Impulse aus dem Marianischen Jahr 1954

28. Juli 2014
Quelle: Distrikt Deutschland

Am 4. September 2014 jährt sich zum 60. Mal die Weihe Deutschlands an das Unbefleckte Herz Mariens. Als Höhepunkt des Marianischen Jahres 1954 wurde diese Weihe von mehr als 100.000 katholischen Laien und Geistlichen vor dem Gnadenbild des Franziskanerklosters Frauenberg in Fulda mitvollzogen. Was geschah im Marianischen Jahr 1954? Was sagt es uns heute?

Zur Fulda-Wallfahrt 2014  -  6. und 7. September

Dorothea und Wolfgang Koch

Seine Ziele, von Pius XII. erläutert, sind zeitlos aktuell: die Rettung der christlichen Familie, We-ckung guter Priester- und Ordensberufungen, Abwendung der Not in Staaten, in denen die Kirche verfolgt wird. Das Geschehen dieses Jahres soll beispielhaft im Spiegel der Kölner Erzdiözese betrachtet werden, deren Erzbischof Josef Kardinal Frings zugleich Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz war. Der Kirchenhistoriker Prälat Norbert Trippen spricht von einer „Großbewegung“, „die das Marianische Jahr in Köln zu einem seelsorglichen Aufbruch und Ereignis machen sollte“.

Fatima und die junge Bundesrepublik

Die Erneuerung der Marienfrömmigkeit ging vor allem von Fatima aus. Schon bevor Pius XII. das Marianische Jahr ausrief, wurde in Köln eine Rundreise der „Pilgermadonna“ von Fatima durch die Pfarreien und Diözesen erörtert, um den besonderen Schutz der Gottesmutter zu erflehen. Als Vorsitzender der Bischofskonferenz versuchte Frings, die Peregrinatio Mariae in ganz Deutschland durchzuführen. Angesichts der Zurückhaltung in anderen Diözesen entschloss sich Frings zu einem Alleingang.

„Es ist nicht zu verwundern, dass mancher Priester und auch manche Laien sich mit dieser Form der Marienverehrung nur schwer abfinden konnten“, kommentiert Frings anfängliche Widerstände. „Aber der Verlauf der Peregrinatio Mariae durch die Erzdiözese Köln, die sieben Monate dauerte, hat gezeigt, dass sehr viele Gläubige diese Anregung mit Freuden angenommen haben und dass ein sehr reichlicher Sakramenten-empfang sowie viele Gebete bei Tag und bei Nacht daraus hervorgegangen sind.“

Der Bischof von Leiria, in dessen Diözese Fatima liegt, ließ eine Kopie der Fatima-Statue durch die portugiesische Luftwaffe nach Deutschland fliegen. „Als die Statue aus dem Flugzeug gebracht und aus der Umhüllung herausgenommen wurde, gestaltete sich dieser Empfang zu einer religiösen Feier, die weithin einen tiefen Eindruck machte, auch auf Andersgläubige“, erinnert sich Frings.

Peregrinatio Mariae in Köln

„Am Abend des 30. April des Jahres 1954 wurde die Statue dann durch einen Zug von Männern, etwa 4000 bis 5000 an der Zahl, zum Dom geleitet. … Die Statue blieb dann eine volle Woche hindurch im Kölner Dom, der während der ganzen Zeit niemals leer war, weil viele Gläubige sich dem Schutz der Gottesmutter und ihres heiligsten Herzens empfehlen wollten. An einem Tag steigerte sich der Zudrang so sehr, dass man in dem damals erst halb wiederhergestellten Dom 60.000 Besucher zählte. Mit dem Gebet zur Gottesmutter verband sich fast immer der Empfang der Sakramente der Buße und des Altares, so dass eine Art Mission für die Stadt Köln aus dieser Feier erwuchs.“

Frings stellt seinen Pfarrern frei, ob sie sich an der Peregrinatio beteiligen wollten: „Aber die Einladungen der Pfarreien waren so zahlreich, dass ein genauer Plan aufgestellt werden musste. … Auf diese Weise wurden während eines halben Jahres etwa 300 Kirchen besucht. Überall war der Andrang der Gläubigen zum Gebet vor der Statue und zum Empfang der heiligen Sakramente so groß, dass alle Erwartungen übertroffen wurden.“

Seit dem 2. Januar 1955 befindet sich die Statue im Marienwallfahrtsort Alzen im Südosten der Kölner Erzdiözese, 30 km östlich von Schönenberg. Am Fest des Unbefleckten Herzens Mariens 1954 wurde die Wallfahrtskirche als erste Kirche der Kölner Erzdiözese dem unbefleckten Herzen Mariens geweiht.

