Altes Testament und Archäologie: 3. Der Auszug aus Ägypten

18. Januar 2024
Quelle: Distrikt Deutschland

Das Buch Exodus berichtet uns, dass die Israeliten, die unter Josef in Ägypten ehrenvoll aufgenommen worden waren und sogar Land angewiesen bekommen hatten, später versklavt wurden:

Nun kam ein neuer König in Ägypten zur Herrschaft, der von Josef nicht wusste. Der sagte zu seinem Volk: „Seht, das Volk der Israeliten ist zahlreicher und stärker als wir. Wohlan, wir wollen gegen es klug zu Werke gehen, damit es nicht noch weiterwächst und im Falle eines Krieges zu unseren Feinden übergeht, gegen uns kämpft und aus dem Land wegzieht.“ Sie bestellten darum Fronvögte über dasselbe, um es mit Fronarbeiten zu bedrücken: es musste für den Pharao die Vorratsstädte Pitom und Ramses bauen (Ex 1,8-11).

Da Ramses bzw. Pi-Ramesse, wie es eigentlich hieß, von Ramses II. im 13. Jh. v. Chr. erbaut wurde, hielt man diesen lange für den Pharao des Auszugs. Das passt aber nicht. Für seine Zeit gibt es keine Nachrichten von Katastrophen, die zu den zehn Plagen und dem Untergang des ägyptischen Heers im Meer passen würden. Die Epoche von Ramses II. war vielmehr eine Glanzzeit Ägyptens. Deswegen meinen die meisten Ägyptologen, den Exodus habe es nie gegeben. In Wirklichkeit aber müssen sich die Ereignisse deutlich früher abgespielt haben, und dann findet die Archäologie auch Hinweise.

Avaris

Bei dem Namen Ramses handelt es sich einfach um einen Anachronismus. Der Verfasser benannte die Stadt, die die Israeliten bauen mussten, nach der Stadt, die später an deren Stelle gebaut wurde. Der eigentliche Name der Stadt war Avaris, das im 20. Jh. von dem österreichischen Archäologen Prof. Manfred Bietak ausgegraben wurde. Die Ausgrabungen zeigten, dass die Bevölkerungszahl in Avaris zuerst stark anwuchs, vielleicht wegen der hohen Geburtenrate der Israeliten, vermutlich auch wegen neuer Flüchtlinge aus Kanaan. Dann aber zeigen die Skelette plötzlich Zeichen von Unterernährung. Die Lebenserwartung der Menschen lag nur noch bei etwas über 30 Jahren und unter den Toten waren 50% Kinder (25% wären üblich). In der erwachsenen Bevölkerung überwogen die Frauen mit 60%. Das alles passt zum Bericht der Bibel, die Israeliten seien zu harter Sklavenarbeit gezwungen und ihre männlichen Kinder getötet worden.

Man hat in Avaris auch Massengräber gefunden, die man mit den ägyptischen Plagen in Zusammenhang bringen könnte. Jedenfalls wurde Avaris danach verlassen. Etwas Ähnliches fand man weiter südlich in Kahun. Auch diese Stadt war von Semiten bewohnt, die im Laufe der Zeit zu Sklaven wurden. Dann aber wurde die Siedlung plötzlich aufgegeben.

Moses

Der Name Moses wird in Ex 2,10 als „aus dem Wasser gezogen“ gedeutet. Das ist jedoch jüdische Volksetymologie. Moses dürfte ein ägyptischer Name und Bestandteil eines längeren Namens gewesen sein. Das ägyptische -mosis bedeutet nämlich „geboren von“ und findet sich in vielen Namen wie Kamose, Ahmose, Thutmosis und auch im Namen Ramses, der sich von Ra-meses herleitet und „Sohn des (Sonnengottes) Ra“ bedeutet.

