Erzbischof Lefebvre: Im ewigen Gesetz Gottes ist die Regel der Freiheit zu suchen

15. Januar 2024
Quelle: Distrikt Deutschland

Aus dem Buch „Sie haben ihn entthront“

Nun ist aber die Tatsache, dass es eine vom Schöpfer entworfene natürliche Ordnung für das Mineralreich, das Pflanzen- und das Tierreich und ebenso für die menschliche Natur gibt, eine Wahrheit der Wissenschaft. Kein Gelehrter wird daran denken, die Existenz von der Natur der Dinge und der Menschen eingeschriebenen Gesetzen zu leugnen.

Denn worin besteht die wissenschaftliche Forschung, für die man überall Milliarden ausgibt? Was ist sie anderes als die Erforschung der Gesetze? Man spricht häufig von den wissenschaftlichen Erfindungen, doch man irrt sich damit: Man hat nichts erfunden, man hat nur Gesetze entdeckt und sie ausgenützt. Diese Gesetze, die man entdeckt, diese konstanten Beziehungen zwischen den Dingen schaffen nicht die Gelehrten. Ebenso ist es mit den Gesetzen der Medizin, die die Gesundheit lenken, mit den Gesetzen der Psychologie, die das im Vollsinn menschliche Tun steuern: Diese Gesetze, darin sind sich alle einig, stellt nicht der Mensch auf, er findet sie als in der menschlichen Natur bereits aufgestellt. Sobald es sich nun aber darum handelt, die sittlichen Gesetze zu finden, welche die menschlichen Handlungen in Übereinstimmung mit den letzten Zielen des Menschen lenken, sprechen die Liberalen nur noch von Pluralismus, von Kreativität, von Spontaneität, von Freiheit; nach ihnen hat ein jeder oder jede philosophische Schule die Möglichkeit, sich selbst ihre eigene Ethik zu bauen, als ob der Mensch nicht in dem vernünftigen und willensmäßigen Teil seiner Natur ein Geschöpf Gottes wäre!

Hat die menschliche Seele sich denn selbst gemacht oder macht sie sich selbst? Es ist doch evident, dass die Seelen trotz all ihrer Komplexität und all ihrer Verschiedenheiten nach demselben Muster zugeschnitten sind, dieselbe Natur haben. Ob es die Seele eines Zulu aus Südafrika oder eines Maori von Neuseeland ist, ob es sich um einen hl. Thomas von Aquin handelt oder um Lenin: Sie haben es immer mit einer menschlichen Seele zu tun. Ein Vergleich lässt Sie verstehen, was ich sagen will: Man kauft heute kein etwas komplizierteres Gerät wie eine Waschmaschine, ein Fotokopiergerät, einen Computer, ohne dazu die Gebrauchsanweisung zu verlangen. Es gibt immer eine Vorschrift zur Bedienung, eine Regel, die den richtigen Gebrauch dieses Gegenstands erklärt, damit es einem gelingt, ihn seine Arbeit richtig tun zu lassen, ihn, würde ich sagen: zu seinem Ziel gelangen zu lassen. Und diese Regel ist von dem gemacht, der die fragliche Maschine erdacht hat, nicht von der Hausfrau, die etwa meinen würde, dass sie mit all den Tasten und Knöpfen spielen kann, wie sie will! Nun ist es, unter Wahrung aller Proportionen, mit unserer Seele und dem lieben Gott dasselbe! Gott gibt uns eine Seele, er erschafft sie, also gibt er uns notwendigerweise Gesetze: Er gibt uns das Mittel, uns ihrer zu bedienen, um zu unseren Zwecken zu gelangen, besonders zu unserem letzten Zweck, der Gott selber ist, erkannt und geliebt im ewigen Leben.

Oh, davon wollen wir nichts wissen, rufen die Liberalen; der Mensch ist es, der die Gesetze der menschlichen Seele schaffen muss. Nun, wundern wir uns nicht, dass man den Menschen zu einem Geistesgestörten macht, wenn man ihn gegen die Gesetze seiner Natur leben lässt. Stellen Sie sich Bäume vor, die sich den Gesetzen der Vegetation entzögen; ganz gewiss gingen sie zugrunde, das ist klar! Bäume, die es aufgäben, ihren Saft steigen zu lassen, oder etwa Vögel, die sich weigerten, sich ihre Nahrung zu suchen, weil diese Kontingenz ihnen nicht gefällt: Sie würden sicher zugrundegehen. Nicht ihrem Gesetz folgen, das ihnen ihr natürlicher Instinkt diktiert, das ist ihr Tod! Und bedenken Sie dabei, dass der Mensch seinerseits nicht einem blinden Instinkt folgt wie die Tiere: Gott hat uns jenes ungeheure Geschenk der Vernunft gegeben, damit wir die Einsicht in das Gesetz haben, das uns leitet, um uns selbst in freier Weise zum Ziel hinzulenken, aber nicht ohne das Gesetz anzuwenden! Das ewige Gesetz und das natürliche Sittengesetz, das übernatürliche Gesetz, dann die anderen Gesetze, die aus den ersteren erfließen: die menschlichen Gesetze, bürgerliche oder kirchliche, alle diese Gesetze sind zu unserem Wohl, unser Glück liegt darin. Ohne eine von Gott vorausverfasste Ordnung, ohne Gesetze wäre die Freiheit für den Menschen ein vergiftetes Geschenk. Das ist die realistische Auffassung vom Menschen, die die Kirche gegen die Liberalen verteidigt, so sehr sie kann. Das macht speziell den Ruhm des großen Papstes Pius XII. aus, dass er gegenüber den Angriffen des zeitgenössischen Liberalismus der Vorkämpfer der natürlichen und christlichen Ordnung war.

Um auf die Freiheit zurückzukommen, fassen wir kurz zusammen, dass die Freiheit nicht zu verstehen ist ohne das Gesetz: Das sind zwei Realitäten in strenger Wechselbeziehung, die zu trennen und einander entgegenzustellen absurd wäre: „Im ewigen Gesetz Gottes und nur dort gilt es die Regel der Freiheit zu suchen, nicht nur für die Individuen, sondern auch für die menschlichen Gesellschaften.“ (Enzyklika Libertas praestantissimum von Leo XIII.)