Das Ave-Maria in der Gemeinschaft der Heiligen

17 September, 2019
Quelle: Distrikt Deutschland

Von Pater Ludger Grün

Eine Musikerfamilie saß am Samstag zusammen; sie überlegten, was sie zusammen spielen könnten. Die Kleinste rief: «Ein Streichquartett von Beethoven, bitte!» Natürlich hatte sie damit den Lieblingskomponisten der Familie genannt, und in kurzer Zeit saßen alle an den Instrumenten. Es war nicht einmal nötig, zu proben, denn sie hatten schon viele Stücke dieses Meisters geübt. Die Familienbande machten es leicht, zusammen zu musizieren. Es gab einen herrlichen Nachmittag!

Wenn wir den Rosenkranz beten, haben wir oft ein bisschen mit dem Eindruck zu kämpfen, wir stünden ganz allein. Der Rosenkranz ist wichtig, gerade in der heutigen Zeit. Aber mancher fragt sich, was schon ein einzelner Rosenkranz Großes bewirken könne. Es gibt ja so vieles, für das man beten muss!

Erinnern wir uns daran, dass auch wir in einer großen, sehr großen Familie stehen. Im Glaubensbekenntnis bezeugen wir die «Gemeinschaft der Heiligen», und dies zählt gerade für unser Gebet. Familienbande sind eng und stark, aber die Gemeinschaft in der katholischen Kirche geht noch viel weiter und ist viel inniger als die Verbundenheit in einer Familie. Die Einheit unter den Mitgliedern der Kirche stammt ja vom Hl. Geist, der die Einheit von Vater und Sohn ist. Die Kirche ist also eine große Lebensgemeinschaft, sie besitzt «ein Herz und eine Seele».[1] Weil wir Getaufte sind, können wir alles Gute der Heiligen, all ihre Gebete mit der Freude der Liebe in unser Herz aufnehmen und im Gebet darbringen.

Wenn wir die Heiligen einladen, mit uns zu beten, finden wir sie schon längst ins Gebet versunken. Indem wir uns über diese ihre Gebete in Liebe freuen, haben wir daran tiefen Anteil. Es ist ja die Liebe, die alle Christen verbindet und der es eigen ist, zu verschenken. Kann man nicht Gott den großen «Schenker» nennen? «Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab.»[2] «Er, der doch seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken?»[3] Ja, wir nennen Gott den Allmächtigen Vater, weil er dem Sohn seine ganze Gottheit, Allmacht, Weisheit und Güte zu eigen gibt und schenkt.

Wir finden dieses große Schenken auch bei den Heiligen. Wurden sie nicht gerade deshalb zu Heiligen, weil sie ihre Nächsten ohne Unterlass beschenkt haben?[4]

Fangen wir also an, bei jedem Rosenkranz alle Heiligen einzuladen, mit uns zu beten. Bitten wir sie um das Geschenk ihrer Gebete, um unsere himmlische Mutter gemeinsam zu loben. Alle Geretteten, deren Fest wir am 1. November feiern, und alle Heiligen, die ihre großen Gnaden dem Gebet Mariens verdanken, sind in ihrer Liebe zu Maria und uns sogleich bereit, das Lob Mariens zu singen. Dort oben herrscht ja das große Gesetz des Schenkens und Gebens. Die «große Schar, welche niemand zählen konnte, aus jeder Nation und aus Stämmen und Völkern und Sprachen» ist völlig bereit, gemeinsam mit uns zu beten.

Bedenken wir, dass wir dann nicht mehr als Einzelne zu Maria beten, sondern mit «einem Herzen und einer Seele» aus Millionen von in der Gnade glänzenden Seelen vor dem Thron Mariens knien. Hören wir diese unzähligen Stimmen des Gebets wie ein gewaltiges Rauschen vieler Wasser, denken wir an die unzählbaren, in Liebe brennenden Herzen, die völlig freiwillig und gern uns ihre Gebete in die Hände legen. Machen wir uns zum Mund all dieser Herzen, die Maria loben und ihr danken. Stellen wir uns in den Chor derer, die ihrer Fürbitte alles verdanken. Jedem Einzelnen von ihnen hat Maria ja die große Gnade der Beharrlichkeit bis ans Ende erbeten. Dieser Chor umfasst Jahrhunderte tiefen Gebetes. Gestärkt und ermutigt durch diese Gemeinschaft grüßen wir Maria:

