Die Lehre der Kirche über Jesus Christus: 8. Das Wissen Christi

20. Dezember 2021
Quelle: Distrikt Deutschland

Von Pater Matthias Gaudron

Als Gott war Christus selbstverständlich allwissend. Es geht hier aber um die Frage, welches Wissen Christus als Mensch hatte, d. h. um das Wissen der menschlichen Seele Christi. Die Theologen schreiben der Seele Christi ein dreifaches Wissen zu, nämlich die selige Anschauung Gottes, wie sie die Engel und Heiligen des Himmels haben, dann das eingegossene Wissen, das den Engeln natürlich ist und das auch manchen Heiligen geschenkt wurde, und schließlich das gewöhnliche menschliche Wissen, das durch die Tätigkeit der Sinne seinen Anfang nimmt.

Die selige Anschauung Gottes

Christus hatte vom ersten Augenblick seiner Empfängnis an die selige Anschauung Gottes. Dies ist zwar kein Dogma, wird von den traditionellen Theologen aber als sichere Lehre betrachtet. Ansonsten würde die Seele Christi nämlich nicht wissen, dass sie die menschliche Seele der zweiten göttlichen Person ist, sondern müsste es glauben. Da es in Christus nur die eine göttliche Person gibt, würde diese dasselbe wissen und gleichzeitig glauben müssen, was kaum denkbar ist. Sehr schön schreibt Pius XII., dass Christus gerade kraft dieser Schau vom ersten Augenblick seiner Empfängnis an einen liebevollen Blick auf jeden von uns richten konnte: „Denn vermittels jener seligen Schau, derer er sich sogleich, nachdem er im Schoße der Gottesgebärerin empfangen ward, erfreute, hält er sich alle Glieder des mystischen Leibes beständig und immerfort gegenwärtig und umfängt sie mit seiner heilbringenden Liebe.“[1]

Die Seele Christi erkannte kraft der Anschauung Gottes also nicht nur das göttliche Wesen, sondern in diesem auch alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Ereignisse. Vor allem erkannte sie das Schicksal aller Menschen, denn da Christus sowohl der Erlöser als auch der Richter aller Menschen ist, muss er alle Menschen in der vollkommensten Weise kennen.

Es stellt sich hier natürlich die Frage, wie Christus noch leiden konnte, wenn er bereits die Anschauung Gottes genoss. Tatsächlich hätte diese Schau an sich jedes Leiden unmöglich gemacht, da die Seligkeit normalerweise von der höchsten Erkenntniskraft auf die gesamte menschliche Natur übergeflossen wäre. Thomas v. Aquin erklärt jedoch, dass Christus das Überfließen der Seligkeit von der höchsten Seelenkraft auf die niederen Seelenkräfte und auf den Leib verhinderte.[2] Während manchen Märtyrern in ihren Foltern eine Vision geschenkt wurde, die das Leiden wesentlich milderte oder sogar aufhob, wollte er leiden. Er genoss darum gewissermaßen nur in der höchsten Seelenspitze die Anschauung Gottes, während die übrigen Seelenkräfte in Schmerz und Traurigkeit versenkt waren. Nach einem schönen Bild, das auf P. Monsabré[3] zurückgeht, glich die Seele Christi während der Passion einem Berg, dessen Spitze von der Sonne erleuchtet wird und in der Ruhe liegt, während um den unteren Teil ein Gewitter tost. Christus litt also zwar in höchster Weise, bewahrte in seiner höchsten Seelenkraft aber doch den Frieden. Darum verzweifelte er nicht in seinem Leiden.

Die Schau des göttlichen Wesens schloss allerdings aus, dass Christus den Glauben hatte. Er sah die Dinge, die er verkündete, und glaubte nicht nur daran, wie es die anderen Prediger tun. Darum kann Christus sagen, dass er redet, was er bei seinem Vater gesehen hat (Joh 8,38), und ist so der höchste Lehrer der göttlichen Dinge.

