Das Problem von Ecône ist das von Tausenden, von Millionen christlicher Gewissen

04 Juli, 2019
Quelle: Distrikt Deutschland

Erzbischof Marcel Lefebvre: Brief an die Freunde und Wohltäter vom 3. September 1975

In einem Rundbrief an die Freunde und Wohltäter vom 3. September 1975 informierte Erzbischof Marcel Lefebvre darüber, dass seine Bitte um eine Audienz beim Heiligen Vater vom Kardinalstaatssekretär zurückgewiesen worden sei.  „Ich würde eine Audienz erst erhalten, wenn mein Werk verschwunden sei und wenn ich meine Denkart mit derjenigen in Übereinstimmung gebracht hätte, die in der vom Konzil reformierten Kirche von heute herrsche.“ Er habe am 10. Juli 1975 einen Brief vom Papst enthalten, der einen öffentlichen Akt der Unterwerfung „unter das Konzil, unter die nachkonziliaren Reformen“ forderte.

„Obwohl ich doch nur das eine Ziel verfolge, der Kirche in aller Demut bei einer so trostvollen Aufgabe zu dienen, ihr wahre, ganz ihrem Dienst hingegebene Priester zu geben, standen wir, ohne dass ich es gewünscht hatte, dieses Mal den Autoritäten der Kirche bis hin zu ihrer höchsten Spitze hier auf Erden, dem Papst, als Gegner gegenüber. Ich habe also dem Heiligen Vater geantwortet und ihn unserer Unterwerfung unter den Nachfolger Petri in seiner wesentlichen Funktion versichert, die darin bestehe, uns getreulich das Depositum des Glaubens zu übermitteln (Seite 141).

Wenn man die Tatsachen in ihrem bloß materiellen Aspekt betrachtet, so handelt es sich um etwas Geringes: die Aufhebung einer Bruderschaft, die kaum geboren ist, und die Schließung eines Seminars, wahrhaftig an sich eine geringfügige Angelegenheit, die es nicht verdient, dass man sich damit so besonders abgibt.

Andererseits, wenn man auch nur kurz die Reaktionen betrachtet, die in den katholischen und selbst in protestantischen, orthodoxen und atheistischen Kreisen hervorgerufen wurden, und das auf der ganzen Welt, die unzähligen Artikel der Weltpresse, die Reaktionen von Enthusiasmus und echter Hoffnung, von Ärger und Widerspruch oder von bloßer Neugierde, dann können wir nicht umhin, zu denken, dass Ecône, selbst wenn wir das bedauern, ein Problem aufgibt, das bei weitem die bescheidenen Dimensionen der Bruderschaft und des Seminars übersteigt. Es ist ein tiefes und unausweichliches Problem, das man nicht mit einer Handbewegung abtun kann, das man nicht durch einen formellen Befehl – von welcher Autorität auch immer – lösen kann. Denn das Problem von Ecône ist das von Tausenden, von Millionen christlicher Gewissen, die seit zehn Jahren durch die quälende Alternative zerrissen, gespalten und erschüttert sind: Entweder gehorchen mit dem Risiko, den Glauben zu verlieren, oder ungehorsam sein und den Glauben unversehrt bewahren; entweder gehorchen und an der Zerstörung der Kirche mitwirken, oder ungehorsam sein und an der Erhaltung und am Fortbestehen der Kirche arbeiten; entweder die reformierte und liberale Kirche annehmen, oder seine Zugehörigkeit zur katholischen Kirche aufrechterhalten.

Und weil Ecône im Zentrum dieses entscheidenden Problems liegt, das sich den katholischen Gewissen selten in diesem Ausmaß und mit solchem Gewicht gestellt hat, sind dermaßen viele Blicke auf dieses Haus gerichtet, das sich entschlossen für die Zugehörigkeit zur Kirche aller Zeiten entschieden hat und die Zugehörigkeit zur reformierten und liberalen Kirche zurückweist.

Die Kirche aber bezieht durch ihre offiziellen Vertreter Stellung gegen diese Entscheidung von Ecône und verurteilt damit öffentlich die traditionelle Ausbildung der Priester, und zwar ‚im Namen der nachkonziliaren Reformen und im Namen der nachkonziliaren Richtlinien, die auch den Papst binden‘.

Wie kann man diesen Widerspruch gegen die Tradition im Namen eines Konzils und seiner Anwendung erklären? Kann man vernünftigerweise und soll man tatsächlich sich einem Konzil und seinen Reformen entgegenstellen? Kann man überdies und soll man sich den Befehlen der Hierarchie widersetzen, die dazu auffordert, dem Konzil und allen offiziellen nachkonziliaren Richtlinien zu folgen?

Hier liegt das schwere Problem, das sich heute, zehn Jahre nach Beendigung des Konzils, aus Anlass der Verurteilung von Ecône unserem Gewissen stellt.