Das Buch Tobias

14 August, 2019
Quelle: Distrikt Deutschland

Von Pater Matthias Gaudron

Das Buch Tobias enthält eine der schönsten Erzählungen des Alten Testaments. Es enthält zudem wichtige Lehren, von denen wir hier drei herausgreifen wollen: a) die Notwendigkeit der Treue gegenüber Gott, b) der Gerechte muss leiden, c) Gott lenkt alles durch seine Vorsehung, die er durch die Engel ausübt.

a) Das Beispiel der Treue

Tobias ist ein Beispiel der Treue gegenüber Gott. Er wächst im jüdischen Nordreich auf und weigert sich schon als junger Mann, am verbotenen Kult teilzunehmen:

„Während alle zu den goldenen Kälbern gepilgert waren, die Jerobeam, der König von Israel, hatte aufstellen lassen, war er allein diesen Zusammenkünften ferngeblieben. Er war nach Jerusalem zum Tempel des Herrn gepilgert, hatte dort den Herrn, den Gott Israels, angebetet und getreulich alle seine Erstlinge und Zehnten dargebracht“ (1,5 f.).

Als Erwachsener kommt er in die Gefangenschaft nach Ninive, erfüllt aber auch dort das mosaische Gesetz, soweit er kann, isst insbesondere keine unreinen Speisen und versucht, einen heilsamen Einfluss auf seine Volksgenossen auszuüben.

Er findet sogar die Gnade des assyrischen Königs Salmanasar. Dessen Sohn (oder besser: Enkel) Sanherib sind die Juden allerdings verhasst. Er hatte Jerusalem unter König Hiskia belagert, aber sein Heer war von einem Engel vernichtet worden – vielleicht durch den Ausbruch der Pest. Sanherib scheint seinen Zorn an den Juden in Ninive ausgelassen zu haben, von denen er viele tötet und ihnen sogar das Begräbnis verweigert. Tobias beerdigt sie aber heimlich in der Nacht. Sanherib will ihn deshalb ermorden lassen, und Tobias muss darum fliehen. Er verliert dabei seine ganze Habe, aber kurze Zeit darauf wird Sanherib selbst von seinen Söhnen ermordet. Tobias kann zurückkehren und bekommt sogar seinen Besitz zurückerstattet.

Man kann hier die Anwendung auf unsere Zeit vornehmen, und Erzbischof Lefebvre hat dies am 18. September 1977, in der Predigt zur Feier seines 30-jährigen Bischofsjubiläum, getan:

„Wir hoffen, dass auch wir treu befunden werden wie einst Tobias, treu in der Jugend, treu später in der Gefangenschaft. Befinden wir uns heute nicht auch in gewisser Weise in einer Gefangenschaft, die uns allseitig umgibt, die überall augenfällig wird und die uns von jenen auferlegt wird, die sich dem bösen Geist unterwerfen, in der Welt und selbst im Inneren der Kirche, von jenen, die die Wahrheit unterdrücken, sie gefangen halten, anstatt sie zu offenbaren, sie zu zeigen?“

b) Der Gerechte muss leiden

Zur großen Prüfung kommt es, als Tobias eines Nachts von der Beerdigung eines Leichnams zurückkommt und nicht ins Haus geht (wahrscheinlich, weil er unrein ist), sondern draußen an der Hauswand schläft. Es fällt Schwalbenkot in seine Augen und er erblindet. Die Hl. Schrift kommentiert dies so:

Diese Prüfung ließ der Herr über ihn kommen. Er sollte dadurch der Nachwelt ein Beispiel der Geduld geben wie der fromme Ijob. Da er von Kindheit an gewohnt war, Gott zu fürchten und seine Gebote zu halten, murrte er nicht gegen Gott, als ihm das Unglück zugestoßen war. Vielmehr verharrte er unerschütterlich in der Gottesfurcht und dankte Gott alle Tage seines Lebens. Wie aber die Fürsten den heiligen Ijob beschimpften, so spotteten auch seine Verwandten und Bekannten über seinen Lebenswandel und sagten: „Wo ist deine Hoffnung, um derentwillen du Almosen gabst und die Toten begrubst?“ Tobias aber verwies es ihnen und sprach: „Führt nicht solche Reden! Wir sind Kinder der Heiligen und erwarten das Leben, das Gott denen gibt, die in ihrer Treue von ihm nicht ablassen“ (2,12–18).

Der Erzengel Raphael sagt am Ende sogar zu ihm: „Weil du wohlgefällig warst vor Gott, musste die Prüfung dich bewähren“ (12,13).

Im AT sieht es manchmal so aus, als wäre das Unglück immer eine Strafe Gottes und als würde Gott ein gutes Leben immer mit irdischem Segen belohnen. Deshalb insistieren die Freunde Jobs auch so: Denk nur einmal genau nach, da ist bestimmt etwas, womit du Gott beleidigt hast. Aber gerade die Bücher Job und Tobias zeigen, dass es eben nicht so einfach ist. Auch im Ps 72 fragt der Beter sich: Warum geht es den Bösen so gut?