Das eingegossene Wissen

Wenn den Heiligen übernatürliche Visionen geschenkt wurden, sahen sie nicht immer Bilder. Gott kann einer Seele die Erkenntnisse auch unmittelbar eingeben, nicht nur vermittels von Bildern oder Worten. Der Mensch bildet sich die entsprechenden Bilder und Worte dann selbst. Pater Reus sagte z. B. ausdrücklich, bei seinen Visionen über die hl. Messe sehe er keine Bilder. Trotzdem konnte er anschließend Zeichnungen von diesen Visionen machen. Diese Erkenntnisart ist den Engeln natürlich und wohl auch den abgeschiedenen Seelen, da diese keinen Leib mehr haben, durch dessen Sinne sie Erkenntnisse aufnehmen können.

Da in Christus „alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen“ sind (Kol 2,3), darf man annehmen, dass er auch diese Weise der Erkenntnis hatte, auch wenn es dafür kein ausdrückliches Zeugnis in der Hl. Schrift gibt. Ansonsten hätten viele Heilige eine Erkenntnisart gehabt, die Christus nicht gekannt hätte.

Das erworbene Wissen

Christus hatte selbstverständlich auch das normale menschliche Wissen, das durch die Tätigkeit der Sinne und die darauf aufbauende Arbeit des Verstandes gewonnen wird. Hier konnte es bei ihm auch ein Wachstum geben, insofern er neue Dinge kennenlernte. Völlig neu war freilich nichts für ihn, da er die Menschen und Dinge, die ihm noch nicht begegnet waren, doch schon durch die Anschauung Gottes und eventuell durch das eingegossene Wissen kannte. Dies hebt besonders der hl. Johannes in seinem Evangelium mehrfach hervor. Bei der Begegnung mit Nathanael sagt Jesus zu diesem: „Noch ehe dich Philippus rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen“ (1,48). Nach der Tempelreinigung bemerkt der hl. Johannes: „Jesus aber vertraute sich ihnen nicht an; denn er kannte sie alle und brauchte von keinem ein Zeugnis über den Menschen; er selbst kannte nämlich das Innere des Menschen“ (2,24 f.). Auch die Apostel erkennen, dass er schon um ihre Fragen weiß, bevor sie diese ausgesprochen haben: „Jetzt wissen wir, dass du alles weißt und niemand dich erst zu fragen braucht“ (16,30).

Wenn Christus trotzdem manchmal Fragen stellte, wie z. B.: „Wie viel Brote habt ihr?“ (Mt 15,34), oder in Bezug auf Lazarus: „Wohin habt ihr ihn gelegt?“ (Joh 11,34), so passte er sich der allgemeinen menschlichen Gewohnheit an. In Joh 6,6 heißt es sogar ausdrücklich, Jesus habe die Frage nach den Broten gestellt, um die Jünger auf die Probe zu stellen. Als Gott im Paradies fragte: „Adam, wo bist du?“ (Gen 3,9), oder später den Kain: „Wo ist dein Bruder Abel?“, so waren das auch keine Fragen aus Unwissenheit.

Mit dem katholischen Glauben ist darum die Behauptung vieler Modernisten unvereinbar, Jesus sei erst allmählich zum Bewusstsein seiner Messiaswürde gelangt und habe etwa erst bei seiner Taufe im Jordan klar erkannt, dass er der Messias sei. Das Messiasbewusstsein Jesu kommt im Gegenteil schon in der Antwort des Zwölfjährigen im Tempel: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist“ (Lk 2,49), klar zum Ausdruck.

