Erzbischof Marcel Lefebvre: Für eine wahrhafte Erneuerung

08. Februar 2024
Quelle: Distrikt Deutschland

Aus einem Brief des Generaloberen Lefebvre an die Spiritaner im Jahr 1965

Wie hat sich im Lauf der Geschichte die Erneuerung kundgetan, die in ihren Folgen dem ersten Pfingstfest ähnlich ist? Durch heilige Unternehmungen, die oft von den unscheinbarsten Seelen ausgingen, die aber vom Heiligen Geist erfüllt waren und die die Befugnis der Nachfolger der Apostel dazu hatten und besonders diejenige des Nachfolgers Petri: Diese Unternehmungen, die völlig in Einklang standen mit dem Geist des Evangeliums, haben Heerscharen von heiligen Seelen auf den Plan gerufen, von betenden, gehorsamen, missionarischen Seelen, die den Geist des Fürsten dieser Welt von sich gewiesen haben, um sich dem Geist Jesu Christi zu unterwerfen. Die Geschichte der Kirche ist die Geschichte der Heiligen; diejenigen, die versucht haben, die Kirche in einem anderen Geist als im Geiste Jesu, unseres Herrn, zu reformieren, waren entweder Häretiker oder Schismatiker und gingen mit ihren Anhängern durch ihren Hochmut zugrunde.

Die Geschichte, wie sie vor dem Konzil von Trient verlief und die Ereignisse der wahren Erneuerung, die ihm folgten, zeigen den Heiligen Geist, wie er in den zahlreichen Neugründungen am Werk war, die zu dieser Zeit entstanden und die alle ausgerichtet waren auf eine Heranbildung von Priestern oder Ordensleuten und Klosterfrauen, und zwar durch eine völlige Nachahmung unseres Herrn, das heißt in Demut, Gehorsam, Armut, Keuschheit, durch das liturgische Gebet, die Betrachtung, Empfang der Sakramente, Andacht zum allerheiligsten Sakrament des Altares, zur Jungfrau Maria; durch Hilfe für die Armen und Unglücklichen, und auch vor allem durch die christliche Unterweisung in einer Vielzahl von Schulen für alle Gesellschaftsschichten: solcherart waren die Gründungen der Theatiner, der Somasker, der Barnabiten, der Angeliker, der Ursulinen, der Jesuiten und so weiter.

Welche heiligen Vorbilder von Demut und Eifer für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen! Und all dieser überschwängliche Reichtum an Gnaden begann im Allgemeinen in der Form von kleinen Gruppen von Geistlichen — Gnadenreichtum wie der, der sich in den nachfolgenden Jahrhunderten offenbarte —, Geistlichen, die von einem großen Verlangen erfüllt waren, sich zu heiligen und unseren Herrn noch vollkommener nachzuahmen. So waren die Unternehmungen unserer Gründer Claude Poulart des Places und des ehrwürdigen Pater Libermann.

Diese Einleitung hat als Ziel und Schlussfolgerung, uns und anderen die Frage zu stellen: Ist uns bewusst, dass wir diesen Eifer und dieses Feuer in uns wieder entfachen müssen, uns in der Nachahmung unseres Herrn zu heiligen, oder sind wir im Gegensatz dazu begierig, den Lockungen der neuen Theorien zu folgen, die die Menschenwürde lobpreisen wollen bis zur Aufgabe der Autorität göttlichen Ursprungs und Leugnung des Gehorsams, die die materielle Welt, das Weltall loben und wollen, dass wir uns am Aufbau dieser

Welt beteiligen sollen, um gerettet zu werden, und damit die Loslösung von den Gütern dieser Welt und die wahre Armut unterbinden; die schließlich, während sie die Erbsünde und die Begierlichkeit mit Stillschweigen übergehen, den Leib und das Fleisch anpreisen, Ehelosigkeit und Enthaltsamkeit und damit die wahre Keuschheit verachten?

An einer Wegkreuzung

Meiner Meinung nach sind wir an einer Wegkreuzung angelangt. Was müssen wir tun, was werden wir wählen? Denn dies ist eine Frage auf Leben und Tod für alle Ordensgemeinschaften, ihre Grundlage und ihre Daseinsberechtigung werden in Frage gestellt. Wenn wir die überlieferte Philosophie und Theologie, die grundlegenden Voraussetzungen für das Heil, für Heiligung und Rechtfertigung aufgeben, dann wird sich unsere Gemeinschaft in Kürze auflösen und die opferfreudige Jugend wird uns im Stich lassen.  […]

Denn es gibt eine opferfreudige Jugend, die es nach wahrer Heiligung verlangt, die dahin gehen wird, wo sie ein kräftiges geistliches Leben, einen christlichen, überlieferten, befreienden Geist vorfindet, der befreit durch seinen übernatürlichen Gehorsam, seine Armut, seine Keuschheit, durch die Bestätigung seiner öffentlichen und klaren Zugehörigkeit zu Christus und seiner Kirche: die geistliche Haltung der Heiligen. Es werden Heilige kommen, die diese Jugend in ihren Dienst stellen werden, diese jungen Menschen, die es nach wahrer Tugend verlangt und die die Priester und Missionare der Zukunft sein werden, fähig und richtig ausgebildet, weil sie heiligmäßig und in gesunder Lehre unterwiesen sind.

[…]

Was müssen wir folglich tun?

1. Wir müssen selbst gesunde und feste Überzeugungen unseres Glaubens an unseren Herrn wiedergewinnen, an seine Gnade, an die Tugenden, die er uns gelehrt hat durch sein Beispiel und sein Wort; wir müssen uns dazu ermutigen durch die ganze Kirchengeschichte, durch die Heiligen und besonders durch die heilige Jungfrau Maria. Fortes in fide, stark im Glauben, das müssen wir von Neuem werden.

2. Zu diesem Zweck müssen wir mit Entschiedenheit alles von uns weisen, was uns täuschen oder von diesem Geist der Frömmigkeit entfernen kann, die moderne Philosophie, den Nominalismus, die Evolutionslehre, den Materialismus, der Natur und übernatürliche Welt nicht unterscheidet, der keinen Platz mehr lässt für das freie, persönliche, göttliche Eingreifen in den Seelen, der die menschliche Verantwortung schrumpfen lässt, der die Menschen als eine Masse sieht und die Einzelperson und die einzelne Seele zunichte macht.

Wir müssen alles bekämpfen, was die herkömmliche Theologie zerstört, da die neue Lehre die Hierarchie der Priesterweihe abwertet und die Befugnisse leugnet, die mit ihr verbunden sind, da sie das Lehramt zu einem Zeugnis durch sein Vorhandensein herabsetzt, da sie die Priester in den Laienstand zurücksetzt und den Laien priesterliche Funktionen überträgt, da sie das Opfer der Messe zu einem Mahl der Gemeinde herabwürdigt u.s.w.

Denn wenn wir uns zu diesen falschen Vorstellungen verführen lassen — und zu noch vielen anderen – , die in aller Form der Überlieferung der Kirche entgegengesetzt sind, dann werden wir es mit dem Verlust unseres Glaubens an unseren Herrn bezahlen.

3. Wir müssen uns selbst als Erste zu einer Erneuerung unseres Glaubenslebens umwenden durch ein eifriges Gebetsleben; durch eine große, ehrfürchtige, glühende Andacht für unsere heilige Messe, für das allerheiligste Altarsakrament; durch Achtung vor unserer Priesterwürde, der Würde als Ordensmann, durch Bescheidenheit, Demut; in der genauen Beobachtung unserer Verantwortung und unserer Standespflichten denjenigen gegenüber, die uns anvertraut sind.