Marienweihe Deutschlands in Fulda

Die Weihe Deutschlands an das Unbefleckte Herz Mariens in Fulda wird zum Höhepunkt des Marianischen Jahres, zugleich des 1200. Todesjahrs des hl. Bonifatius. Pius XII. widmete dem „Apostel der Deutschen“ aus diesem Anlass eine Enzyklika.„Es ist mein aufrichtiger Wunsch, dass vom diesjährigen Katholikentag in der Stadt des Heiligen Bonifatius ein starker christlicher und abendländischer Impuls ausgehe“, nimmt Bundeskanzler Adenauer die päpstlichen Gedanken auf. „So soll die Tagung von Fulda bekunden, dass wir bereit sind, das gemeinsame Erbe der europäischen Völker zu verteidigen, dass wir entschlossen sind, die Freiheit zu sichern und die christliche Idee überall zur Geltung zu bringen.“

Der Weiheakt wird am Abend des 4. September von 100.000 katholischen Laien und Geistlichen auf dem Domplatz vor dem Gnadenbild des Franziskanerklosters Frauenberg vollzogen. Diese spätmittelalterliche Madonnenskulptur zeigt die Gottesmutter mit ihrem Sohn und stellt dadurch die Fatima-Frömmigkeit in die lange Tradition der deutschen Marienverehrung.

Mit Rücksicht auf die interkonfessionelle Situation in Deutschland werden die Formulierungen des Weihegebets abgeschwächt. Dennoch gibt es massive Proteste der Protestanten, die sogar zu Spannungen innerhalb der CDU führen. Vermittlungsversuche unternimmt Herman Ehlers, Bundestagspräsident und evangelischer Christ: „Man könne nicht so tun, „als ob man von der katholischen Kirche fordern könne, dass sie nicht mehr katholisch sei. Man kann auch nicht erwarten, dass sie die in den letzten Jahrzehnten besonders gewachsenen marianischen Formen ihrer Frömmigkeit nicht pflege.“

Befreiung der Kriegsgefangenen

Der Passus „Lass heimkehren unsere Schwestern und Brüder, die noch in der Fremde sind“ im Weihegebet bezieht sich auf das Schicksal der über zehntausend Kriegsgefangenen, die noch in der Sowjetunion festgehalten waren.

Zu ihrer Befreiung bricht Adenauer am 8. September 1955 auf. Es sammeln sich Gebetsgruppen, denen Adenauer schreibt: „Wie ich höre, wollen die katholischen Männer der Erzdiözese Freiburg während meiner Reise nach Moskau bei Tag und Nacht … beten. Ich danke den Herren für diese Hilfe.“ Adenauer verbringt selbst inkognito eine ganze Nacht lang am Grabe des Bruders Klaus, wie Adenauers Fahrer bestätigt: Er sei beim Warten auf Adenauer im Auto eingeschlafen, bis ihn sein Chef am frühen Morgen geweckt habe.

Bemerkenswert ist die Überlieferung, Adenauer habe auch in der Nacht vor den entscheidenden Verhandlungen vor einer Fatima-Statue in der französischen Botschaft in Moskau gebetet. Bemerkenswert ist ferner die Koinzidenz wesentlicher Daten der Gefangenenbefreiung mit Marienfesten: Ankunft in Moskau am Fest Mariä Geburt, Zusage der Freilassung am Fest Mariä Namen, Eintreffen der ersten Heimkehrer am Rosenkranzfest. Einer der Heimkehrer schenkt Adenauer eine russische Marienikone, die ihn durch Krieg und Gefangenschaft nach Hause geführt habe. Sie hängt in Adenauers Sterbezimmer.

