Erzbischof Marcel Lefebvre: Das Beispiel des hl. Joseph in der Kirchenkrise

02 Oktober, 2019
Quelle: Distrikt Deutschland

Predigt von Erzbischof Marcel Lefebvre am 23. März 1980 in Genf

Erzbischof Marcel Lefebvre hat 1980 bei der Einweihung des Oratoriums des hl. Joseph in Genf eine schöne Predigt auf den Nährvater Jesu gehalten.

Er entwickelt folgenden Gedanken: Man könnte meinen, der hl. Joseph hätte keine Prüfungen erleiden dürfen. Er hätte von Gott bevorzugt behandelt werden müssen. Er war doch der Nährvater Jesu.

Wenn nun Joseph, der von Gott auserwählt worden war, um Jesus zu behüten, sehr schwere Prüfungen durchzumachen hatte, wie dürfen dann wir, ja, wir uns beklagen, wenn Gott uns Prüfungen schickt? Aber Gott wollte im Gegenteil, dass er geprüft werde. Denn in der Prüfung, im Opfer, im Schmerz werden die Seelen gestählt, schließen sich die Seelen Gott an. Wenn die Seelen in der Prüfung die Nichtigkeit der Dinge dieser Welt erkennen, schließen sie sich umso mehr an das Unvergängliche, an das Ewige, an die geistigen Dinge an, mehr als an die zeitlichen und materiellen. Dieses Beispiel gibt uns der hl. Joseph, dieses Vorbild muss er für uns sein.

 

Daran schließt der Erzbischof folgende Überlegung zur Kirchenkrise an:

 

„Vertrauen Sie sich den Händen der Vorsehung an! Geliebte Brüder, Sie leiden sicherlich unter dieser Krise der Kirche. Vielleicht leiden auch Sie schweigend darunter. Sie machen vielleicht in Ihren Gesprächen irgendwelche Anspielungen darauf, auf Dinge, die Sie gehört oder an unseren Kultstätten gesehen haben.

Sie haben sogar im Fernsehen sogenannte religiöse Zeremonien gesehen, die aber nichts Religiöses mehr an sich hatten, ihres sakramentalen Charakters, ihres Geheimnisses entkleidete, profanierte Zeremonien, um nicht zu sagen gotteslästerliche Zeremonien. Nun leidet Ihr Herz.

Besonders Sie, die Sie die Zeit vor dem Konzil gekannt haben, in der alle Zeremonien schön und heilig waren. Wenn man auf Reisen war, konnte man am Sonntag in jede Kirche gehen. Man betrat eine Kirche und fand dort unseren Gottesdienst, unsere Religion, unsere heilige katholische Religion. Wir fanden sie überall wieder, und wir bewunderten diese Einheit in der Kirche, in der wir überallhin gehen konnten und in der wir uns zu Hause fühlten. Wir befanden uns in der Gemeinschaft mit Unserem Herrn Jesus Christus, mit dem großen Geheimnis unseres Lebens, unserer Existenz und unserer ewigen Bestimmung: dem Geheimnis Jesu Christi.

Damals fand man die unbezweifelbare und wirkliche Gegenwart Unseres Herrn Jesus Christus in unseren Kirchen vor. Und wie steht es heute damit? Sie wissen es so gut wie ich, vielleicht besser als ich, Sie stehen mehr im Kontakt mit all diesen Ereignissen, mit allem, was sich mitten unter Ihnen abspielt.

Dann könnten Sie manchmal versucht sein, sich an Gott zu wenden und zu sagen: „Mein Gott, Du verlässt uns also? Verlässt Du uns wirklich? Wo finden wir noch das Geheimnis? Dein Geheimnis? Das Geheimnis Jesu Christi? Das Geheimnis der heiligen Messe, das Geheimnis der Allerheiligsten Eucharistie? Das Geheimnis des heiligen Kreuzesopfers? Wo finden wir es wieder?“ Und sie hören an vielen Orten die Seufzer von Menschen, welche darüber untröstlich sind, dass sie überall Entsakralisierung, Profanierung, Gotteslästerung, Abfall vom Glauben wahrnehmen, dass sie überall wahrnehmen, wie Kirchen, Seminare und Klöster aufgegeben und zum Verkauf angeboten werden. Dieser Schmerz, den Sie in sich tragen, ist zweifellos jenem ähnlich, den der hl. Joseph empfand, als Jesus ihn in gewissem Sinne während jener fünf Tage verlassen hatte.

Bitten wir also Jesus, bitten wir Maria und Joseph, uns in dieser Prüfung, die wir nun schon jahrelang erdulden, zu stärken. Wie viele Jahre noch werden wir an dieser Krise der Kirche, an dieser langsamen, aber unbezweifelbaren Zerstörung der Kirche, der Berufungen, des religiösen Lebens, des christlichen Lebens zu leiden haben? Gott allein weiß es. Vertrauen wir uns also dem lieben Gott an! Haben wir Vertrauen zu Gott! Wir tragen doch Jesus auf unseren Armen, in unserem Herzen und in unserer Seele durch die Gnade der Taufe, durch die Gnade des Sakramentes der Firmung, durch die Gnade der Allerheiligsten Eucharistie jedes Mal, wenn wir sie empfangen, durch die heilige Messe, an der wir teilnehmen, da sie das Opfer von Golgotha ist.“