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30 Jahre Bischofsweihen – Operation Überleben (Teil 1)

03. Oktober, 2018

Die Geschichte der Bischofsweihen von 1988

Vor 30 Jahren hat Erzbischof Lefebvre vier Bischöfe konsekriert. Wie sehr er um diesen schweren Schritt gerungen hat, der ihm ungerechterweise kirchenrechtliche Strafen brachte, zeigt dieser ausführliche, fünfteilige Beitrag von Pater Christian Thouvenot.

Als S.E. Marcel Lefebvre die Priesterbruderschaft St. Pius X. im Jahr 1969 gründete, war der Missionar und ehemalige Erzbischof von Dakar und Bischof von Tulle in Frankreich schon im Rentenalter. Während sechs Jahren hat er die Kongregation der Väter vom Heiligen Geist geleitet. Geboren am 29. November 1905 wurde Erzbischof Lefebvre, der die ganze Welt bereist hatte, jetzt eingeholt von den Krankheiten und Gebrechen des Alters und der Erschöpfung. Ein Folge des Lebens in Ganzhingabe für die Kirche. Zwangsläufig stellte er sich die Frage nach der Zukunft seines Werkes. 

Nach der suspensio a divinis (Verbot aller Weihehandlungen), die ihn im Jahr 1976 trifft, ist der „eiserne Bischof“ ganz allein. Ein einziger Bischof aus Brasilien, aus der Diözese Campos, Mgr. Antonio de Castro Mayer, bezieht öffentlich an seiner Seite Stellung. Im Jahr 1983 veröffentlichen sie gemeinsam ein bischöfliches Manifest, um die immer schwerwiegenderen Verirrungen anzuprangern, in welche die Irrtümer des II. Vatikans die Kirche unablässig treiben, insbesondere die Inkraftsetzung des neuen Kirchenrechtes am 25. Januar 1983. 

Trotzdem bewahrt Erzbischof Lefebvre die Hoffnung. Am 4. Juli 1984 schreibt er am Schluss seines „Offenen Briefes an die ratlosen Katholiken“ diese Zeilen: „Man schreibt auch, dass mein Werk nach mir verschwinden wird, weil es keinen Bischof geben wird, um mich zu ersetzen. Ich bin vom Gegenteil überzeugt, ich bin durchaus nicht beunruhigt. Ich kann morgen sterben, alles liegt in Gottes Hand. Ich weiß, dass sich auf der ganzen Welt genügend Bischöfe finden werden, die unsere Seminaristen weihen. Der eine oder andere Bischof würde, auch wenn er heute schweigt, vom Heiligen Geist den Mut erhalten, seinerseits aufzustehen. Wenn mein Werk von Gott ist, wird Er es zu bewahren wissen und dem Wohl der Kirche dienen lassen. Unser Herr hat es uns versprochen: Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen. 

Und deshalb beharre ich unabänderlich auf meinem Standpunkt, und wenn Sie den tiefsten Grund dieses Beharrens wissen wollen, will ich ihn Ihnen sagen: Wenn unser Herr mich in der Stunde meines Todes fragen wird: „Was hast du aus deinem Bischofsamt gemacht, was hat du mit deiner bischöflichen und priesterlichen Gnade gemacht?“ will ich nicht aus seinem Mund die furchtbaren Worte hören: „Du hast mit den anderen dazu beigetragen, die Kirche zu zerstören.“

 Dennoch wird er vier Jahre später vier Bischöfe weihen. Sie sollen ihm nachfolgen und das sichere Fortbestehen seines Werkes der Wiederherstellung des Priestertums und der Bewahrung der Tradition garantieren. Was ist geschehen?

