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Rezension: „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“

29. Januar, 2016

„Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“

Das Interview-Buch von Papst Franziskus

von Pater Matthias Gaudron

Zum Jahr der Barmherzigkeit ist nun auch ein kleines Buch von Papst Franziskus erschienen, das auf einem Gespräch mit dem Vatikanjournalisten Andrea Tornielli beruht. Die Barmherzigkeit, sagt der Papst hier, sei für ihn „die wichtigste Botschaft Jesu“ (S. 25). „Der Herr wird nie müde, uns zu verzeihen: nie! Wir sind es, denen es mit der Zeit beschwerlich wird, ihn um Vergebung zu bitten“ (S. 11).

Dabei geht es dem Papst nicht um eine Verharmlosung der Sünde. Die Erkenntnis der eigenen Sündhaftigkeit ist sogar die Voraussetzung dafür, die Barmherzigkeit Gottes empfangen zu können. „Die Sünde ist mehr als ein Fleck. Die Sünde ist eine Wunde. Sie muss versorgt und verarztet werden“ (S. 48). Auf die Frage, warum wir Sünder seien, antwortet er: „Weil da die Erbsünde ist. … Unsere Menschlichkeit ist verwundet“ (S. 64). „Wenn jemand die Barmherzigkeit Gottes erfährt, schämt er sich seiner selbst, der eigenen Sünde. … Die Scham ist eine der Gnaden, die der heilige Ignatius im Bekenntnis der Sünden vor dem gekreuzigten Christus erbitten lässt“ (S. 30 f). „Die Scham ist … etwas Gutes, Positives, weil sie uns demütig werden lässt“ (S. 49). Zum Evangelium von der Ehebrecherin (Joh 8) sagt er: „Er (Jesus) sagt nicht: ‚Ehebruch ist keine Sünde‘, aber er verurteilt sie nicht nach dem Gesetz“ (S. 15 f).

Großen Wert legt der Papst auf das Sakrament der Buße. Das zweite Kapitel ist mit „Das Geschenk der Beichte“ überschrieben. Die Bischöfe und Priester „werden … zu Werkzeugen der Barmherzigkeit Gottes. Sie handeln in persona Christi, also stellvertretend für Christus“ (S. 43). Die Beichtväter mahnt er, den Beichtenden die Beichte nicht durch neugierige, überflüssige Fragen beschwerlich zu machen (S. 49) und beim Beichthören auch an ihre eigenen Sünden zu denken (S. 50).

Das alles sind zweifellos schöne und wichtige Gedanken, denen man nur von ganzem Herzen zustimmen kann. Allerdings drängen sich bei der Lektüre auch einige kritische Fragen auf.

Kritische Anfragen

So gibt der Papst durchaus zu, dass es Fälle gibt, in denen der Beichtvater dem Pönitenten die Lossprechung verweigern muss, weil er z. B. in einem sündhaften Verhältnis lebt und dieses nicht beenden will. Papst Franziskus meint zwar, man solle durchaus „jeden möglichen Türspalt“ (Kapitel 3) für die Erteilung der Absolution suchen, aber manchmal ist die Verweigerung der Lossprechung eben doch Pflicht. Zu diesem Fall sagt er: „Wenn dann ein Beichtvater tatsächlich keine Absolution erteilen kann, dann möge er den Menschen erklären, warum, und ihnen zumindest seinen Segen erteilen, auch wenn die sakramentale Absolution nicht möglich ist“ (S. 38). Das ist richtig. Den Segen kann der Priester auch einem Menschen in der schweren Sünde erteilen, denn er bedeutet keine Gutheißung der Sünde, sondern kann dem Menschen helfende Gnaden schenken, die ihn zur Umkehr führen können. Aber machte im April 2014 nicht die Aussage einer Frau, Jakelin Lisboa, die Runde, die einen geschiedenen Mann zivil geheiratet hatte und deshalb von ihrem Pfarrer nicht die Kommunion erhielt, Papst Franziskus habe sie angerufen und ihr den Rat gegeben, „ohne Probleme“ zur Kommunion zu gehen? Ganz unglaubwürdig ist diese Aussage nicht, obwohl der Vatikan – in der Person seines Sprechers, des sehr betroffenen P. Federico Lombardi, – weder wagte die Worte von Franziskus zu bestätigen noch zu dementieren und sich damit begnügte zu erklären, man solle ein privates Telefongespräch des Papstes nicht in Bezug auf die Lehre der Kirche ausschlachten. Liegt hier nicht ein Widerspruch, wenn der Papst zwar in der Theorie die richtige Lehre verkündet, in der Praxis dann aber eine falsche Barmherzigkeit ausübt, die die Sünde nicht ernstnimmt?

Erstaunt liest man auch, wie der Papst den modernen Relativismus beurteilt: „Auch der Relativismus verwundet die Menschen: Alles scheint gleich, alles scheint dasselbe zu sein“ (S. 36). Aber praktiziert Papst Franziskus nicht selber diesen Relativismus? Erweckt sein vor kurzem herausgegebenes Video nicht den Eindruck, als seine Christentum, Judentum, Islam und Buddhismus letztlich nur verschiedene Wege zum selben Ziel? Redete er bei seinem Besuch in der lutherischen Kirche Roms im vergangenen November nicht so, als ob die Unterschiede zwischen katholischem und protestantischem Glauben letztlich unbedeutend seien?

