Die Standespflicht in der Corona-Zeit

17. April 2021
Quelle: Distrikt Deutschland

„Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung.“ Diese Worte des hl. Paulus (1 Thess 4,3) bringen es auf den Punkt. Letztlich geht es nur um dieses Eine. Alles andere ist Hilfe oder Hindernis. Der hl. Ignatius von Loyola führt das zu Beginn seiner Exerzitien aus.

Eine äußerst negative Nebenwirkung der Corona-Krise ist die Tatsache, dass dieses Eine leider allzu oft in den Hintergrund gedrängt und vernachlässigt wird.

Die Menschen sind aufgewühlt – verängstigt wegen drohender Folgen des Lockdowns und anderer Maßnahmen oder wegen der Impfung, wütend über Dinge, die sie als unrecht wahrnehmen, aber dennoch nicht ändern können. Jeder will wissen, was Sache ist, und beginnt, sich zu informieren, mit Vorliebe im Internet. Den verheerenden Mechanismus der Einengung und Selbstverstärkung, der dabei zum Tragen kommt, ist zur Genüge bekannt. Das Ergebnis ist, dass es fast ebenso viele selbsternannte Experten wie Nutzer gibt. Menschen ohne entsprechende Fachkenntnisse trauen sich plötzlich in Bereichen ein Urteil zu, in denen sogar die Fachleute (und zwar auch seriöse, auch traditionell katholisch gläubige Fachleute!) zurückhaltend sind, weil es noch nicht genügend Erkenntnisse gibt.

Abgesehen davon, dass eine gewisse Arroganz dahintersteckt, wenn jemand meint, er habe die volle Erkenntnis über das, „was wirklich läuft“, geschieht hier vor allem eines: Dutzende, wenn nicht hunderte von Stunden werden der Beschaffung und der Weiterverbreitung von Informationen und Skandalberichten gewidmet. Diese Stunden fehlen bei der Erfüllung unserer religiösen Pflichten und unserer Standespflichten. Es lohnt sich, einen Blick darauf zu werfen, wie zentral die Erfüllung der Standesplicht nach der Lehre der Kirche ist.

Die Standespflicht

Die geistlichen Lehrer sind sich einig, dass die Erfüllung der Standesplicht für die Heiligung notwendig ist.

Für Abbé Tanquerey (+1932), den von Erzbischof Lefebvre hochgeschätzten geistlichen Schriftsteller, ist die Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes eines der allgemeinen Mittel zur Vollkommenheit. Der Wille Gottes wird uns kundgegeben durch die Gebote Gottes und der Kirche. Tanquerey führt weiter aus[1]: „Fügen wir noch hinzu, dass die Standespflichten in die Kategorie der Gebote einzureihen sind. Sie sind gleichsam besondere Vorschriften, welche in Bezug auf die einzelnen Berufe und Beschäftigungen von den Christen im Gehorsam gegen Gott zu beachten sind. Man kann sich infolgedessen nicht heiligen, ohne die Gebote zu halten und die Standespflichten zu erfüllen.“ Zu den Berufspflichten schreibt er[2]: „Unsere erste Pflicht ist es demnach, den Beruf, den die Göttliche Vorsehung uns gab, gleichsam als Ausdruck des göttlichen Willens bezüglich unserer Person anzunehmen und in ihm so lange zu verharren, als wir keine triftigen Gründe haben, einen anderen zu ergreifen.“

Gleichlautend sind die Standespflichten nach P. Tissot[3] eine nähere Bestimmung des Willens Gottes in Hinsicht auf unsere persönliche Lage: Sie bestimmen genauer, wie man gerade in dem Stande, in dem man sich befindet, die Gebote erfüllen muss. „Was die Weltleute betrifft, so sind die Standespflichten bestimmt durch die Vorschriften des Berufes, den ein jeder hat. … Alle und jeder in ihrer Lage haben ihre eigenen sie betreffenden Verpflichtungen, die ihnen durch mehr oder minder klar ausgesprochene oder durch die Gewohnheit Gesetzeskraft habende Vorschriften vorgezeichnet sind. Diese ihrem Standesberufe entsprechenden Verpflichtungen sind für die Weltleute die nächste Richtschnur für ihre Frömmigkeit.“

Wahre Frömmigkeit ist also nur möglich, wenn die Standespflichten erfüllt werden.

Was haben wir unter der Standespflicht zu verstehen? – Man kann drei Bereiche unterscheiden:

  • Beruf: Jeder Mensch hat als Berufstätiger die Standespflicht, seinen Beruf möglichst gut auszuüben.
  • Familie: Die Eltern haben als Vater und Mutter die Standespflicht, für die Familie, insbesondere für die Erziehung der Kinder, zu sorgen.
  • Kirche (in einem weiteren Sinn): Jeder Christ hat als Getaufter und Gefirmter die Standespflicht, sich um das Heil der Menschen zu kümmern.

