Die Frage der Berufungen – eine Frage der Hingabe

09. März 2021
Quelle: Distrikt Deutschland

Dieser Artikel setzt den Artikel „Was haben Gesundheit und Berufungen gemeinsam?“ fort.

Die Frage der Berufungen – eine Frage der Hingabe

Warum gibt es zu wenig Priester und Ordensleute? Vielleicht, weil Gott nicht genug Menschen in seinen Dienst beruft? – Sicher nicht! Der Grund liegt darin, dass die Seelen den Ruf Gottes entweder nicht hören oder ihm nicht folgen.

Gott weiß, wen er in seinem Dienst haben möchte. Einen solchen Menschen stattet er mit den dazu notwendigen Talenten und Fähigkeiten aus, er begleitet ihn vom ersten Augenblick seines Daseins an mit besonderer Liebe. Der Ruf Gottes besteht viel eher in dieser inneren Vorbereitung und Führung als in einem deutlich als solchen wahrnehmbaren „Rufen“. Der Ruf Gottes ist nicht laut. Er kann von diesem Menschen nur gehört werden, wenn er seiner Seele auch Zeiten der Ruhe und des Gebetes gönnt und sie nicht dem Lärm des Egoismus aussetzt. Der Egoismus, das ist dieses ständige Bedachtsein auf den eigenen Vorteil. Das empfinden wir als angenehm, denn es schmeichelt unserer verwundeten Natur. Aber es ist so laut, dass es die Stimme Gottes übertönt. In einer egoistischen Seele gleicht der Ruf Gottes dem Weizenkorn, das unter die Dornen fiel. Es hat vielleicht guten Boden, wird aber von den Dornen erstickt.

Es gibt auch Seelen, die den Ruf Gottes irgendwie hören, denen sich die Frage der Berufung immer wieder auf irgendeine Weise stellt. Aber sie wollen sie nicht hören, sie schrecken vor dem Verzicht zurück, den eine Berufung mit sich bringt. Auch hier ist der Egoismus eine Ursache. Ein solcher Mensch ist nicht bereit, in seinem Leben Gott konsequent an die erste Stelle zu setzen.

Das Heilmittel ist die Hingabe. Die Hingabe ist der Sieg über den Egoismus. Der Egoismus ist zwar leicht, kann uns aber nie und nimmer glücklich machen. Die Hingabe kostet uns zwar viel, führt uns aber zu einem Glück, das nicht in Worten ausgedrückt werden kann!

Die Berufung ist theoretisch zwar eine Frage des Rufes Gottes. Konkret und praktisch ist sie vor allem eine Frage der Hingabe: Wie antworte ich auf den Ruf Gottes? Wenn Gott mir all diese Talente für ein Leben in seinem Dienst gibt und mich so reich beschenkt – ist es da nicht eine Frage des Dankes und der Hingabe, dass ich meine Talente und Fähigkeiten auch für Gott nutzbar mache? Ist es nicht ein großer Undank, wenn ich nur auf mich und meinen kleinen Bereich schaue?

Jede Gabe Gottes ist nicht nur für mich da, damit ich gut dastehe und Erfolg habe. Sondern dafür, dass ich sie irgendwie zurückschenke. Jedes Talent ist eine Einladung zur Hingabe. Und es ist genau diese Hingabe, die uns glücklich macht. Ist es nicht tragisch, wenn ich dieses Glück verpasse? Ist es nicht verhängnisvoll, wenn ich vergesse, dass jedes Talent auch eine Verantwortung mit sich bringt (vgl. den ersten Artikel)?

Alle sind gefordert – nicht nur die Berufenen!

Man könnte meinen, dass diese Hinweise vor allem die Jugendlichen betreffen, weil die Standeswahl in der Jugendzeit erfolgt. Das ist jedoch weit gefehlt!

Alle sind gefordert!