Marienweihe im „Fulda Gap“

Das Gebiet bei Fulda galt bis zum Ende des Kalten Krieges als wahrscheinlichster Punkt des Durchbruchs sowjetischer Panzerarmeen. Der NATO-Jargon spricht vom „Fulda Gap“ (Fulda-Lücke). Zur Abwehr sollten innerhalb von zwei Stunden 114 taktische Kernwaffen die massiven Vorstöße abschneiden. Im Monat der Marienweihe fand die Übung ‚Battle Royal‘ statt, mit 137.000 beteiligten Soldaten die größte NATO-Übung der Geschichte, in der diese Operationen geübt wurden.

Wie sehr Adenauers Verteidigungspolitik religiös motiviert war, zeigt seine Mitgliedschaft in der „Blauen Armee Mariens“. Am 30. Mai 1954 nahm er in seinem Amtssitz den ersten Friedenspreis dieser Fatima-Organisation entgegen. „Wenn Sie sagen, dass wir mit geistigen Waffen gegen den Kommunismus kämpfen müssen und dass wir nur so einen dauernden Frieden erlangen können, haben Sie vollkommen recht“, dankt der Kanzler. „Ohne die Hilfe des Gebetes, ohne die Hilfe von oben können wir das Böse nicht besiegen.“

Ob die Marienweihe einen Atomkrieg im Herzen Deutschlands verhinderte, ist kaum beweisbar. Ein gläubiges Herz erschaudert jedoch bei dem Gedanken, die Gottesmutter habe Deutschland an militärstrategischer Stelle im Marianischen Jahr 1954 und im 1200. Jahr des Martyriums seines Patrons beschützt. Vielleicht ist die „Marienweihe im Fulda Gap“ ihren Siegen von Lepanto oder vom Kahlenberg vergleichbar. „Wenn wir in diesem Jahre zur Krippe treten, dann wollen wir es dankerfüllten Herzens tun“, mahnt Adenauer zu Weihnachten 1954. „Wir wollen vor allem Gott danken dafür, dass er unserem Lande den Frieden erhalten hat. Ein schweres, ein sorgenvolles Jahr geht in den nächsten Tagen zu Ende, aber wir können in Frieden Weihnachten feiern, in Frieden dem Jahre 1955 entgegensehen.“

Kölner Diözesan-Synode 1954

Von der Kölner Provinzialsynode des Marianischen Jahres 1954 gingen wesentliche Impulse zur Erneuerung des kirchlichen Lebens aus. Bereits 1949 kündigte Frings eine Synode an, „um gemeinsam zu beraten, was geschehen muss, um für jetzt und für die kommenden, gewiss nicht leichten Jahre das religiöse und kirchliche, das geistige und sittliche Leben in unserer Erzdiözese neu zu begründen und zu neuer Blüte zu bringen“. Über die Sorgfalt der Vorbereitungen schreibt Norbert Trippen: „Hier wurden realistischere Vorstellungen über die Arbeitsmöglichkeiten eines Großgremiums wie einer Synode sichtbar als zehn Jahre später bei den Vorbereitungen des II. Vatikanischen Konzils, bei denen jede Vorbereitungskommission in der Wahl von Stil und Länge ihrer Texte ohne Vorgaben blieb!“

Zur Eröffnung erläutert Frings das Ineinander seiner persönlichen Verantwortung als Bischof und der Fachkompetenz seiner Mitarbeiter: „Wohl ist der Bischof der alleiniger Gesetzgeber der Synode … und auf ihm ruht die ganze Verantwortung, aber alle Dekrete sollen zuerst durchberaten werden; alle Synodalen sollen aus ihrem Wissen und ihrer Erfahrung beitragen …, dass gute Gesetze zustande kommen. Offenbar verspricht sich die Kirche von so zustande gekommenen Verordnungen eine tiefere und weitergreifende Wirkung, als wenn sie nur von oben herab erlassen würden“.