Das Nichtkennen des Jüngsten Tages

In Bezug auf das Ende der Welt sagt Jesus allerdings: „Jenen Tag aber oder die Stunde kennt niemand, nicht einmal die Engel im Himmel, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater“ (Mk 13,32). Die katholischen Theologen sind jedoch einhellig der Meinung, dass Jesus nicht nur als Gott, sondern auch als Mensch diesen Tag kannte, nämlich kraft der seligen Anschauung Gottes, in der er das Schicksal aller Menschen schaute. Augustinus erklärt, Christus habe gesagt, er kenne den Tag nicht, weil er nicht den Auftrag hatte, uns die Kenntnis dieses Tages zu lehren.[4] Darum sagte er auch vor der Himmelfahrt zu seinen Aposteln: „Euch kommt es nicht zu, Zeit und Stunde zu kennen, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“ (Apg 1,7). Wir sollen nämlich in der Wachsamkeit und steten Erwartung des himmlischen Bräutigams leben. Das Recht zu dieser Redeweise gab ihm die menschliche Natur, denn er kannte den Tag nicht kraft dieser, sondern nur wegen der Schau des göttlichen Wesens.

Konnte Jesus sich irren?

Ein Irrtum ist bei Jesus genauso unmöglich wie eine Sünde, denn da es in ihm nur die göttliche Person gibt, würde auch ein Irrtum auf diese zurückfallen. Jesus konnte zwar etwas kraft einer seiner menschlichen Erkenntnisarten nicht wissen, aber er konnte sich niemals irren.

In der Neuzeit behauptet man öfters, Jesus habe sich in Bezug auf seine Wiederkunft geirrt und diese noch zu Lebzeiten der Apostel erwartet. Man beruft sich dafür z. B. auf die Rede vom Ende der Welt, in der es heißt: „Wahrlich ich sage euch, dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht“ (Mt 24,34). Da in dieser Rede jedoch die Zerstörung Jerusalems und das Ende der Welt in einem Bild zusammengeschaut werden, kann man diese Worte auch auf den Fall Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. beziehen. Eine andere Erklärung bezieht diese Worte auf das jüdische Volk: Das Geschlecht der Juden wird trotz seiner Zerstreuung unter alle Völker bis zum Ende der Welt bestehen bleiben und am Ende, wenn „die Vollzahl der Heiden eingetreten ist“, doch noch zu Christus finden, wie Paulus in Röm 11,25 f. lehrt.

Wenn Christus sagt: „Wahrlich, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bevor sie den Menschensohn mit seinem Reich kommen sehen“ (Mt 16,28), so erhielten diese Worte eine erste Erfüllung schon wenige Tage später bei seiner Verklärung auf dem Berg. Des Weiteren betreffen sie das Kommen Christi in den ersten Triumphen seiner Kirche, die ja das Reich Christi auf Erden ist.

Im Übrigen deuten einige Gleichnisse gerade das lange Ausbleiben Christi an: Im Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Mt 25,1–13) schlafen alle ein, weil der Bräutigam länger ausbleibt als erwartet. Im gleich anschließenden Gleichnis von den Knechten und ihren Talenten heißt es im V. 19 ausdrücklich: „Nach langer Zeit nun kam der Herr jener Knechte zurück.“ Außerdem hatte Christus befohlen, das Evangelium allen Geschöpfen und allen Völkern der Erde zu predigen, und man konnte sich ausrechnen, dass dies lange Zeit erfordern würde.

Sicherlich hofften viele der ersten Christen, die Wiederkunft Christi noch zu erleben. Schon Paulus warnte aber im 2. Thessalonicherbrief die Gläubigen davor, zu meinen, dass „der Tag des Herrn bevorstehe … Denn zuvor muss der Abfall kommen und offenbar werden der Mensch der Gesetzlosigkeit, der Sohn des Verderbens, der Widersacher, der sich über Gott und alles Heilige erhebt, sich in den Tempel Gottes setzt und sich für Gott ausgibt“ (2,2–4). Das Auftreten des Antichristen ist damit als eine der noch ausstehenden Vorbedingungen für die Wiederkunft Christi genannt.

 

Anmerkungen

[1] Enzyklika Mystici corporis, DH 3812.

[2] Vgl. S Th III, q.46, a.8.

[3] Jacques-Marie-Louis Monsabré OP (1827–1907) war einer der bedeutendsten Kanzelredner Frankreichs.

[4] In Ps. 36,1.