Die Lehre der Kirche über Jesus Christus: 9. Die Gnade Christi

20. Januar 2022
Quelle: Distrikt Deutschland

Von Pater Matthias Gaudron

Die Aufnahme der menschlichen Natur Christi in die Einheit der zweiten göttlichen Person verlieh ihr eine wesenhafte, substantielle Heiligkeit, denn sie war die menschliche Natur des göttlichen Wortes. Besaß Christus nun aber auch noch die habituelle, heiligmachende Gnade, die uns in der Taufe geschenkt wird und uns eine Anteilnahme an der göttlichen Natur verleiht? Man könnte meinen, diese Gnade sei für ihn überflüssig, da er schon in einer viel tieferen und wesentlicheren Art geheiligt war.

Trotzdem besaß Christus auch die habituelle Gnade, denn im Johannesprolog heißt es: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade“ (Joh 1,16). Jesus Christus ist also wie ein überströmender Brunnen der Gnade, aus dem wir alle Gnaden empfangen und ohne den wir keine Gnade erhalten können. Allerdings ist es vielleicht weniger angemessen, bei Christus von „heiligmachender“ Gnade zu sprechen, da er schon wesenhaft heilig ist. In der Theologie spricht man eher von der habituellen Gnade im Gegensatz zur aktuellen Gnade. Diese ist nur eine vorübergehende Gnadenhilfe, die auch die Sünder empfangen, jene dagegen etwas Bleibendes, das unsere Natur Gott ähnlich macht.

Christus besitzt also eine doppelte Heiligkeit, eine substantielle, die aufgrund der hypostatischen Union nur ihm zukommt, und eine akzidentelle, die unserer Heiligkeit entspricht. Durch die habituelle Gnade wurde seine menschliche Seele in die übernatürliche Ordnung gehoben und wurden seine Seelenkräfte befähigt, Gott durch Erkenntnis und Liebe zu erreichen.

Diese Gnadenfülle besaß Christus vom ersten Augenblick seiner Empfängnis an. Während die anderen Heiligen im Laufe ihres Lebens durch den Empfang der Sakramente und aufgrund der Verdienste ihrer guten Werke in der Gnade wachsen, besaß Christus, da er mit der Person des göttlichen Wortes vereint war, die absolute Fülle der Gnade von Anfang an, denn bei ihm konnte es keinen Fortschritt in der Vereinigung mit Gott geben. Er verdiente durch sein heiliges Leben und Leiden also nicht für sich die Vermehrung der Gnade, sondern nur für uns die Erlösung.

Wenn es in Lk 2,52 heißt, Jesus habe an „Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen“ zugenommen, so bedeutet das nur, dass seine Weisheit und Gnade mit dem zunehmenden Alter immer deutlicher hervortrat. Zudem ist mit Gnade hier wohl kaum die habituelle Gnade gemeint, sondern das Wohlgefallen, das das Leben Jesu bei Gott und den Menschen hervorrief.

Die Gnade Christi überragt die Gnade aller Engel und Heiligen zusammengenommen, denn seine Fülle ist die Quelle, aus der die Gnade auf die anderen Heiligen überfließt. Allerdings wird auch Maria „voll der Gnade“ genannt (Lk 1,28), und vom hl. Stephanus heißt es, er sei „voll Gnade und Kraft“ gewesen (Apg 6,8). Die Gnadenfülle der Heiligen besteht darin, dass sie das Maß an Gnade erreicht haben, das sie nach dem Willen Gottes erreichen sollten und das zur Erfüllung ihrer Aufgabe genügte. Da Maria zur Mutter Gottes, zur Miterlöserin und zur geistlichen Mutter berufen war, nimmt man zu Recht an, dass sie mehr Gnade besaß als alle anderen Heiligen zusammen.

Garrigou-Lagrange spricht davon, dass die „Fülle der Gnade“ in drei Graden existieren kann:

Zunächst ist da die absolute Fülle der Gnade, die Christus eigen ist, dem Erlöser der Menschheit. Gemäß der in der Weisheit Gottes begründeten Macht Gottes kann es keine höhere, keine umfassendere Gnade geben als diese. Sie ist die herausragende und unerschöpfliche Quelle aller Gnaden, welche die gesamte Menschheit seit dem Sündenfall empfangen hat und in der Folge noch empfangen wird; sie ist auch die Quelle der Glückseligkeit der Auserwählten, denn Jesus hat uns alle Wirkungen unserer Auserwählung verdient …

An zweiter Stelle steht die sog. Fülle des Überflusses, welche der besondere Vorzug Marias ist und so genannt wird, weil sie wie ein geistlicher Fluss ist, der sich seit zweitausend Jahren auf alle Menschen ergießt.

Schließlich gibt es die Fülle des Genügens, die allen Heiligen gemeinsam ist und die sie befähigt, verdienstliche Akte zu vollbringen, die normalerweise immer vollkommener werden und sie zum ewigen Heil gelangen lassen.[1]

Die Tugenden der übernatürlichen Gaben Christi

Mit der habituellen Gnade sind die übernatürlichen Tugenden verbunden, die daher bei Christus ebenfalls anzunehmen sind. Allerdings sind jene Tugenden auszuschließen, die einen Mangel voraussetzen, der Christus nicht zukam. So hatte Christus nicht die göttliche Tugend des Glaubens, da er bereits die Schau des göttlichen Wesens besaß. Christus war also nicht ein „Glaubender“ – auch wenn das heute von modernistischer Seite immer wieder behauptet wird –, sondern ein „Schauender“. Was die zweite göttliche Tugend, die Hoffnung, betrifft, so ist ihr eigentlicher Gegenstand die Erlangung der ewigen Seligkeit, die in der Anschauung Gottes besteht. Da Christus diese Anschauung schon besaß, lehrt Thomas v. Aquin, dass Christus diese Tugend nicht hatte.[2] Er konnte zwar andere Dinge erhoffen, wie seine Auferstehung, die Verherrlichung seines Leibes, die Rettung vieler Sünder usw., aber das sind nur sekundäre Gegenstände der Hoffnung. Die göttliche Liebe besaß Christus selbstverständlich, und zwar im höchsten Maß.

