Erzbischof Marcel Lefebvre: Das Kreuz im christlichen Leben

04 Februar, 2020
Quelle: Distrikt Deutschland

Das Kreuz – Quelle des Friedens

Das Kreuzesopfer, das wir verehren, das wir anbeten, lehrt uns, friederfüllte Menschen zu werden, denn der Friede ist die Ruhe der Ordnung. Die christliche Ordnung, die Ordnung des Kreuzes, ist die Ordnung, welche die Kirche im Verlauf ihrer ganzen Geschichte angestrebt hat. Sie werden die Erben der Kirche sein, dadurch, dass Sie diese Ordnung suchen, dass Sie sie zuerst in sich selbst anstreben durch die Tugenden, die Sie üben werden. Und dann werden Sie sich Mühe geben, die Ordnung in Ihrer Seele wiederherzustellen, dadurch, dass Sie Jesus in der heiligen Eucharistie empfangen.[*]

Das Geheimnis der Erlösung bestimmt auf noch konkretere, genauere Weise den Platz, den Jesus in unserem geistlichen Leben einnehmen muss, weil unser Herr uns, jeden Einzelnen von uns persönlich, erlöst hat.[1]

Dass Gott selbst in eigener Person zu uns gekommen ist, um uns zu retten und uns durch das Kreuz zu retten, durch sein Priestertum, durch sein Opfer, müsste uns mit anhaltender Bewunderung erfüllen, mit ständiger Anbetung, mit täglicher Dankbarkeit.[2]

Das Kreuz – eine Besserungsstrafe

Im Verlauf der Kirchengeschichte hat der liebe Gott seine Auserwählten beschützt, solange er wollte, aber er hat sie auch das Kreuz tragen lassen. Er hat zugelassen, dass ihr Weg ein Leidensweg sei. Und alle Apostel sind als Märtyrer gestorben. Ich weiß nicht, ob wir als Martyrer sterben werden, aber wir müssen immer bereit sein zu leiden, weil der liebe Gott es von uns verlangt. Wir sind nicht auf Erden, um von ihm materielle und zeitliche Segnungen zu empfangen, sondern um unsere Seelen zu retten.[3]

Der heilige Paulus sagt, dass wir in unserem Fleisch die Passion unseres Herrn Jesus Christus ergänzen müssen (Kol 1, 24). Deshalb müssen wir Verlangen danach tragen. Oh, das ist ein Verlangen, das uns teuer zu stehen kommen wird. Denn wenn wir die Passion unseres Herrn Jesus Christus ergänzen wollen, dann wird es nötig sein, mit ihm zu leiden, mit ihm hingeopfert zu werden. Es wäre zu einfach zu sagen: Weil ich Christ bin, wird der liebe Gott mich segnen und wird mich von allem Leiden ausnehmen. Ich werde mein Leben ohne Leid verbringen, ohne Opfer. Weil ich den lieben Gott sehr liebhabe, muss der liebe Gott mich lieben, und folglich darf der liebe Gott nicht wollen, dass ich leide. Das heißt das Geheimnis der Passion unseres Herrn Jesus Christus schlecht kennen. Wenn unser Herr Jesus Christus uns das Beispiel des erlösenden Leidens vor Augen geführt hat, dann müssen wir fast dieses Verlangen haben, mit ihm zu leiden, uns mit ihm zum Opfer zu bringen.[4]

Das Kreuz – Quelle der Hoffnung und der Kraft

Unser Herr Jesus Christus hat für alle einen Weg zum Himmel eröffnet. Andere Wege gibt es nicht. Und unser Herr sagt selbst: „Der Weg ist schmal“ (Mt 7, 14). Nehmt euer Kreuz auf euch und folgt mir nach, wenn ihr meine Jünger sein wollt (nach Lk 14, 7), wenn ihr in den Himmel kommen wollt.“[5]

Wie doch die katholische Lehre schön ist! Wie sie doch unser ganzes Erdenleben völlig umwandelt! Das ist es, was uns auf das ewige Leben vorbereitet. O crux ave, spes unica, „sei gegrüßt, o Kreuz, unsere einzige Hoffnung“.[6] Das Kreuz ist unsere Hoffnung, weil es nur ein Weg ist, eine Straße, die Straße hin zum ewigen Leben. Aber wir müssen ihn einschlagen, wir müssen das Kreuz auf uns nehmen und es hinter unserem Herrn hertragen, um zum ewigen Leben zu gelangen. Diese via crucis muss die unsere sein im Verlauf unseres Lebens, damit wir zum ewigen Leben gelangen.[7]

Vom Kreuzesholz hängt das ganze Schicksal der Menschheit und des Lebens jedes einzelnen Menschen ab. Werden wir mit unserem Herrn sein? Werden wir ihm auf sein Kreuz folgen, wie er es selbst verlangt hat? „Wenn einer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, er trage sein Kreuz und folge mir nach“ (Mt 16, 24). Der heilige Paulus hat sehr erhellende Worte zu diesem Thema: „Unser alter Mensch wurde mit ihm gekreuzigt, damit der Leib der Sünde zerstört würde, damit wir nicht mehr Sklaven der Sünde seien. […] So betrachtet euch selbst als tot für die Sünde und lebend für Gott in Jesus Christus“ (Röm 6, 6 und 11).[8]

Dieser einfache Gedanke müsste uns immer wachhalten: Bin ich gerade dabei, unserem Herrn Schmerz zuzufügen? Ich will ihm nicht Schmerz zufügen, ich will immer vereint sein mit ihm, der so viel für mich gelitten hat. Schauen Sie Ihr Kreuz an. Sehen Sie unseren Herrn mit Wunden bedeckt, mit Blut bedeckt, und sagen Sie sich bei sich: Er hat mich so sehr geliebt! Ist es möglich, dass ich etwas tue, was mich von ihm entfernt? Das ist nicht möglich. Wenn ich es bis jetzt getan habe, dann muss ich notwendigerweise den Entschluss fassen, wachsam zu sein. Er hat mich so sehr geliebt. Das ist das christliche Leben.[9] 

 

Anmerkungen

[*] Predigt, Ecône, 8. Dezember 1987.

[1] Geistlicher Vortrag, Ecône, 29. Februar 1980.

[2] Exerzitien für die Schwestern der Bruderschaft, Saint-Michel-en-Brenne, Weißer Sonntag 1989, 7. Vortrag.

[3] Osterexerzitien, Ecône, 25. März 1975.

[4] Predigt, Ecône, 14. September 1975.

[5] Predigt, Rouen, 1. Mai 1990.

[6] Vexilla Regis, Vesperhymnus der Passionszeit.

[7] Geistlicher Vortrag, Ecône, 14. September 1975.

[8] Priesterexerzitien, Ecône, 9. September 1982, 8. Vortrag.

[9] Exerzitien für die Schwestern der Bruderschaft, Albano, 25. September 1976, 4. Vortrag.