«Ave Maria, gratia plena» Die Gnade ist ein unverdientes Geschenk Gottes, das den Menschen zu einem Kind Gottes macht und ihm Anteil gibt an der göttlichen Natur. Die helfende Gnade hat den Sinn, diese Kindschaft zu beleben, zu vertiefen und zu beschützen. Wenn also Maria voll der Gnade ist, hat sie den Geist des unverdienten Schenkens, sie lebt und atmet im Geist der Gnade. In ihrem «Jubel über Gott, ihren Heiland»[5] denkt sie ständig an die übergroße Barmherzigkeit Gottes. Ihr sind ja nicht nur alle Gnaden für alle Menschen ins Herz gelegt, sie ist die Trägerin der ungeschaffenen Gnade, des menschgewordenen Sohnes Gottes. Sie ist also der Liebe des Vaters, der seinen eigenen Sohn geschenkt hat, völlig angeglichen.

Schon allein dieses Lob, das wir aus den Herzen aller Heiligen darbringen dürfen, gibt uns Grund zu großem Vertrauen. Bei Maria herrscht der Geist der Barmherzigkeit, des Verzeihens, der Milde, der Schonung, der Hilfe und der Rettung. Versuchen wir, uns dieses Lob aus dem «einen Herzen» und der «einen Seele» aller Geretteten vorzustellen und es Maria darzubringen wie einen millionenfachen Rosenstrauß.

«Dominus tecum» Dies müssten wir eigentlich ganz leise und still beten, aus Ehrfurcht vor dem tiefsten Geheimnis Mariens. So, wie der Priester in der hl. Messe nach dem Sanctus nur noch leise betet, muss uns hier eine heilige Scheu bestimmen. Mit allen Heiligen bewundern wir ihre tiefe Gemeinschaft mit der Hl. Dreifaltigkeit. Schon von den Auserwählten heißt es: «Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben»[6]. Noch größer als dieser Lohn ist die Gemeinschaft, die Maria mit Gott verbindet. Die Heiligen, in deren Gemeinschaft wir beten, sehen zwar Maria, aber sie können nur staunen über die Herrlichkeit Gottes, die über Maria ausgegossen ist.[7] Schließen wir uns ihrem Staunen und ihrem Lob an!

«Benedicta tu in mulieribus» Leider ist bei dem Wort «gebenedeit» nicht sofort die Bedeutung ersichtlich. Von Gott her gesehen bedeutet es «gesegnet», von den Menschen her entspricht es dem Wort «gepriesen». Maria ist beides zugleich, von Gott gesegnet und von den Menschen gepriesen. Wodurch ist «unsere liebe Frau» gesegnet? Durch ihre Mutterschaft des Sohnes Gottes! Von der Herabkunft dieses Segens heißt es: «Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten.» Aber warum spricht der Engel von «überschatten»? Wenn eine Eule am Tag aufwacht und in die Sonne blickt, sieht sie nichts, weil sie geblendet ist. Die Sonne erscheint ihr wie dunkel. Das Wirken Gottes in Maria ist so groß und erhaben, dass es uns unbegreiflich und dunkel erscheint, es übersteigt völlig unseren Verstand. In diesen Worten liegt also ein großes Lob für Maria, die von Gott so tief gesegnet wurde. Mit allen Heiligen preisen wir Maria wegen des göttlichen Segens, den sie erhalten hat.

«Et benedictus fructus ventris tui, Jesus» Dieser Vers spricht von der Frucht, die aus dem Segen Gottes entstanden ist. «Denn es gibt keinen guten Baum, der faule Frucht bringt, noch einen faulen Baum, der gute Frucht bringt; denn ein jeder Baum wird an seiner eigenen Frucht erkannt.»[8] Wenn man sagen könnte, wie gut Jesus ist, dann könnte man auch beschreiben, wie gut der Baum ist, der diese Frucht gebracht hat. Ja, diese Frucht Mariens wird von Gott Vater selbst gelobt: «Und siehe, eine Stimme kommt aus den Himmeln, welche spricht: Dieser ist mein geliebter Sohn, an welchem ich Wohlgefallen gefunden habe.»[9] Maria ist gesegnet von Gott und gepriesen von den Menschen: «denn siehe, von nun an werden mich glückselig preisen alle Geschlechter.»[10] In unserem Gebet mit allen Heiligen reihen wir uns ein in die Generationen, die Maria gepriesen haben. Auch dieses Lob Mariens und ihrer Frucht erklingt aus allen christlichen Jahrhunderten, und wir dürfen es in der Liebe und Freude darüber zu unserem eigenen Lob machen.

