Die Tugend des Glaubens: 3. Der Glaube ist heilsnotwendig

04 November, 2019
Quelle: Distrikt Deutschland
Jesus und Nikodemus

Von Pater Matthias Gaudron

„Ohne Glaube ist es unmöglich, Gott zu gefallen“, lehrt der Hebräerbrief (11,6). Der Glaube ist also notwendig, um das Heil zu erlangen. Das entspricht ganz den Worten Christi: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mk 16,16). Auch im Nikodemus-Gespräch betont Jesus, dass derjenige, der nicht an ihn glaubt, „schon gerichtet ist, weil er nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes glaubt“ (Joh 3,18).

Der Glaube ist notwendig, weil der Mensch sein letztes Ziel kennen muss, um nach ihm streben zu können. Da dieses Ziel ein übernatürliches ist, braucht es den übernatürlichen, von Gott eingegossenen Glauben, um darauf hingeordnet zu werden. Der Glaube ist somit die grundlegende Tugend unter den drei göttlichen Tugenden, da es ohne ihn keine übernatürliche Hoffnung und keine göttliche Liebe geben kann. Das Erste Vatikanische Konzil lehrt: Ohne den Glauben „wurde niemandem jemals … Rechtfertigung zuteil, und keiner wird das ewige Leben erlangen, wenn er nicht in ihm ausgeharrt hat bis ans Ende“ (DH 3012).

Was muss man glauben?

Die kleinen Kinder erhalten den göttlichen Glauben bei der Taufe mit der heiligmachenden Gnade als Habitus, d. h. als übernatürliche Befähigung zum Glauben eingegossen. Darum lautet im traditionellen Taufritus auf die Frage „Was begehrst Du von der Kirche Gottes?“ die Antwort: „Den Glauben“. Weil die Vernunft der Neugeborenen noch nicht genügend entwickelt ist, können sie noch keine Glaubensakte setzen, aber wenn sie größer werden und man sie im Glauben unterrichtet, können sie diesen ohne weiteres annehmen. Da sie den Habitus des Glaubens schon besitzen, ist ihre Situation ganz anders die derjenigen, die ohne Taufe und Glauben aufgewachsen sind und den Glauben erst geschenkt bekommen müssen, bevor sie glauben können, wie wir in der ersten Folge dieser Artikelreihe gesehen haben.

Dieser Habitus des Glaubens genügt für die Kinder zum Heil, falls sie vor der Erlangung des Vernunftgebrauchs sterben sollten. Für größere Kinder und Erwachsene ist es aber nötig, dass sie auch Glaubensakte setzen, denn ohne einen ausdrücklichen Glauben können sie, wie wir gesehen haben, gar nicht nach ihrem ewigen Ziel streben.

Grundsätzlich muss man alles glauben, was Gott geoffenbart hat, denn wer hier eine Auswahl treffen würde, nähme den Glauben nicht auf die Autorität Gottes hin an, sondern würde aufgrund eigenen Gutdünkens entscheiden, was er glauben will und was nicht. Er hätte somit keinen göttlichen, sondern nur einen menschlichen Glauben.

Da es nun aber für den einzelnen Gläubigen nicht möglich ist, in allen konkreten Fällen zu entscheiden, ob eine Wahrheit in der Offenbarung enthalten ist oder nicht, genügt es, das zu glauben, was die Kirche durch ihr Lehramt als zu glauben endgültig vorgelegt hat. Dies sind die Wahrheiten, die in den Glaubensbekenntnissen und Dogmen enthalten sind. Hat die Kirche in Bezug auf einen Punkt noch keine endgültige Entscheidung getroffen, ist man auch nicht verpflichtet, diesen zu glauben. Dies ist z. B. bei der allgemeinen Gnadenmittlerschaft Mariens der Fall. Es ist zwar eine gut begründete Lehre, dass uns alle Gnaden durch die Vermittlung der Muttergottes zukommen, und verschiedene Päpste haben sich bereits zugunsten dieser allgemeinen Gnadenmittlerschaft geäußert, aber solange die Kirche hierzu noch keine endgültige Entscheidung getroffen, d. h. kein Dogma verkündet hat, ist ein Katholik auch nicht verpflichtet, an die allgemeine Gnadenmittlerschaft Marias zu glauben. Dies zeigt nebenbei auch die Unsinnigkeit der These mancher Sedisvakantisten, die immer wieder behaupten, alles, was ein Papst in Ausübung seines Amtes verkünde, trage bereits den Charakter der Unfehlbarkeit. In diesem Fall müsste die allgemeine Gnadenmittlerschaft Mariens längst Dogma sein, da z. B. Leo XIII. und Pius X. sich deutlich zugunsten dieser Lehre ausgesprochen haben.