Unklarheiten

Tornielli spricht den Papst ausdrücklich auf seine Aussage in Bezug auf die Homosexuellen an: „Wer bin ich, dass ich mir ein Urteil anmaße?“ Die Erklärung des Papstes dazu ist nicht wirklich klar. Er meint, er habe damit nur sagen wollen, dass man solche Menschen mit Zartgefühl behandeln müsse und nicht an den Rand drängen dürfe. Wörtlich heißt es: „Mir wäre es lieber, dass homosexuelle Menschen auch zur Beichte kommen, dass sie dem Herrn nahe bleiben, dass man miteinander beten kann. Dann kann man ihnen zum Gebet raten, zum guten Willen. Man kann ihnen den Weg weisen und sie begleiten“ (S. 84). Nun wäre die katholische Antwort an sich nicht schwer zu geben. Ein Homosexueller, der gegen seine Neigung kämpft und nicht in einer „Homoehe“ oder ähnlichen Verbindung lebt, kann natürlich zur Beichte kommen und losgesprochen werden, wenn er doch hin und wieder in die Sünde fällt. Will er seine homosexuelle Neigung aber nicht aufgeben, sondern weiter praktizieren, kann man ihm nur raten, trotzdem zu beten und zur Messe zu gehen, um den Kontakt mit Gott nicht völlig zu verlieren. Man kann die Aussagen des Papstes in diesem Sinn verstehen, aber man hat den Eindruck, dass er sich scheut, die Homosexualität deutlich als Sünde zu bezeichnen.

In der Einführung zitiert Tornielli eine Predigt des Papstes, die dieser am 7. April 2014 über das Evangelium von der Ehebrecherin gehalten hat. Hier sagte der Papst, die Barmherzigkeit sei „schwer zu verstehen: Sie löscht die Sünden nicht aus“, denn die Sünden könnten nur durch „die Vergebung Gottes“ ausgelöscht werden. Die Barmherzigkeit gehe weiter als die Vergebung (vgl. S. 16). Es wird nicht klar, was Franziskus damit sagen will. Dass die Barmherzigkeit uns vor der gerechten Strafe Gottes verschont? Vielleicht.

Was braucht unsere Zeit?

Papst Franziskus kämpft gegen eine Haltung der Selbstgerechtigkeit, die die eigenen Sünden hinter einer frommen Fassade verbirgt und mit Verachtung auf diejenigen blickt, deren Sünden bekannt sind. Dies scheint ihm ein Herzensanliegen zu sein (vgl. z. B. S. 66, 91 f). Gewiss hat es solche pharisäischen Christen immer gegeben und gibt es sie auch heute noch. Man kann sich jedoch fragen, ob dies wirklich ein zentrales Problem unserer Zeit ist. Ist es nicht eher so, dass selbst viele Christen heute das Bewusstsein der Sünde überhaupt verloren haben? Werden heute nicht Christen als Heuchler und Pharisäer beschimpft, nur weil sie daran festhalten, dass die Sünde eben Sünde ist, auch wenn es ihnen gar nicht darum geht, die Sünder zu verurteilen und zu verachten?

Franziskus erwähnt selbst Papst Pius XII., der gesagt habe, das Drama unserer Zeit liege daran, dass wir das Gefühl für die Sünde verloren hätten. Er geht darauf aber nicht weiter ein, sondern nennt als weiteres Problem den mangelnden Glauben daran, dass es Erlösung und Heilung von den Sünden gibt. Das ist sicher richtig, aber das grundlegendere Problem besteht eben doch darin, dass man nicht mehr von der Sünde sprechen will. In Argentinien mögen die Verhältnisse anders liegen, aber in Europa will jedenfalls ein Großteil der Sünder nicht die Barmherzigkeit, sondern dass die Kirche aufhört, von Sünde zu sprechen. Die Homosexuellen, die in wilder Ehe Lebenden, die dem Gottesdienst Fernbleibenden usw. wollen nicht die Botschaft von der Barmherzigkeit hören, sondern dass die Kirche ihren Zustand gutheißt und segnet.

Wenn der Papst also wünscht, dass wir „aus den Kirchen und Pfarrhäusern“ hinausgehen, um „die Menschen dort zu suchen, wo sie leben, wo sie leiden, wo sie hoffen“, um ihre Wunden zu versorgen und sie die „mütterliche Barmherzigkeit“ der Kirche entdecken zu lassen (S. 74), dann hängt dieser Wunsch gewissermaßen in der Luft. Ohne den Glauben ist der Mensch für die Barmherzigkeit Gottes unempfänglich. Der Papst müsste also zuerst dazu aufrufen, den Menschen wieder den Glauben zu verkünden, denn selbst die meisten unserer Katholiken wissen fast nichts mehr von den großen Wahrheiten ihres Glaubens, von der Dreifaltigkeit Gottes, der Menschwerdung, dem Opfer Christi für uns und den Sakramenten. Erst vor dem Hintergrund des Glaubens wird der Mensch sich seiner Sünden bewusst und erkennt sich als der Barmherzigkeit Gottes bedürftig. Solange diese Verkündigung des Glaubens nicht geschieht, werden Initiativen wie das „Jahr der Barmherzigkeit“ letztlich leider wirkungslos bleiben.

Papst Franziskus: Der Name Gottes ist Barmherzigkeit. Ein Gespräch mit Andrea Tornielli, München: Kösel 2016.