Nach dem jüdischen Historiker Artapanus von Alexandrien (2. Jh. v. Chr.), dessen Werk zwar verloren ist, von dem aber Bruchstücke bei Eusebius von Cäsarea zitiert werden, war es ein Pharao namens Palmanothes, der die Juden versklavte. Seine Tochter soll Moses, den sie in dem Korb auf dem Nil gefunden hatte, adoptiert haben. Sie selbst heiratete später den Pharao Khenephres, der Moses als Verwalter einsetzte und ihn beauftragte, einen Feldzug gegen Äthiopien zu führen. Dazu passt, dass Moses nach Num 12,1 in erster Ehe mit einer Kuschiterin verheiratet war, die nach Josephus eine äthiopische Prinzessin gewesen sein soll. Das würde in die Zeit zwischen der 13. und 17. Dynastie passen, die ungefähr von 1648–1550 v. Chr. dauerte. Manche meinen, dass mit Khenephres der Pharao Cha-nefer-Re gemeint ist, der auch Sobekhotep IV. hieß.

Weil Moses einen Ägypter erschlug, musste er nach Midian fliehen (vgl. Ex 2,15). Dort sprach Gott zu ihm aus dem brennenden Dornbusch und beauftragte ihn, sein Volk aus Ägypten zu führen.

Die zehn ägyptischen Plagen

Weil der Pharao das Volk, das ihm Sklavendienste leistete, nicht ziehen lassen wollte und dessen Fronarbeit sogar noch verschärfte, sandte Gott den Ägyptern zehn Plagen. Einige Wissenschaftler halten die Santorin-Katastrophe für die Ursache dieser Plagen. Santorin ist eine Inselgruppe südlich von Griechenland, die nach einem gigantischen Vulkanausbruch von einer viel größeren Insel übrigblieb. Es war der seit Menschengedenken größte Vulkanausbruch. Dieser soll sich nach neuesten Forschungen um 1613 v. Chr. ereignet haben. Einige Ägyptologen widersprechen dem allerdings entschieden, da sie Asche und Bimsstein von diesem Ausbruch in Schichten gefunden haben, die sie 100 – 150 Jahre später datieren.

Die erste Plage bestand darin, dass das Wasser des Nils rot wie Blut wurde und die Fische starben. Wenn ein Vulkanausbruch dafür verantwortlich war, wäre die Rotfärbung des Wassers auf rötliche, eisenhaltige Vulkanasche zurückzuführen. Sie brachte Schwefel- und Salpetersäuren ins Wasser, wodurch es giftig wurde. Bei einem Vulkanausbruch in Chile hat man tatsächlich beobachtet, wie die Asche über die Anden nach Argentinien getragen wurde und dort niederrieselte. Die Flüsse wurden dadurch rot und sauer! Eine andere Erklärung könnte eine Massenvermehrung von roten Algen oder Einzellern sein. Solche roten Algen kommen zwar meist nur im Salzwasser vor, bisweilen aber auch im Süßwasser. Anfang der 1990er Jahre gab es North Carolina eine solche Blüte roter Algen, der Millionen von Fischen zum Opfer fielen. Über Sporen könnte sich diese Algenblüte auch auf stehende Gewässer übertragen haben.

Dass die Frösche daraufhin das giftige Wasser verließen, ist nicht schwer zu erklären. Sie verendeten aber bald, weil sie auch durch das Gift geschwächt waren oder keinen passenden Lebensraum mehr hatten.

Die unzähligen Froschkadaver wurden zum Nährboden für Bakterien und Insekten, die die Menschen quälten und zu Krankheitsüberträgern wurden. Wenn es heißt, als dritte Plage seien Stechmücken gekommen, als Aaron mit seinem Stab auf den Sand schlug, so gibt es dafür eventuell folgende Erklärung: In trockenen Gegenden schützen sich gewisse Mücken gegen die Austrocknung, indem sie sich in den Sand zurückziehen. An der Vibration des Bodens erkennen sie dann das Nahen eines möglichen Opfers, dem sie Blut absaugen können. Schlägt man auf den Sand, kann es also wirklich zum Aufsteigen einer Wolke von Stechmücken kommen.

Die folgende Plage waren Stechfliegen oder Bremsen. Wenn es stimmt, dass deren Larven die Mückenlarven fressen, würde das das massenhafte Auftreten der Bremsen nach der Mückenplage erklären.

Die fünfte Plage betraf das Weidevieh, das in großer Zahl verendete. Wenn der Vulkanausbruch die Ursache war, hätte das daran gelegen, dass der saure und giftige Regen vom Gras absorbiert wurde. Es könnte sich aber auch um eine Viehseuche gehandelt haben, die durch die Mücken oder Bremsen übertragen wurde.