Wie sehr Frings Einfluss nahm, zeigen zahlreiche handschriftliche Spuren. So stammt aus seiner Feder: „Der katholische Priester ist kaum zu denken ohne ein inniges Verhältnis zur Gottesmutter Maria, der Mutter seines Meisters, der Mutter aller Christen und insbesondere der Priester. Gleicht ja die Aufgabe, die ihr von Gott anvertraut wurde, in manchem den Aufgaben des Priesters: Christus in den Herzen der Gläubigen Leben und Gestalt zu geben, auf den Altären unter seinen Händen ihm reale Gegenwart zu verleihen, seinem Opfer aufs engste zu assistieren.“ Im weiteren Verlauf empfiehlt das Dokument: „Besonders gern und alle Tage wird er den Rosenkranz beten, um mit den Augen Mariens die großen Geheimnisse unseres Glaubens immer wieder mitzuerleben und ihre mächtige Fürbitte für die Kirche Gottes zu erflehen.“

Zeitlos ist das Dekret über die Jugendseelsorge: „Es ist ein dringendes Seelsorgeanliegen unserer Zeit, in den Dörfern eine Gruppe von Menschen zu schaffen, die der weiteren Entchristlichung des Dorfes sich entgegenstellen und positiv die christlichen Kräfte zusammenfassen“.

Neue Impulse für die Gegenwart

Der religiöse Aufbruch der Nachkriegsjahre, ausgedrückt durch die Marienweihe, kann vor allem auf drei Feldern eine kirchliche und persönliche Erneuerung, einen „Wiederaufbau“, befruchten:

Religiöse Bildung.Wenn es heute etwa heißt, „die Katholiken hadern mit der Sexualmoral der Kirche“, zeigt sich darin meist fehlendes Glaubenswissen, das aller Moral vorausgeht und diese nachvollziehbar macht. In jenen Jahren wurde es wiederentdeckt: „Es wäre verfehlt, die Leistungen der deutschen Theologie in den 50er Jahren als intellektuell langweilig und unwirksam für die öffentliche Diskussion zu beurteilen“, konstatiert der Zeithistoriker Heinz Hürten, „erschloss sie doch die Tradition des abendländischen Christentums in einer Weise, die weithin verstanden wurde. Die Lebensarbeit von Josef Pieper, der damals zu internationaler Anerkennung gelangte, diente gerade dem Ziel, einer großen, theologisch und philosophisch nicht vorgebildeten Leserschaft die Weisheit der klassischen Philosophie, vornehmlich des heiligen Thomas von Aquin, zu vermitteln.“

Liturgisches Leben. Die Kölner Synode betont, der Gregorianische Choral sei der Gesang der römischen Kirche schlechthin, der „in höchstem Maße zur Mehrung von Glaube und Frömmigkeit“ beitrage. Acht Jahre vor der Eröffnung des II. Vatikanums bezieht sich die Synode auf „die vom Apostolischen Stuhl erlassenen eindeutig klaren Richtlinien für die Kirchenmusik“, niedergelegt im Motu proprio Inter pastoralis officii Pius’ X. und entsprechenden Dokumenten Pius’ XI. und Pius’ XII. Pius XII. spricht am 29. Mai des Marianischen Jahres 1954 Pius X. heilig, dessen Reformpontifikat mit der Wiederherstellung der Liturgie begann. Der Aufruf zur Erneuerung, der sich auf diese Weise ausdrückte, ist heute so aktuell wie damals.

Marienfrömmigkeit. Im Zentrum der Aufbruchszeit steht die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens. „Das Herz ist der Inbegriff aller seelisch-geistigen Kräfte, die in der individuellen Person zu einer einmaligen Gestalt und Ordnung verbunden sind“, erläutert der Philosoph und Konvertit Hans-Eduard Hengstenberg und bezieht diesen Gedanken auf das Unbefleckte Herz Mariens: „Dieses Herz umfasst alle Dinge und Werte in der richtigen Ordnung, in ihm sind alle nach Seele und Geist umgriffen und erfasst, wie Gott es will und zu seiner Ehre. Weihe an das unbefleckte Herz Mariens bedeutet demnach eine Besitzübereignung an diese Ordnung, diesen Kosmos, der immer in Ordnung und nie in Unordnung war. Eine Besitzübereignung mit dem Ziele, diese intakte Ordnung in der Welt auszubreiten und die Unordnung zu vernichten“.

Möge der persönliche Mitvollzug der Deutschlandweihe in Fulda, die sich 2014 zum 60. Male jährt, unsere religiöse Bildung vertiefen, uns im liturgischen Leben verwurzeln, uns dem Unbefleckten Herzen Mariens ganz übereignen und zum geistigen Wiederaufbau unseres Landes und der katholischen Kirche beitragen!