Ein Wegweiser zur Krippe

Liebe Freunde und Wohltäter!

die erste Zeit des Kirchenjahres atmet freudige Erwartung und stille Geborgenheit: ein wenig so wie sie eine Mutter mit ihrem Kind empfindet, das sie unter ihrem Herzen trägt. Es ist die erste Bußzeit im Kirchenjahr mit seinen schönen Rorateämtern beim Kerzenschein. 

Der Advent führt uns Maria in guter Hoffnung und den Sohn Gottes in ihrem Schoß vor Augen. Ihre vertraute Herzenseinheit kündigt uns die Versöhnung an, die Gott uns huldvoll schenken will. Können sie uns nicht lehren, wie wir den Advent würdig begehen, um an Weihnachten innerlich beschenkt zu werden?

Überlegen wir einmal, welches das schönste Weihnachtsfest in unserem Leben war. Gehen da Ihre Gedanken nicht auch in Ihre Kindheit zurück? Glücklich, wer sich an ein Weihnachten in kindlicher Seligkeit erinnern kann. Aber bietet sich uns nicht auch jetzt in der Krippe das gleiche Glück dar?!

Warum erfahren so viele Menschen Weihnachten als eine Enttäuschung?

Es wird uns heute nicht leicht gemacht, uns auf das Fest vorzubereiten. Wir brauchen einen Wegweiser. Entscheidend ist, mit welcher Erwartung und mit welcher Sehnsucht wir durch den Advent gehen. Wer diese Zeit nur mit flüchtigen, oberflächlichen Freuden verbindet, der wird im Innersten unerfüllt bleiben.  Wie soll der Weihnachtsabend vier Wochen Lebkuchen, Glühwein und gutes Essen noch toppen? Die abstoßende Kommerzialisierung der Vorweihnachtszeit kann der Seele keinen bleibenden Trost, keine dauerhafte Lebensfreude schenken. Wir finden sie nur in der menschgewordenen Liebe, die sich uns in Jesus offenbart. – Ist es darum nicht die wichtigste Frage für den Advent, was wir von der kommenden Begegnung mit dem Sohn Gottes erwarten?

Erhoffen wir uns wirklich, was Gott uns schenken will?

Für Theresia von Lisieux (1873-1896) war es ein entscheidender Moment in ihrer spirituellen Entwicklung, als sie sich genau diese Frage stellte. Sie forschte in der Heiligen Schrift nach einer Antwort und stieß auf jene Worte, die aus dem Mund der Ewigen Weisheit hervorgegangen sind: „Ist jemand ganz klein, so komme er zu mir!“ (Spr 9,4). Man muss also nicht erst im geistlichen Leben groß geworden sein, um zu Gott kommen zu können. Dieser Ruf ergeht an uns, wenn wir unsere Unvollkommenheit nicht leugnen, nicht verdrängen, sondern sie offen zugeben und es annehmen, vor Gott klein zu sein.

Die hl. Theresia beschreibt, wie diese geistliche Erfahrung ihren Lauf nahm: „Da ich wissen wollte, was Du, mein Gott, dem ganz Kleinen tust, der auf Deinen Ruf antwortet, setzte ich mein Suchen fort. Und ich habe gefunden: `Wie eine Mutter ihr Kind liebkost, so will Ich euch trösten. An meiner Brust will Ich euch tragen und auf meinen Knien euch wiegen.´ (Is 66,13) – Oh, niemals haben zärtlichere, wohlklingendere Worte meine Seele erfreut. Der Aufzug, der mich in den Himmel emportragen soll, das sind Deine Arme, o Jesus!“

Erwarten wir tatsächlich von Weihnachten, dass Gott uns mit Liebe beschenkt, wie eine Mutter? Dass wir den starken Arm Gottes erfahren dürfen, der uns zu sich emporhebt? Der Weg dahin ist derselbe, auf dem Er zu uns kommen wollte. Der unendliche Gott ist als kleines Kind erschienen, aus Liebe zu uns. – Müssen wir da nicht auch ganz klein werden aus Liebe zu Ihm?

Von Herzen klein sein vor dem Herrn

Als die Jünger Jesu miteinander stritten, wer unter ihnen wohl der Größte sei, rief Jesus ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sprach: „Wenn ihr euch nicht bekehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen. Wer sich für gering achtet wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ (Mk 9,33; Mt 18,2) – Es geht also nicht darum, wieder kindhaft zu werden, sondern demütig. „Sich selbst gering achten“ heißt, frei zu werden vom Kreisen um sich selbst. „Wie ein Kind zu werden“ bedeutet, sich seiner vollkommenen Abhängigkeit von Gott bewusst zu sein und sie froh zu bejahen. Beides ist eine Frucht der Liebe.

Was sind wir vor Gott? Theresia sagt uns – ein Nichts, aber ein unaussprechlich geliebtes Nichts mit einer wunderbaren Berufung: „Meine Berufung ist die Liebe... Ich habe erkannt, dass die Liebe nicht in der Tiefe des Herzens verschlossen bleiben darf.“ Ist das nicht eine tiefe Sehnsucht, die Gott in unser aller Herz hineingelegt hat?

Unsere Berufung ist die Liebe!

Das Kind, das die erste Liebe seiner Eltern empfängt, beginnt schon sehr bald, sie zu beantworten: Das erste Lächeln eines Babys ist für seine Eltern eine Sternstunde, die ihnen weit mehr wert ist, als alles Gold der Welt. Dieser Tag kündigt aber eine noch größere Freude an: Das Kind wird eines Tages in der Lage sein, aus freiem Willen sein eigenes Ja der Liebe zu seinen Eltern zu sprechen, ganz bewusst.

Die Entfaltung dieser Fähigkeit, die durch die Liebe Gottes und unserer Eltern in uns geweckt worden ist, ist eine Lebensaufgabe. Wagen wir es, das Bild von den Eltern anzuwenden: Das Erwachen eines Menschen zu einem ersten Akt echter Gottes- und Nächstenliebe ist eine Sternstunde für den lieben Gott, die Ihm weit mehr wert ist als die ganze Welt! Dieser Tag kündigt ihm eine noch größere Freude an: Dieser Mensch wird in der Lage sein, aus freiem Willen für alle Ewigkeit sein eigenes ewiges Ja der Liebe zu Ihm zu sprechen, ganz bewusst.

Ist es nicht wunderbar, dass Gott eine solche Freude an uns haben möchte?! Die selbstlose Liebe ist unser Wegweiser durch den Advent zu einem Weihnachten, das uns innerlich beschenkt und erfüllt.  Der beiliegende Adventskalender bietet Ihnen dazu täglich einen hilfreichen Impuls. Bereiten wir uns gemeinsam auf diese Weise auf Weihnachten vor.

Lassen wir es uns nicht nehmen, den Advent wirklich erwartungsvoll zu leben: in Erwartung dessen, was Gott uns schenken will. Das wünsche ich Ihnen von Herzen und verbleibe mit meinem priesterlichen Segen für den Advent,

Ihr Pater Firmin Udressy

Stuttgart, November 2018

 

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