Nun ist es aber natürlich nicht heilsnotwendig, alle Dogmen der Kirche zu kennen und ausdrücklich zu bejahen, denn in diesem Fall müsste man Theologie studieren, um gerettet werden zu können. Es genügt darum, alle Glaubenswahrheiten implizit (einschlussweise) anzunehmen. Wer also den Willen hat, alles zu glauben, was Gott geoffenbart und durch seine Kirche zu glauben vorgelegt hat, besitzt diesen impliziten Glauben.

Selbstverständlich soll sich jeder Gläubige bemühen, seinen Glauben möglichst gut kennenzulernen und möglichst viele Glaubenswahrheiten auch explizit (ausdrücklich) zu glauben. Für diejenigen, die andere im Glauben unterrichten, ist dies sogar eine Pflicht. Ein Katechet, Religionslehrer oder sogar Priester, der den Glauben nicht gut kennt, sündigt gegen seine Standespflichten.

Das absolute Minimum

Was ist nun aber das absolute Minimum, das ein Mensch kennen und explizit glauben muss, um gerettet zu werden? – Die Theologen unterscheiden hier mit Thomas von Aquin[1] die Zeit vor und nach der Verkündigung des Evangeliums. Vor der Verkündigung des Evangeliums genügte das, was in Hebr 11,6 angegeben wird: „Wer Gott nahen will, muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ein Vergelter ist.“ Es genügte also, an die Existenz Gottes zu glauben und daran, dass Gott sich um die Menschen kümmert, das Gute belohnt und das Böse bestraft. Für die Juden, die durch Moses und die Propheten in besonderer Weise auf das zukünftige Heil vorbereitet wurden, und vor allem für deren Priester und Schriftgelehrte, war aber sicher ein größerer expliziter Glaube notwendig. Sie mussten vor allem an den kommenden Erlöser glauben.

Nach der Verkündigung des Evangeliums muss man nach Ansicht der meisten Theologen wenigstens die beiden Hauptmysterien des Christentums kennen und glauben, d. h. die Dreifaltigkeit und die Menschwerdung Gottes, denn das Leiden des Gottmenschen hat uns den Weg zum Heil geöffnet und ohne den Glauben an die Dreifaltigkeit kann man nicht in einem richtigen Sinn an die Gottheit Christi glauben. Nach einer Entscheidung des Hl. Offiziums vom 25. Jan. 1703 darf daher ein Missionar einen sterbenden Erwachsenen nicht taufen, ohne ihm vorher diese beiden Geheimnisse des Glaubens erklärt zu haben (DH 2380).

Heilsmöglichkeit für die Heiden?

Was ist nun aber mit denjenigen, die ohne eigene Schuld nie mit der christlichen Offenbarung in Berührung kamen? – Nach der Meinung vieler Theologen spricht nichts dagegen, dass für diese Menschen das gilt, was vor der Verkündigung des Evangeliums für alle galt, sie also nur glauben müssen, dass Gott ist und das Tun des Menschen einmal belohnt oder bestraft.

Allerdings besteht das eigentliche Problem darin, wie diese Menschen einen übernatürlichen Glauben erlangen können, ohne mit der Offenbarung in Kontakt gekommen zu sein. Eine bloß natürliche Gotteserkenntnis genügt für das Heil jedenfalls nicht. Manche Theologen meinen, dass die Uroffenbarung, die an die ersten Menschen erging und von der sich einige Reste in vielen Religionen finden, der Anknüpfungspunkt für das Heil sein könnte. Sicherlich wird aber auch eine übernatürliche Erleuchtung genügen, um einen Menschen, der gar keinen Kontakt mit der Offenbarung hatte, zum übernatürlichen Glauben zu führen. So lehrt es jedenfalls der hl. Thomas:

„Es ist nicht unangemessen, dass jeder gehalten ist, etwas explizit zu glauben, auch wenn er in Wäldern oder unter wilden Tieren aufgewachsen ist. Es gehört nämlich zur göttlichen Vorsehung, einem jeden das zum Heil Notwendige zukommen zu lassen, wenn derjenige nicht von seiner Seite aus ein Hindernis setzt. Wenn also einer, der unter solchen Umständen aufgewachsen ist, der natürlichen Einsicht folgend das Gute erstrebt und das Böse flieht, dann ist ganz sicher anzunehmen, dass Gott ihm entweder durch eine innere Inspiration das offenbart, was zum Heil notwendigerweise zu glauben ist, oder dass er einen Glaubensprediger zu ihm lenkt, wie er den Petrus zu Cornelius geschickt hat (vgl. Apg 10).“[2]

Wer also unter dem Einfluss der helfenden Gnade, die Gott jedem Menschen schenkt, danach strebt, nicht seinem Egoismus zu folgen, sondern das wahrhaft Gute zu verwirklichen, dem wird Gott auch die notwendigen Erleuchtungen für den heilsnotwendigen Glauben schenken.

 

Anmerkungen

[1] Vgl. S Th II-II, q.2, a.7.

[2] De veritate q.14, a.11, ad 1.