So meinen auch viele christliche Gläubige, wenn sie Gott dienen, müsste es ihnen immer gut gehen. Aber Christus hat nicht versprochen, dass es seinen Jüngern in dieser Welt immer gut gehen wird, sondern hat ihnen im Gegenteil den Hass der Welt und Verfolgungen vorausgesagt.

Warum also wird der Gerechte geprüft?

Ein erster Grund besteht darin, dass Gott um seiner selbst willen geliebt werden will. Religion ist keine Methode, um einen Zustand des Sich-Wohlfühlens herbeizuführen. Sicherlich dürfen wir hoffen, dass der Glaube uns zum Frieden und zum wahren Glück führt, aber wenn wir nur deswegen fromm sind, dann ist das eher ein Götzendienst. Die Heiden hatten für jedes Anliegen ihren zuständigen Gott. Man opferte diesen Göttern, aber niemand gab sich ihnen wirklich hin. Der Gott war nur das Mittel, durch das man seine Ziele erreichen wollte, entsprechend dem Grundsatz: Do ut des – Ich gebe, damit du gibst.

Das ist genau die Gesinnung der Verwandten des Tobias: „Wo ist deine Hoffnung, um derentwillen du Almosen gabst und die Toten begrubst?“ Deine Frömmigkeit hat sich nicht ausgezahlt, halten sie ihm vor. Sogar die Frau des Tobias spricht im Ärger so: „Dass deine Hoffnung eitel war, hat sich gezeigt, und man sieht jetzt, was dein Almosen nützte.“

Im Buch Job vermutet der Teufel bei Job eine solche Gesinnung:

Da sagte der Herr zum Satan: „Hast du auch achtgehabt auf meinen Diener Ijob? Niemand kommt ihm auf Erden gleich. Untadelig ist er und rechtschaffen, fürchtet Gott und hält sich vom Bösen fern.“ Der Satan erwiderte dem Herrn: „Ist etwa Ijob umsonst so gottesfürchtig? Umhegst du nicht ihn und sein Haus und alles, was ihm gehört? Seiner Hände Wirken segnest du, und sein Besitz dehnt sich immer weiter im Land aus. Doch strecke nur einmal deine Hand aus und taste seine Habe an, ob er sich nicht offen gegen dich auflehnt!“

Darauf erlaubt ihm Gott zunächst, ihm seine Habe zu nehmen, später auch noch, ihm an der Gesundheit zu schaden. In den Prüfungen zeigt sich also, ob man Gott sucht oder nur sich selbst.

Ein zweiter Grund für die Prüfung des Gerechten liegt darin, dass diese Prüfungen zu unserer Vollendung nötig sind. Die Hl. Schrift spricht darüber z. B. in Hebr 12:

Ihr habt die Mahnung vergessen, die an euch wie an Söhne ergeht: „Mein Sohn, achte die Züchtigung des Herrn nicht gering und verzage nicht, wenn du von ihm zurechtgewiesen wirst! Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er und schlägt jeden, den er als Sohn annimmt.“ Im Blick darauf, dass es Züchtigung ist, haltet aus! Gott verfährt mit euch wie mit Söhnen. … Bliebet ihr ohne Züchtigung, unter der doch alle stehen, so wäret ihr unechte, nicht wahre Söhne. Ferner: unsere leiblichen Väter … züchtigten uns nur für kurze Zeit nach ihrem Gutdünken; er aber tut es zu unserem Besten, damit wir Anteil bekommen an seiner Heiligkeit. Zwar bringt jede Züchtigung für den Augenblick nicht Freude, sondern Trauer. Später aber bringt sie denen, die durch sie geschult sind, die friedvolle Frucht der Gerechtigkeit.

Die Hl. Schrift spricht auch mehrmals davon, dass die Heiligen wie Gold oder Silber im Feuer geläutert werden müssen.

Der Grund dafür ist einleuchtend. Wir können alle die Erfahrung machen, dass wir mit unseren normalen Bemühungen um die Tugenden bald nicht mehr weiterkommen. Die groben Verfehlungen kann man zwar mit Hilfe der von der Gnade unterstützten Tugendübungen verbessern, aber es bleibt ein Rest von feiner Eigenliebe, feinem Stolz und Anhänglichkeit an die Geschöpfe. Diese Fehler äußern sich nicht in groben Verfehlungen oder schweren Sünden, aber sie sind doch ein Hindernis zur Vollkommenheit.

Gott selbst muss hier eingreifen, und deshalb sprechen die Theologen von passiven Reinigungen. Gott nimmt uns das, woran unser Herz ungeordnet hing, er macht unsere allzu menschlichen Hoffnungen zunichte, er führt uns unser Elend und unsere Armseligkeit so deutlich vor Augen, dass wir die ganze Lächerlichkeit des Stolzes sehen und gar nicht mehr überheblich sein können.