Der Notstand 

Man muss sich den Tatsachen stellen: Die Kirchenkrise ist weit schlimmer als vermutet. Zwanzig Jahre nach Beendigung des Konzils bekunden die Verantwortlichen anlässlich der Synode von 1985 den Willen, das Konzil zu einer „immer lebendigeren Realität zu machen“. Der Warnruf, den Erzbischof Lefebvre und Mgr. de Castro Mayer an Johannes Paul II. am 31. August richten, verhallt wirkungslos. In ihrem offenen Brief prangern die beiden Würdenträger die vergifteten Früchte der Konzilserklärung über die Religionsfreiheit an: „die religiöse Indifferenz der Staaten, sogar der katholischen“; „der durch das Lehramt der Kirche, insbesondere durch die Enzyklika Mortalium animos von Pius XI. verurteilte Ökumenismus“; „alle Reformen der letzten 20 Jahre in der Kirche mit dem einen Ziel: den Häretikern, den Schismatikern, den falschen Religionen und den erklärten Feinden der Kirche wie den Zionisten, den Kommunisten und den Freimaurern zu gefallen“. 

Mit den feierlichsten Texte des Lehramtes der Kirche, wie dem athanasischen Glaubensbekenntnis, den Konzilien vom Lateran, Trient und Vatikanum I, dem Syllabus usw. in der Hand wagen der französische Erzbischof und der brasilianische Bischof, dem Nachfolger Petri zu schreiben: „Heiliger Vater! Ihre Verantwortung wiegt schwer und ist gefragt in dieser neuen und falschen Auffassung von der Kirche, welche den Klerus und die Gläubigen in die Häresie und das Schisma reißt. Wenn die Synode unter Ihrer Autorität in dieser Ausrichtung weiterfährt, sind Sie nicht mehr der Gute Hirte!“ Die Verfasser des Briefes versichern ihrerseits, dass sie nur „in der heiligen Tradition der Kirche ausharren können und alle notwendigen Entscheidungen fällen werden, damit der Kirche ein glaubenstreuer Klerus erhalten bleibt …“

Ein Zeichen der Vorsehung: Der Skandal von Assisi 

Im darauffolgenden Jahr kommt es zum ersten interreligiösen Treffen in Assisi, das von Papst Johannes Paul II. selbst am 27. Oktober 1986 anlässlich des UNO-Jahres des Friedens einberufen wird. Erzbischof Lefebvre entlarvt es als einen Betrug. 

Zwei Monate vor diesem Ereignis schreibt er an acht Kardinäle, um einen verzweifelten Aufruf zu starten. Er teilt ihnen seine Empörung mit, denn „es sind der erste Artikel des Glaubensbekenntnisses und das erste Gebot Gottes, die öffentlich verhöhnt werden von demjenigen, der auf dem Stuhl Petri sitzt“. In der Tat gilt: „Wenn der Glaube in der Kirche, der einzigen Arche des Heils, verschwindet, ist es die Kirche selbst, die verschwindet“. Erzbischof Lefebvre steht mit aller Kraft auf gegen diese öffentlichen Sünden, die den katholischen Glauben zerstören, indem sie falsche Kulte und falsche Religionen auf die gleiche Stufe stellen mit der einzigen, von Jesus Christus gestifteten Kirche. Und das alles in der durch den hl. Franziskus geheiligten Stadt Assisi.

Dieser Skandal reiht sich ein in eine Vielzahl von Initiativen, die Papst Johannes Paul II. ergriffen hat, allen voran der Besuch in der Synagoge von Rom am 13. April. Aus Buenos Aires, wo sich Erzbischof Lefebvre und Mons. de Castro Mayer gemeinsam aufhalten, veröffentlichen sie am 2. Dezember 1986 eine Erklärung, in der sie „diese modernistische und liberale Religion des jetzigen nachkonziliaren Roms“ geißeln, „die mit dem vorhergehenden Lehramt der katholischen Kirche bricht“.

Ein weiteres Zeichen der Vorsehung: Die falsche Religionsfreiheit wird gerechtfertigt

Am 9. März 1987 bestätigt der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, den Empfang der Studie über die Religionsfreiheit, die ihm Erzbischof Lefebvre im Oktober 1985 hat zukommen lassen. Es folgt ein Briefwechsel, der den Bruch zwischen dem neuen Lehramt und dem aller Zeiten bestätigt. 

