Jahr der Barmherzigkeit: Widersprüchliche Reaktion

08. Juni 2015
Quelle: Distrikt Deutschland

Die Italiener mussten nicht lange auf die Reaktionen warten, die von der Professorin Patrizia Fermani als „Putsch der Barmherzigkeit“ beschrieben wurden.

Fermani ist Gründungsmitglied der Giuristi per la Vita (Juristen für das Leben) und Gründerin des Comitato Nel Nome dell'Infanzia (Komitee Im Namen der Kindheit). Der italienische Journalist Antonio Margheriti Mastino schrieb auf seiner Website papalepapale: „Vor einiger Zeit hatte ein bekannter, hypochondrischer Kardinal, der vielleicht unter einem permanenten Angstzustand leidet, der von einer Psychose verursacht wird, im Privaten erklärt, dass die IOR [die Vatikanbank] in einem sehr schlechten Zustand sei und dass es nur eine Frage von Monaten sei, bis sie zusammenbreche. War das übertreiben? Möglicherweise. Dies ist jedoch nicht das erste Mal, dass ähnliche Finanzsituationen aufgetreten sind und der Heilige Stuhl hat darauf oft mit einem außerordentlichen Jubiläum reagiert. Damit meinte er, dass das ein solches großzügig gemachtes Angebot, durch Buße und Umkehr dazu beitragen könnte, dass Haushaltsdefizit zu mindern. Dennoch, fuhr Antonio Mastino fort: „ist es eine Tatsache, dass das letzte Reue-Jubiläum nicht viel einbrachte und sie alles auf eine umfangreichen Medienberichterstattung gewettet hatten. Zu denen, die wie ich in Rom leben und die es live erleben, schien es wie eine Art riesiger Jahrmarkt, in dem jeder Sinn für Grenzen verloren gegangen war und bei der die allgemeine Läuterung das letzte war, was in den Köpfen der Teilnehmer des gesamten Jahres 2000 stattfand. Dies war so schlimm, dass Kardinal Ratzinger beim Durchblättern des psychedelischen Programms des Jubiläums seine Augen zum Himmel erhob und resigniert sagte: ‚Einmal alle 25 Jahre, in Ordnung ... aber nicht öfter‘.“

Am 15. März fragte der italienischen Journalist Antonio Socci (unser Bild) auf seiner Website antoniosocci: „Wird der Heilige Jahr, das gerade angekündigt wurde, wie die vorhergehenden auf Jesus Christus zentriert sein oder auf Papst Bergoglio? ... Die Jubiläumsjahre haben sich seit dem Ersten im Jahre 1300 immer auf Daten bezogen, die mit der Geburt und dem Tod Jesu Christi zu tun hatten; einschließlich der (sehr seltenen) Außerordentlichen Jubiläen. Das Jubiläumsjahr im Jahr 2016 ist das erste Jubiläum in der Geschichte der Kirche, das nicht um ein historisches Ereignis von Jesu Christus während seines irdischen Lebens zentriert ist. Weil sie einen Grund brauchten um es im Jahr 2016 einzuberufen, entschied Bergoglio, dass es zum 50. Jahrestag des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils stattfinden soll. Aber was für ein Jubiläum ist das? Es gab nie ein Jubiläumsjahr für ein Konzil. Außerdem endete das Zweite Vatikanische Konzil im Jahre 1965, nicht im Jahr 1966 und deshalb werden sie nicht den 50., sondern der 51. Jahrestag des Abschlusses des 21. Konzils der Kirche feiern.

Daher ist dies ein Vorwand, der mehr als alles andere ideologisch ist und auch selbstreferentiell, weil das Jubiläumsjahr sich auf eine kirchliche Veranstaltung bezieht, statt auf Christus. (Wenn wir ähnliche Ereignisse in der Geschichte der Kirche betrachten, könnte man jedes Jahr ein Heiliges Jahr organisieren.)

