Dom Columba Marmion: Wer ist ein Kind Gottes?

17 Januar, 2016
Quelle: Distrikt Deutschland

Am Fest Epiphanie (6. Januar) hat Papst Franziskus Katholiken weltweit mit einem Kurzvideo irritiert, in dem er sich für eine Intensivierung des interreligiösen Dialogs u.a. zwischen Christen, Moslems, Buddhisten und Juden ausspricht. Die zentrale Aussage des Videos lautet: "Wir alle sind Kinder Gottes!"

Diese päpstliche Meinung muß sich an der Hl. Schrift messen lassen, die keineswegs allen irgendwie gläubigen Menschen unterschiedslos die Gotteskindschaft zuspricht, sondern den Empfang dieses unverdienbaren Geschenks von der Annahme des menschgewordenen Sohnes Gottes abhängig macht: 

"Er war in der Welt und die Welt ist durch Ihn geworden. Allein die Welt hat Ihn nicht erkannt. Er kam in Sein Eigentum, doch die Seinigen nahmen ihn nicht auf. Allen aber, die Ihn aufnahmen, gab Er Macht, Kinder Gottes zu werden." (Joh 1,13) Dementsprechend verspricht unser Herr jenen, die an Seine Gottessohnschaft glauben und die Taufe im Namen der heiligsten Dreifaltigkeit empfangen, das Heil, "wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden" (Mk 16,16) Daraus resultiert, dass nicht der interreligiöse Dialog, sondern die Mission, die Predigt der Wahrheit, die Aufgabe ist, die Christus Seiner Kirche anvertraut hat. 

Es war das grundlegende Axiom der ganzen geistlichen Lehre des herausragenden Benediktinermönchs Dom Columba Marmion (1858 - 1923), dass die Gotteskindschaft dem Menschen nur zuteil wird durch Teilnahme an der Sohnschaft Christi dem Vater gegenüber und zwar durch Einverleibung in den mystischen Leib Christi, so dass also keine Gotteskindschaft losgelöst von Christus denkbar ist. 

Im nachfolgenden seien einige Unterweisungen Dom Marmions dokumentiert, die vollkommen dem katholischen Dogma, der Überlieferung und der Hl. Schrift entsprechen. Sie sind geeignet, Licht in die Verwirrung zu bringen, die durch das päpstliche Video hervorgerufen wurde. Wir zitieren aus "Die geistliche Lehre Dom Marmions" von Marie-Michel Philipon OP, Herder 1955:

"Unsere ganze Heiligkeit besteht darin, das aus Gnade zu werden, was Jesus Christus von Natur aus ist, nämlich Kind Gottes." (1) - "Die Quelle dieser Kindschaft ist der Glaube an Jesus Christus und das Sakrament dieses Glaubens ist die Taufe. Dieser Glaube an Jesus Christus ist nicht die bloße theoretische Annahme seiner Gottheit, es ist ein praktischer Glaube, der uns in Anbetung zu seinen Füßen niederwirft wie der Blindgeborene: 'Ich glaube, Herr. Und er fiel ihm zu Füßen und betete ihn an.' (Joh 9,38) Es ist ein Glaube, der sich in der Hoffnung und in der Liebe weiterentfaltet, der immer zunimmt, bis Jesus das Leben und die einzige Quelle unseres Tuns wird: 'Ich lebe - nein, nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.' (Gal 2,20)" (2)

"Wie teilt Jesus Christus uns sein göttliches Leben mit? Er teilt es uns mit, indem er uns, sich selber gleich, zu Kindern Gottes macht. Wenn Jesus der Tempel der Gottheit ist, voll der Gaben des Heiligen Geistes, wenn er der Heilige der Heiligen ist, dann ist seine göttliche Sohnschaft die Quelle von allem. Gleicherweise ist unsere Eigenschaft als Kinder Gottes die Quelle all unserer Gnaden und aller Gaben Gottes. 'Er hat uns durch Jesus Christus zur Kindschaft in ihm vorherbestimmt' (Eph 1,5). Durch diese Kindschaft hören wir auf, 'Fremde und Beisassen' (Eph 2,19) zu sein, wir werden 'Gotteserben und Miterben Christi' (Röm 8,17)." (3)

"Dieses göttliche Leben … steigt vom ewigen Vater durch Jesus Christus auf uns herab. 'Denn wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn verliehen, das Leben in sich selbst zu haben' (Joh 5,26). 'Und von seiner Fülle haben wir alle empfangen' (Joh 1,16). Der Vater teilt es in Fülle seinem Sohn in der ewigen Zeugung mit … Jesus hat dieses göttliche Leben aber nicht für sich allein empfangen. Er ist unsere Heiligkeit. 'Christus ist uns die verkörperte Weisheit Gottes geworden…' (1 Kor 1,30). Er ist das Haupt und wir seine Glieder; und er ist gekommen, um uns sein göttliches Leben mitzuteilen. 'Ich bin gekommen, damit sie leben und überfließende Fülle haben' (Joh 10,10). 'Ich bin das Leben' (Joh 14,6). Der göttliche Plan liegt also darin, daß das göttliche Leben, das in seiner Fülle Jesus mitgeteilt wurde, durch ihn seinen Gliedern zuteil wird: 'Von seiner Fülle haben wir alle empfangen.' (Joh 1,16)." (4)

Gott hat "Christus dazu vorausbestimmt, 'der Erstgeborene unter vielen Brüdern' (Röm 8,29) zu werden, damit er von Natur und wir durch Adoption 'Kinder Gottes, nicht nur dem Namen nach, sondern in Wirklichkeit' (1 Joh 3,1) würden. Kraft dieser Kindschaftsgnade 'haben wir Gemeinschaft mit Gott dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus' (1 Joh 1,3; 1 Kor 1,9). Wir werden so zu 'Erben Gottes und zu Miterben Christi' (Röm 8,17). 

Diese Erhebung unserer Natur über sich selbst hinaus wird in uns bewirkt durch eine geschaffene Gnade, welche die Wurzel und die Quelle unserer ganzen übernatürlichen Würde ist und aller Gaben, die von oben kommen, vom Vater der Lichtwelt' (Jak 1,17). Die Gnade ist nichts anderes als diese göttliche Gabe, die den Menschen zur Würde des 'Gotteskindes' auf Grund der Kindesannahme erhebt und die ihm behilflich ist, dieser erhabenen Größe zu entsprechen." (5). 

Quellenangaben: Die geistliche Lehre Dom Marmions" von Marie-Michel Philipon OP, Herder 1955

 

(1) S.85

(2) S.79

(3) S.79

(4) S.78

(5) S.40