Am 29. Juni 1987, anlässlich der Priesterweihen in Ecône, kündigt der Erzbischof an, dass „es wahrscheinlich ist, dass ich mir Nachfolger geben werde, um dieses Werk fortsetzen zu können, denn Rom ist in der Finsternis. Rom kann augenblicklich die Stimme der Wahrheit nicht mehr vernehmen.“ Ohne Zweifel erkennt er die Notwendigkeit, die Seminaristen nicht als Waisen zurückzulassen, jetzt, da das Werk eine weltweite Verbreitung gefunden hat. Aber vor allem muss er ein Versagen der Bischöfe des Erdenrundes feststellen, welche alle für das modernistische Gedankengut gewonnen sind, den Geist von Assisi und die falschen Lehren. Er erklärt, dass das vergangene Jahr ein sehr schwerwiegendes für die katholische Kirche gewesen sei, und dass er darin die Zeichen der Vorsehung erblicke, auf die er gewartet habe, um „die Handlungen zu vollziehen, die mir notwendig scheinen, um den Fortbestand der katholischen Kirche zu gewährleisten“.

Er ist in der Tat überzeugt, dass zwei Zeichen klar den Willen Gottes offenbaren: Assisi und die Antwort auf die Kritik an der Religionsfreiheit. Für Erzbischof Lefebvre „ist diese Antwort aus Rom auf die Kritik, die wir bezüglich der Irrtümer des II. Vatikanums die Religionsfreiheit betreffend vorgebracht haben, noch schwerwiegender als Assisi! Assisi ist ein historisches Faktum, eine einzelne Handlung. Die Antwort auf unsere Einwände gegen die Religionsfreiheit ist eine Standortbestimmung, ein Befürworten der Prinzipien, und deshalb gravierender. Es ist eine Sache, eine schwerwiegende und ärgerniserregende Handlung zu setzten, eine andere, falsche Prinzipien zu vertreten, die in der Praxis zu desaströsen Konsequenzen führen.“

Am 8. Juli 1987 lässt der Erzbischof Kardinal Ratzinger eine Abhandlung zukommen, welche die Antwort zurückweist, welche ihm die Autoritäten gegeben haben. Erzbischof Lefebvre bringt seine Ratlosigkeit zum Ausdruck angesichts dieser hartnäckigen Rechtfertigung der Erklärung Dignitatis Humanae, steht diese doch in offenem Widerspruch mit den feierlichsten Erklärungen des Lehramtes – dem Syllabus, Quanta Cura und Libertas praestantissimum. Er hebt die Verantwortung „vor Gott und vor der Kirchengeschichte“ hervor bezüglich des Bruches, den das neue Lehramt vollzieht. Er schließt seinen Brief mit einer Bestätigung jener Ankündigung vom 29. Juni in Ecône: „Ein hartnäckiger Wille, die Tradition zu vernichten, ist ein selbstmörderischer Wille. Solches rechtfertigt in sich selbst die wahren und treuen Katholiken alle notwendigen Initiativen zu ergreifen für das Überleben der Kirche und das Heil der Seelen“. 

So wurde der Erzbischof in wenigen Jahren dazu gebracht, seine ursprüngliche Position zu überdenken. Weil jede Reaktion auf die Skandale und den immer größer werdenden Glaubensabfall ausblieb, wurde es Tag für Tag wahrscheinlicher, dass bei seinem Tod das Werk der Formung und Erneuerung des katholischen Priestertums, das er begonnen hatte, vernichtet werden würde. Zahlreich waren die Zeichen der Vorsehung, die ihm halfen, eine weise Entscheidung zu fällen. Die beiden wichtigsten waren – es sei noch einmal gesagt – der Skandal von Assisi 1986 und die Bestätigung der neuen Lehre über die Religionsfreiheit im Jahr 1987. 

Im Alter von fast 82 Jahren verkündete Erzbischof Lefebvre also der Welt, dass er sich Nachfolger geben werde, um die Seminaristen nicht als Waisen zurückzulassen und um den Fortbestand des katholischen Priestertums zu gewährleisten. Mgr. de Castro Mayer seinerseits – er ist bereits älter als 83 Jahre (geb. am 20. Juni 1904) –, zögert nicht, sich ihm in dieser so wichtigen Tat anzuschließen, die der Erzbischof zu vollziehen gedenkt. Doch es kommt zum Umschwung, als der Heilige Stuhl beschließt, einzugreifen.

Im nächsten Teil lesen Sie: Die Vorschläge Roms nach der Ankündigung der Bischofsweihen