"Das erste Jubiläum in der Kirchengeschichte, das nicht auf ein Christusereignis zentriert ist, wird Papst Bergoglio als unbestrittenen Protagonisten der Medien haben, einen Papst, der übrigens die Gläubigen nicht mit dem traditionellen Gruß „Gelobt sei Jesus Christus“, sondern vielmehr mit „Guten Tag“ und „Guten Abend“ begrüßt, so dass die Medien ihn als einen "umgänglichen Papstes“ begrüßen.

„Das wird also ein Jahr des Bergoglio-Triumphalismus sein. Auch das Thema der Barmherzigkeit, das der Papst gewählt hat, geht in diese Richtung. 

Der Corriere schreibt in einer Titelgeschichte: „Es wird der Barmherzigkeit gewidmet sein.“ Aber das ist überflüssig, da alle Jubiläen ihrem Wesen nach der göttlichen Barmherzigkeit gewidmet sind. Die Kathedrale in Siena hat über dem Portal eine gravierte Platte, die die Worte verzeichnet, mit denen Bonifatius VIII. das erste Jubiläum in der Geschichte im Jahr 1300 verkündete und das Schlüsselwort lautet „Barmherzigkeit“.

„Warum aber haben sie sich dann entscheiden zu sagen, dass das 2016-Jubiläum besonders auf die Barmherzigkeit zentriert werden und dadurch gekennzeichnet werden soll?"

Am 17. März Patrizia Fermani auf der Website Riscossa Cristiana: „Das ist der Punkt, wo die Fingerfertigkeit ins Spiel kommt. Hier haben wir die gewaltige Idee, einem revolutionären politischen Programms eine sakramentale Form zu gebe. Alles was sie tun müssen ist, ihr die feierliche Form eines Jubiläums zu geben. Dies wird die Umkehrung der Sendung der Kirche unter einem Ballast von religiösem Pathos verschleiern, selbst für diejenigen, die betäubt, stumpf oder verwirrt werden. Bergoglios Barmherzigkeit -  Generalamnestie mit einem rückwirkenden Löschpapier für die Sünden -, hat eine theologische und sakrale Form, die in der Lage ist, jeden Widerstand zu besiegen. In primitiven Religionen war mystische Erhöhung auch die Sublimation von dem, was irrational und fleischlich ist. Bergoglios Jubiläum zielt darauf ab, die Sublimation der neuen Riten der Moderne zu werden, die die Riten der ökumenischen, atheistischen und populären Neukirche des dritten Jahrtausends sind, und durch seinen Schwung wird er deren endgültige Weihe hervorbringen.“

Als Kardinal Walter Kasper Fragen von der Nachrichtenagentur I.Media am 9. April 2015 beantwortete, erinnerte er daran, dass Franziskus sich mit diesem Thema am II. Vatikanum ausrichtet unter Bezugnahme auf die Eröffnungsrede von Johannes XXIII. an das Konzil: „Heute zieht es die Braut Christi [d.h. die Kirche] vor, das Heilmittel der Barmherzigkeit statt die Waffen der Strenge zu nutzen.“ In dem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium, fügt er hinzu, erwähnt Franziskus die Verpflichtung für eine pastorale Umkehr. „Die Kirche muss ein Haus sein, das für alle offen steht“, erklärte er. „Die Kirche ist als Sakrament des Heils auch das Zeichen und Werkzeug der Barmherzigkeit Gottes.“ Jedoch durch die "Vergrößerung eines zentralen Grundthemas der Bibel und der spirituellen Tradition der Kirche auf diese Weise“, hat der Papst die Barmherzigkeit zu einem Schlüsselthema seines Pontifikats gemacht, erklärte der Präsident Emeritus des Rates zur Förderung der Einheit der Christen; seiner Meinung nach ist das Jahr der Barmherzigkeit in der Tat Teil des Reformprogramms von Franziskus.

Quelle: Dici.org