Allerdings erfüllen diese Prüfungen ihren heilsamen Zweck nur, wenn man sie annimmt und in ihnen ausharrt, was nicht einfach ist. Hier liegt sicher oft der Grund, warum manch einer, der gut angefangen hat, später doch gescheitert ist: Er war nicht bereit, die Prüfungen anzunehmen und in ihnen auszuharren. Er hat irgendwann einmal „Nein“ zu Gott gesagt.

Es ist also wichtig zu wissen, dass es normal ist, wenn solche Prüfungen kommen, und dass sie letztlich zum Guten, zu unserer Heiligung führen.

Ein dritter Grund für die Prüfungen der Gläubigen, der sich allerdings im AT noch nicht findet, liegt im Mitleiden mit Christus, in der Sühne für unsere und fremde Sünden, in der Teilnahme am Erlösungswerk. So schreibt der hl. Paulus:

„Jetzt freue ich mich inmitten der Leiden für euch und ergänze in meinem Fleisch, was an den Drangsalen Christi noch mangelt, für seinen Leib, das ist die Kirche“ (Kol 1,24).

„Die körperlichen und seelischen Leiden sind die würdigste Opfergabe, die wir demjenigen anbieten können, der uns durch sein Kreuz erlöst hat“ (P. Pio).

c) Die Rolle der Engel in der Vorsehung Gottes

Gott führt alles durch seine Vorsehung, in der er sich der Engel bedient. Er bräuchte die Engel natürlich nicht, will sie aber an seiner Vorsehung und am Heilswerk mitwirken lassen.

Im Buch Tobias wird der Erzengel Raphael dem Sohn des Tobias als Reisebegleiter gesandt, um alles wieder zum Guten zu wenden. Sein Wirken fasst der junge Tobias folgendermaßen zusammen:

„Er hat mich wohlbehalten hin- und zurückgeführt, hat selbst das Geld bei Gabaël geholt, hat mir zu einer Frau verholfen und den bösen Geist von ihr vertrieben und ihren Eltern damit Freude bereitet. Mich hat er bewahrt vor dem Rachen des Fisches, und dich hat er das Licht des Himmels wieder sehen lassen“ (12,3).

Der Engel tritt hier in sichtbarer Gestalt auf, wenn er sich auch zunächst nicht als Engel zu erkennen gibt. Normalerweise bleibt das Wirken der Engel jedoch unsichtbar, aber wir dürfen annehmen, dass vieles, was wir auf Gott zurückführen, durch die Engel vermittelt wird.

Die Engel geben uns gute Einsprechungen und halten manche Anschläge der bösen Engel von uns fern. Nicht nur die einzelnen Menschen, sondern auch Völker, Bistümer, Kirchen haben ihren Engel. Nach der Apokalypse unterstehen auch die Naturgewalten wie Feuer, Wasser und Winde den Engeln. Sie tragen auch unsere Gebete vor Gott, wie der Erzengel Raphael sagt:

„Als du unter Tränen betetest und die Toten begrubst, dein Mahl verließest und bei Tag die Toten in deinem Haus verbargst, um sie bei Nacht zu bestatten, brachte ich dein Gebet vor den Herrn“ (12,12).

Gleicherweise heißt es in der Apokalypse:

„Dann kam ein anderer Engel und trat mit einem goldenen Rauchfass vor den Altar. Ihm wurde viel Räucherwerk gegeben, damit er es zu den Gebeten aller Heiligen auf den goldenen Altar vor dem Thron lege. Und der Rauch des Räucherwerkes stieg mit den (oder: für die) Gebeten der Heiligen aus der Hand des Engels zu Gott empor“ (8,3 f.).

Der Engel bringt die Gebete, denen menschliche Unvollkommenheiten anhaften, auf die reine Glut des himmlischen Opferaltars. Geläutert steigen sie so vor Gott auf und sind der wohlgefälligen Annahme gewiss. Das heißt: Die Engel schließen sich unseren Bitten an, nicht dem, was vielleicht ungeordnet ist, aber unseren wirklich guten Anliegen, und bringen sie ebenfalls Gott vor. Sogar bei der Messe ist das so, wie das Kanongebet sagt, das sicherlich von Apk 8,3 inspiriert ist:

„Demütig bitten wir dich, allmächtiger Gott: lass dieses Opfer durch die Hände deines hl. Engels emportragen auf deinen hehren Altar, vor das Angesicht deiner göttlichen Majestät, damit wir alle, die wir an dem Altar teilhaben und das hochheilige X Fleisch und X Blut deines Sohnes empfangen, † mit allem Gnadensegen des Himmels erfüllt werden.“

Das Gebet zu den Engeln sollte man nicht vernachlässigen, besonders in unserer Zeit, in der die bösen Mächte mehr entfesselt zu sein scheinen.