Die Verletzung der Standespflicht

Da der Fortschritt unserer Frömmigkeit direkt von der Erfüllung der Standespflicht abhängig ist, müssen wir vermehrt darauf achten, unsere hauptsächlichen Anstrengungen (Vorsätze) nicht auf irgendwelche Nebenschauplätze zu verlagern. Wir können nicht viele Fehler gleichzeitig bekämpfen. Beschränken wir uns daher zunächst darauf, die Standespflicht in den Mittelpunkt zu setzen. Für viele bedeutet das: sich der größten Bresche zuzuwenden, die der Feind in unserer Seele geschlagen hat. Um die Aufmerksamkeit auf die wichtigen Punkte zu lenken, scheint es nützlich zu sein, ein paar Beispiele für die Verletzung der Standespflicht anzuführen.

Die Standespflicht wird sträflich verletzt

  • von jedem, der während der Arbeitszeit persönliche Dinge erledigt;
  • von jedem, der lange im Internet surft (ob für Informationen oder Filmchen, spielt keine Rolle), sich aber für das Gebet kaum Zeit nimmt;
  • von jedem, der sich immer wieder „informiert“, obwohl er weiß, dass er dadurch den Seelenfrieden verliert, und sich somit im natürlichen und übernatürlichen Bereich schwächt;
  • von einem Mann, der während der Arbeitszeit „Corona-Informationen“ zusammensucht und verbreitet – außer er hätte von seinem Chef einen Auftrag dafür;
  • von einer Mutter, welche die Sauberkeit im Haushalt vernachlässigt, aber ständig auf „Social Media“ unterwegs ist;
  • von Eltern, die Zeit im Internet verbringen, sich aber nicht Zeit nehmen, mit ihren halbwüchsigen Söhnen und Töchtern etwas zu unternehmen;
  • von Eltern, die – anstatt den Kindern Geborgenheit zu bieten – Corona zum Dauerthema und dadurch den Kindern das Familienleben zur Last machen;
  • von Eltern, die sich zu wenig abgrenzen von für sie belastenden Informationen und dadurch die Kinder in einer Atmosphäre der Angst aufwachsen lassen;
  • von Eltern die ihren Kindern im Jugendalter den Mut und den Elan für die Zukunft (Studium, Ausbildung, Gründung einer Familie etc.) nehmen, weil sie dauernd darüber sprechen, wie schlimm die Lage ist;
  • von Eltern, die sich so sehr von ihren Ängsten und Befürchtungen beherrschen lassen, dass sie ihre Aufgabe nicht wahrnehmen, die Kinder und Jugendlichen zu einem tieferen Gottvertrauen zu führen;
  • von Jugendlichen, die das Lernen und die Aufgaben für Schule oder Studium vernachlässigen;
  • von jedem, der den ihm anvertrauen Menschen schwere Gewissenslasten auferlegt, die theologisch nicht begründet werden können (indem man z. B. behauptet, sich die Corona-Impfung geben zu lassen, sei eine schwere Sünde).

Die Lösung

Es ist anspruchsvoll, immer die Standespflichten zu erfüllen. Ohne geistlichen Kampf geht es nicht, aber dieser geistliche Kampf wird uns nach und nach Christus gleichförmig machen. Je gleichförmiger wir ihm sind, umso harmonischer ist unser Leben. Die hl. Elisabeth von der heiligsten Dreifaltigkeit (1880–1906) findet dazu wunderschöne Worte: „Eine Seele, die mit ihrem Ich verhandelt, sich mit ihren Empfindlichkeiten beschäftigt, ihren unnützen Gedanken nachhängt, oder irgendeiner Begierde, diese Seele zerstreut ihre Kräfte; sie ist nicht ganz in Gott geordnet; ihre Harfe tönt nicht im Gleichklang, und wenn der göttliche Meister sie berührt, so kann Er ihr keine göttliche Harmonie entlocken. Es ist noch zu viel Menschliches da; es gibt eine Disharmonie.“

Auch wenn wir hier noch einiges zu leisen haben – wir haben keinen Grund, zu verzagen, ganz im Gegenteil. Machen wir es wie die Apostel: Lassen wir uns vom Auferstandenen trösten und stärken. Nehmen wir bei demjenigen Zuflucht, der uns zuruft (Mt 11,28): „Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“

Anmerkungen

[1] Abbé Ad. Tanquerey: Grundriss der aszetischen und mystischen Theologie, Paris 1931[ND Bobingen (Sarto) 2020], Randnummer 481.

[2] Randnummer 601.

[3] Pater J. Tissot MSFS: Das innerliche Leben, Regensburg 1933 [nach einem Manuskript eines Kartäusers], Seite 143.