Wie können wir – das ist die Frage, die es zu beantworten gilt – den Jugendlichen helfen, ihre Berufung zu erkennen und ihr zu folgen? Die Antwort lautet: Es genügt nicht, wenn wir den jungen Menschen das Richtige sagen und erklären. Wir müssen es ihnen vorleben! Sie müssen an uns ein Leben des Glaubens und der Hingabe sehen!

Erstens, ein Leben des Glaubens an den Vorrang Gottes vor allem anderen, an den Vorrang des Himmels vor dem Irdischen, an den Vorrang eines Lebens im Dienste Gottes vor jedem anderen Beruf und Stand! Wenn wir daran glauben, warum bedauern wir jemanden, der mit 50 Jahren gut vorbereitet stirbt? Wenn wir daran glauben, warum finden wir es „schade“, wenn ein talentierter Mensch ins Kloster geht? Wenn wir daran glauben, warum finden wir es fast unvorstellbar, auf äußeren Besitz und Freiheit zu verzichten, um ein Leben ganz für Gott zu führen?

Zweitens, ein Leben der Hingabe. Wie wollen wir von den Jugendlichen Hingabe erwarten, wenn wir sie ihnen nicht vorleben? Schon bei den ganz einfachen Alltagsentscheidungen stellt sich die Frage der Hingabe. Wir haben die Neigung, nach unserer Laune zu entscheiden. Das ist Bequemlichkeit, die wir bekämpfen müssen: Entscheiden wir uns für das, was den Mitmenschen nützt, auch wenn es uns scheinbar nichts bringt. Richten wir uns nach den Wünschen der Anderen, auch wenn wir uns überwinden müssen. Strahlen wir Fröhlichkeit aus, auch wenn wir schlecht gelaunt sind. Hören wir ruhig zu, auch wenn wir innerlich ungeduldig sind. Helfen wir im Priorat mit (Gesang, Reinigung etc.), auch wenn uns das „nicht liegt“. Setzen wir uns ein, auch wenn wir dabei mit Menschen zu tun haben, die uns unsympathisch sind. (Diese Liste könnte beliebig verlängert werden.) Setzen wir das energisch in die Tat um. Dann setzen wir uns wirkungsvoll für Berufungen ein! Das ist echte Hingabe, das sind wahre Opfer! Verbinden wir diese Opfer mit unserem Gebet, dann werden sie doppelt wirkungsvoll!

Die Gefahr ist groß, dass wir es mit der Frage der Berufungen ähnlich halten wie viele Menschen mit ihrer Gesundheit: Eigentlich ist ihnen die Gesundheit sehr wichtig, aber sie versuchen die Gesundheit mit möglichst wenig Einsatz und Verzicht zu erhalten. Die notwendigen Anstrengungen und Einschränkungen möchte man umgehen. Es kommt, wie es kommen muss – die Gesundheit nimmt Schaden. Man ist zu wenig konsequent.

Wenn uns die Berufungen nur eigentlich ein wichtiges Anliegen sind, wir aber den dafür notwendigen Anstrengungen und Einschränkungen ausweichen, riskieren wir unsere geistliche Versorgung.

Wenn uns hingegen die Berufungen wirklich am Herzen liegen und wir konkret etwas dafür tun wollen, dann werden wir ein Leben des Glaubens und der Hingabe führen, dann werden wir für Berufungen beten und opfern.

Wir können durch unser Gebet und Opfer Tausende von Seelen retten! Sei es direkt, indem Gott unser Gebet für die Seelen nutzt. Sei es indirekt, weil auf unser Gebet hin irgendein junger Mensch die Kraft findet, dem Ruf Gottes zu folgen, und weil dieser junge Mensch dann wieder viele Seelen retten kann.

Leben wir aus dem Glauben! Leben wir diese Hingabe! Wir tun damit nicht nur für die Anderen Gutes. Es ist letztlich der einzige Weg, auf dem wir selbst glücklich werden!