Betrachtung. Der hl. Ignatius empfiehlt hier die Anwendung von Gedächtnis, Verstand und Willen. Man ruft sich also zuerst den Gegenstand der Betrachtung ins Gedächtnis und versucht dann, mit dem Verstand darüber nachzudenken, indem man z. B. die Schwere der Sünde erwägt und sich bewusst macht, welche Undankbarkeit sie darstellt; oder indem man sich vor Augen hält, wer derjenige ist, der für uns Mensch geworden ist und gelitten hat. Wichtig ist dann, auch Willensentschlüsse zu fassen, indem man z. B. Abscheu über die Sünde erweckt und den Vorsatz, sie zu meiden, oder Akte der Liebe zu Christus und den Vorsatz, ihm treu nachzufolgen.

Betrachtet man Szenen aus dem Leben Christi oder Mariens, empfiehlt sich die sog. „Anwendung der Sinne“, d. h., man schaut mit dem geistigen Auge die Personen und was sie tun; man hört die Worte, die sie sprechen, oder das Rauschen der Wellen des Sees Genezareth, das Geschrei der Volksmenge usw. Man kann auch den Wind oder das Wasser fühlen und eventuell auch den Geschmacks- und Geruchssinn anwenden. Wichtig ist, dass man versucht, sich eine Szene so vorzustellen, als wäre man selbst dabei gewesen.

Gerade für den Anfänger im betrachtenden Gebet ist es wichtig, sich mehrere Punkte für die Betrachtung vorzunehmen, damit ihm der Stoff nicht zu schnell ausgeht. So betrachtet man etwa bei der Heimsuchung Mariens den Weg von Nazareth nach Judäa, dann, wie Maria Elisabeth grüßt und der hl. Johannes im Schoß der Elisabeth aufhüpft und von der Erbsünde gereinigt wird, wie Elisabeth vom Heiligen Geist erleuchtet Maria die „Mutter des Herrn“ nennt und sie seligpreist, schließlich das Magnifikat der Muttergottes. Bei der Betrachtung der Kreuzigung hält man sich nicht nur Jesus am Kreuz vor Augen, sondern auch die verschiedenen Worte, die er spricht, die Lästerungen der Umstehenden, die Muttergottes und Johannes unter dem Kreuz, schließlich auch noch die Durchbohrung der Seite Jesu und die Kreuzabnahme. Natürlich muss man nicht meinen, unbedingt alle Punkte betrachten zu müssen, die man sich vorgenommen hat. Je länger man bei einem Punkt verweilen kann, desto besser ist es.

Den Abschluss der Betrachtung bildet bei Ignatius ein Gespräch, das man mit Jesus oder Maria oder auch mit beiden führen soll. Hier soll man so vertrauensvoll zum Heiland sprechen, wie ein Jünger zu seinem Meister, ja sogar wie ein Freund zu seinem Freunde; zu Maria spricht man wie zu seiner himmlischen Mutter. Dieses Gespräch ist wichtig, um den direkten Kontakt mit Gott oder der Muttergottes herzustellen, da die Betrachtung sonst leicht zu theoretisch bleibt.

Gut ist auch der Rat des hl. Franz von Sales, einen „geistlichen Blumenstrauß“ aus der Betrachtung mitzunehmen. Damit meint er zwei oder drei wichtige Gedanken, die man in der Betrachtung erwogen hat und auf die man während des Tages immer wieder kurz zurückkommt. Damit hat die Betrachtung eine Auswirkung auf den ganzen Tag.

Im Laufe der Zeit wird die Betrachtung vielleicht etwas freier werden. Man muss sich nicht sklavisch an eine Methode halten, denn diese ist kein Selbstzweck, sondern soll nur eine Hilfe sein. Man sollte sich aber auch nicht zu schnell von der Methode lösen, da dies dazu führen kann, die Zeit der Betrachtung nur in irgendwelchen Träumereien zu verbringen. Eventuell muss man eben wieder auf die Methode zurückkommen.

Als Gegenstand der Betrachtung kann man ein Stück aus dem Evangelium oder überhaupt etwas aus der Hl. Schrift nehmen. Auch die Wahrheiten des Glaubensbekenntnisses und des Katechismus sind der Betrachtung wert. Es gibt zudem Betrachtungsbücher, die für jeden Tag eine Betrachtung angeben, wie z. B. die „Meditationen zum gesamten Kirchenjahr“ von Ludwig de Ponte.[3]

In den Exerzitien, aber auch in den Klöstern, Seminaren und Ordenshäusern betrachtet man meist etwa eine halbe Stunde lang. Vielen Christen, die in der Welt leben, wird dies zu lang sein. Darum ist es besser, eine kürzere Betrachtung anzustellen als gar keine. 10–15 Minuten sollten aber das Mindestmaß sein, das man für das betrachtende Gebet aufwendet.

 

Anmerkungen

[1] Vgl. Leben 8,4.

[2] Leben 8,5

[3] Erhältlich im Sarto-Verlag.