So ist der erste Teil des Ave-Maria ein überaus großes Lob Mariens und ein herrlicher Gruß für sie. Recht betrachtet ist Maria wie ein Diamant, der im Licht Gottes hell erstrahlt, voller Gnade, tief mit Gott vereint, gesegnet mit unbegreiflichem Segen und herrlichster Frucht. All diese Strahlen können wir zusammenfassen in der Anrufung «Heilige Maria, Mutter Gottes». Ihre Erwählung zur Mutter Gottes ist der Grund für die oben betrachteten Facetten ihres Lichts.

Aber halten wir kurz inne, bevor wir sie um ihr Gebet bitten. Überlegen wir, was geschieht, wenn Maria, die Mutter Gottes, betet!

Ein Kind betet wie ein Kind, ein Erwachsener wie ein Erwachsener. Wie alles Tun entspricht auch das Gebet dem, was man ist und wie man ist. Ein Musiker wie Mozart komponiert, wie es seinem Inneren und seinem Talent entspricht. Die Musik von Vivaldi verrät den Komponisten sofort durch die bekannte Lebhaftigkeit, auch die Musik von Chopin wird leicht erkannt, weil sie typisch für ihn ist. Jeder denkt, redet, handelt so, wie es seinem Wesen entspricht. Wenden wir diese Tatsache auf Mariens Gebet an, wird die ganze gewaltige Bedeutung ihres Gebetes erkennbar. Wie ist Maria? Voll des Geistes der Gnade, ganz geneigt, zu verzeihen und zu helfen. Und sie steht in tiefster Gemeinschaft mit dem Allmächtigen, ist überschattet von seinem unbegreiflichen Segen, und beschenkt mit der Mutterschaft für den Gottmenschen, den König der Könige, durch den alles geworden ist. Wie Maria ist, so ist auch ihr Gebet. Wir müssen uns klarmachen, dass dieses Gebet etwas völlig Einzigartiges ist. Da geschieht Gewaltiges, denn es ist die Mutter Gottes, die betet, wie es ihrem gotterfüllten Sein entspricht. Man könnte sagen, dass sich da etwas in Bewegung setzt, das die Erde erschüttern und den Himmel erstaunen kann: das Gebet der Mutter Gottes.

Dieses große Gebet steigt aus ihrem unbefleckten Herzen zu Gott empor, weil wir sie im Verein mit allen Heiligen darum bitten. Es macht nichts, dass wir Sünder sind, denn sie ist Mutter Gottes geworden, weil Jesus der Heiland der Sünder sein wollte. So wie Jesus wegen uns Sündern Mensch geworden ist, gelangte sie zur Höhe der Gnaden, weil wir ihren Sohn als Retter aus unseren Sünden brauchten. Eigentlich ist sie die Mutter Gottes, weil wir Sünder sind. So bitten wir sie um ihr mächtiges Gebet für die zwei Augenblicke, die in unserem Leben entscheidend sind: für das Jetzt mit seinem Hier und Heute und dann für die Stunde unseres Todes, wenn alles auf dem Spiel steht.

Der Rosenkranz ist also eine Begegnung mit Maria, der Mutter Gottes. Loben wir sie mit der Liebe und den Gebeten aller Heiligen zusammen, damit wir eines Tages im Himmel in diese herrliche Gemeinschaft mit Gott, mit Maria und allen Heiligen eingehen können!

 

Anmerkungen

[1] Apg 4,32

[2] Joh 3,16

[3] Röm 8,32

[4] Mt 25,35

[5] Lk 1,47

[6] 1 Kor 2,9

[7] Sir 1,10

[8] Lk 6,43f.

[9] Mt 3,17

[10] Lk 1,48