Die sechste Plage verursachte bei den Menschen Hautausschläge. Auch dies könnte an der Schwefelsäure im Regen gelegen haben. Andere nehmen eine Art von Pocken an.

Hagel, die siebte Plage, ist in Ägypten sehr selten, aber gerade der Vulkanausbruch könnte für Kapriolen des Wetters gesorgt haben.

Die achte Plage waren Heuschrecken. Diese wurden nach Ex 10,13 durch einen Ostwind ins Land gebracht. Diese Plage hat man bis in die Neuzeit immer wieder in vielen Gegenden beobachten können. Ein Schwarm kann bis zu 50 Milliarden Tiere enthalten und erreicht mit Rückenwind eine Geschwindigkeit von bis zu 100 km/h. Die Vernichtung der Heuschrecken kam durch einen heftigen Westwind, der sie ins Schilfmeer trieb.

Die nachfolgende dreitägige Finsternis wäre gut dadurch zu erklären, dass die letzte Explosion, die zum Kollaps der Insel Santorin führte, viel Asche in die Atmosphäre schleuderte. Andere denken an einen Sandsturm.

Dass die Plagen wenigstens teilweise natürlich erklärt werden können, könnte ein Grund für die Verhärtung des Pharaos gewesen sein. Er konnte sich immer wieder sagen, Ägypten wäre zufällig von diesen Katastrophen getroffen worden. Bei der letzten Plage, dem Tod aller Erstgeburt, gilt das aber nicht mehr. Diese setzt ein besonders Eingreifen Gottes voraus und führte dann ja auch dazu, dass der Pharao die Israeliten endlich ziehen ließ.

Ein außerbiblischer Beleg der ägyptischen Plagen?

Möglicherweise gibt es sogar einen Beleg für diese Plagen außerhalb der Bibel. Der Papyrus Leiden I 344 beschreibt aus ägyptischer Sicht eine Zeit des Chaos, des Zusammenbruchs der gesellschaftlichen Ordnung und einer Reihe von Naturkatastrophen. Es heißt hier: „Siehe, Ägypten ist gefallen durch ein Ausschütten von Wasser, und er, der das Wasser auf den Boden geschüttet hat, hat den starken Mann (den Pharao) ins Elend geführt.“ Moses wurde nach Ex 4,9 wirklich beauftragt, Nilwasser auf den trockenen Boden auszugießen, so dass es zu Blut werde. Im Papyrus heißt es dann auch: „Tatsächlich, der Fluss ist Blut, und doch trinken die Menschen. Wer davon trinkt, verliert seine Menschlichkeit und seinen Durst nach Wasser. … Was könne wir tun? Alles ist ruiniert. … Siehe, wer keinen Schatten hatte, steht jetzt im Dunkeln, und wer im Dunkeln ist, erlebt die ganze Kraft des Sturms. … Wahrlich, der Männer sind wenige geworden und überall sieht man jemanden, der seinen Bruder begräbt. … Wahrlich, das Lachen ist verschwunden und nicht mehr gehört. Stöhnen geht durch das Land, begleitet von Klagen.“

Die Israeliten erbaten sich bei ihrem Auszug gemäß dem Auftrag Gottes von den Ägyptern Gold, Silber und kostbare Gewänder (vgl. Ex 12,35-36). Diese „Plünderung der Ägypter“ sollte eine Wiedergutmachung für die geleisteten Frondienste sein. Auch davon berichtet der Papyrus Leiden: „Der Sklave nimmt, was er finden kann … was dem Palast gehörte, wird geraubt. Wahrlich, Gold und Lapislazuli, Silber und Türkis, Karneol und Amethyst hängen an den Hälsen der Sklavinnen. Die Armen des Landes wurden reich, die Besitzenden haben nichts mehr zu essen.“[1] Wir haben also allen Grund, den Bericht der Bibel für glaubwürdig zu halten.

 

Anmerkung

[1] Zitate nach dem Buch von Michael Hesemann: Die Bibel hat recht. Archäologen auf den Spuren des Alten Testaments, München: Langen Müller 2022, S. 111 ff.