Auch die Kardinaltugenden, also die Klugheit, die Gerechtigkeit, die Tapferkeit und die Mäßigkeit waren Christus zu eigen und leuchten in seinem Leben hervor. Seine übernatürliche Weisheit zeigt sich in den Gleichnissen, die er vortrug, und in seinen Antworten auf die Fallen, die seine Gegner ihm stellten. Seine Gerechtigkeit sehen wir im Wort an Johannes vor seiner Taufe: „Es ziemt sich für uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen“ (Mt 3,15), vor allem aber in seinem Willen, sein Leben als Sühnopfer für alle Sünden der Welt hinzugeben. In seiner Passion strahlt zudem seine heroische Tapferkeit auf, und die Mäßigkeit zeigte er in seinem ganzen Leben, da er als Kind armer Eltern geboren werden wollte und ein ganz einfaches, kärgliches Leben führte.

Die Tugenden werden durch die Gaben des Heiligen Geistes vollendet, die Christus natürlich ebenfalls alle im höchsten Maß besaß. Sie werden in der Heiligen Schrift ja gerade in Bezug auf den Messias das erste Mal genannt, wenn Isaias sagt: „Doch wächst hervor ein Reis aus Isais Stumpf, ein Zweig bricht aus seiner Wurzel hervor. Auf ihn lässt sich nieder der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Frömmigkeit, und erfüllen wird ihn der Geist der Furcht des Herrn“ (Is 11,1).

Auch die charismatischen Gaben standen Christus alle zur Verfügung, wenn er sie auch nicht alle ausübte. Wir lesen im Evangelium aber von seinen Wundern, von der Leichtigkeit, mit der er die Dämonen austrieb, und von den Prophetien, die er z. B. in Bezug auf sein eigenes Schicksal und dasjenige der Jünger sowie in Bezug auf die Zerstörung Jerusalems machte.

Die Gnade Christi als Haupt der Kirche

Christus ist als Mensch das Haupt der Kirche. Im Evangelium zeigt vor allem das Gleichnis vom Weinstock (Joh 15,1 ff.) den inneren Lebenszusammenhang zwischen Christus und den Gläubigen und den Lebensstrom, der vom Weinstock in die Reben fließt, also von Christus in die Gläubigen. Ausgefaltet wird diese Lehre dann in den Briefen des hl. Paulus (vgl. Röm 12,4–5; 1 Kor 12,12–13; Eph 1,22–23; 4,12–16; 5,23–32; Kol 1,18; 2,19). Natürlich handelt es sich hier nur um eine Analogie, also um einen Vergleich, bei dem nicht alles gleich gut übertragen werden kann.

Nach der Lehre des hl. Thomas unterscheidet sich das Haupt von den übrigen Gliedern, insofern es der erste und würdigste Teil des Leibes ist, insofern das Haupt alle inneren und äußeren Sinne besitzt und insofern es Einfluss auf die anderen Glieder hat, sie bewegt und leitet. Dies kommt Christus in geistlicher Weise zu, denn 1.) ist seine Gnade höher und früher als die der anderen, weil alle von ihm die Gnade empfangen, 2.) hat er die Fülle der Gnade und 3.) hat er die Kraft, die Gnade auf alle Glieder der Kirche überfließen zu lassen.[3] Die Menschheit Christi lässt also als Instrument der Gottheit allen Gliedern die notwendigen Gnaden zufließen. Sie leitet die Glieder auch, allerdings nicht als willenlose Werkzeuge wie bei einem natürlichen Leib, sondern als mit Vernunft und freiem Willen begabte Glieder. Von daher können die Glieder des Leibes Christi mehr oder weniger gefügig sein.

Das Bild vom Leib zeigt auch, wie es in der Kirche verschiedene Ämter und Aufgaben gibt. Es sind nicht alle gleich, aber alle sind für das Wohl des Gesamtleibes wichtig.

Wahre Glieder des Leibes Christi sind nur diejenigen, die der katholischen Kirche eingegliedert sind, denn die Häretiker und Schismatiker sind im Glauben bzw. in der Leitung von der Kirche getrennt. Dabei sind nur die Katholiken, die im Gnadenstand sind, lebendige Glieder, die Katholiken im Stand der schweren Sünde dagegen tote Glieder. Alle lebenden Menschen sind allerdings der Möglichkeit nach (in potentia) Glieder des Leibes Christi, weil sie zur katholischen Kirche berufen sind und grundsätzlich die Möglichkeit haben, in sie einzutreten. Nur die Verdammten gehören auf keine Weise zum Leib Christi, da sie endgültig und für immer von ihm getrennt sind. Es ist darum nicht wahr, dass Christus durch das Geheimnis der Erlösung mit jedem Menschen „für immer“ verbunden sei, wie Johannes Paul II. in seiner Antrittsenzyklika schrieb.[4]

 

Anmerkungen

[1] Die Mutter des Erlösers und unser inneres Leben, Bobingen: Sarto 2020, S. 47.

[2] S Th III, q.7, a.3.

[3] S Th III, q.8, a.1.

[4] Vgl. Redemptor hominis 13,3.