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Kann man trotz Kants Kritik die Existenz Gottes beweisen?

21. September, 2017

Von Pater Cadiet

« Ich werde diese Argumente nicht diskutieren. Die bloße Tatsache, dass alle Idealisten seit Kant für legitim gehalten haben, sie unbeachtet zu lassen, zeigt, dass sie nicht stichhaltig genug sind, um ausreichenden Gründen der Religion zu leisten. Die Kausalität ist nämlich ein zu dunkles Prinzip um das Gewicht der ganzen Struktur der Theologie zu tragen. » [1]

 

 

So spricht William James über die fünf Wege des hl. Thomas von Aquin zum Beweis des Daseins Gottes. So eine Gewissheit lässt übrig zu wünschen. Die Frage ist, ob Kants Kritik so wirksam gewesen ist, dass sie diese Argumente entkräftet hat, um eine wissenschaftliche Gewissheit der Existenz Gottes zu erreichen. Da Kant nicht direkt die Scholastik erkannt hat, sondern nur durch die Philosophie von Christian Wolf, ist das nicht so selbstverständlich.

Um diese Frage zu untersuchen müssen wir zuerst erinnern, wie man dem hl. Thomas folgend von der sinnlichen Wahrnehmung, zu einer solchen Erkenntnis kommen kann. Dann mögen wir die Einwände von Immanuel Kant anführen und – hoffentlich – widerlegen.

1. Von den äusseren Sinnen zur Erkenntnis Gottes nach dem hl. Thomas

A. Die Erkenntnis

Mit Immanuel Kant zweifeln wir nicht daran, dass alle unsere Erkenntnisse mit der sinnlichen Erfahrung anfangen[1]. Aber was wollen wir mit dem Begriff von Erkenntnis sagen?

Es geht zuerst um einen Kontakt mit einem äußeren Wesen. Aber es gibt mehreren Weisen, es zu verwirklichen. Zum Beispiel, kann ich einen Gegenstand als Eigentum besitzen. Mein Bezug auf dieses Buch ist nur moralisch. Ich bin gar nicht innerlich von dieser Eigenschaft, etwas zu besitzen, verändert, und das Buch auch nicht. Der Bezug zwischen mir und diesem Buch besteht nur darin, dass alle Mitmenschen es annehmen, dass ich von diesem Buch alles was ich will tun darf. Die Wirklichkeit des Eigentums besteht nur in einer solchen gedanklichen Zuweisung.

Ich kann auch einen Apfel essen. Dann wird der Kontakt physisch sein. Die Materie des Apfels wird durch Verdauen Teil meiner Substanz werden. Obwohl mein Leib etwas zunimmt, bleibe ich ich selbst. Der Apfel aber existiert nicht mehr.

Bei der Erfahrung der Erkenntnis kommt etwas Neues vor. So wie im Fall des Eigentums, bleibt der Gegenstand der Erkenntnis er selbst, ohne verändert zu werden. Der Erkennende bleibt auch er selbst, aber erwirbt sich etwas: eine gewisse Gegenwart des Gegenstands in seinem Geist. Der Gegenstand wird ihm gegeben, ohne dass seine Wirklichkeit verletzt sei.   

Die Wirklichkeit des Erkennenden wird auch nicht verändert: wenn ich die rote Farbe des Apfels schaue, werde ich selbst nicht rot. Eine Wand, die rot gestrichen wird, erwirbt sich die Eigenschaft, rot zu sein, als ihre Eigenschaft. Der Erkennende, der diese rote Wand schaut, erwirbt sich die rote Farbe der Wand, als Eigenschaft der Wand. Trotzdem kann er sie in sich behalten, da er sie sich durch die Tätigkeit der Phantasie vorstellen kann, auch wenn er weit entfernt von der Wand steht.

Was wir Erkenntnis nennen ist diese Anwesenheit einer Sache als andere im Erkennenden. Also ist der Seinsmodus des erkannten Gegenstands gar nicht derselbe bei der Erkenntnis wie in der Wirklichkeit. Aber trotzdem ist die Erkenntnis des Gegenstands eine neue Anwesenheit des Gegenstandes im Erkennenden. Diese Anwesenheit des Gegenstands wird von den Scholastikern intentional genannt.

Es ist außerdem bemerkenswert, dass wir eine solche Erfahrung so beschreiben: „Ich sehe eine Wolke“, „ich höre das Donnerwetter“, und nicht: „ich betrachte ein inneres Bild einer Wolke“. Der Gegenstand meiner Erkenntnis ist weder ein Bild noch ein Begriff, sondern die wirkliche Sache, die ich gesehen oder getroffen habe. Hier liegt die große Unterscheidung zwischen dem Realismus und dem Idealismus.

Festzustellen ist auch, dass der Vorgang der Erkenntnis beginnt, indem ich auf die Sache gestoßen bin, und weil sie etwas in mir verursacht hat, so dass ich seine Einwirkung ‘erleiden’ musste, um ihre Erkenntnis zu bekommen.

B. Was wird von den Sinnen erkannt?

Unsere erste Erfahrung der Erkenntnis ist natürlich die Erkenntnis durch die äußeren Sinne. Nach Aristoteles hat man die Einteilung in fünf Sinne behalten. Sie lassen uns körperliche Eigenschaften der Welt erkennen, d.h. Farbe, Töne, Geruch, Geschmack, und was den Tastsinn betrifft (heiß und kalt, scharf und glatt, nass und trocken, usw.): das sind die eigentlichen Gegenstände der Sinne: sensibilia propria.

Wir bemerken dazu, dass wir noch etwas wahrnehmen, das kein eigentlicher Gegenstand dieser Sinne ist. Die Scholastik hat von fünf sensibilia communia gesprochen: Gestalt, Ruhe, Bewegung, Zahl, Größe. Diese Eigenschaften nehmen wir wahr, indem wir die eigentlichen Gegenstände der Sinne betrachten und diese dabei durch verschiedene Sinne wahrnehmen können (deswegen der Name sensibile commune): die Bewegung und die Ruhe nehmen wir durch eine Reihe von Farben, oder durch Veränderung des Tons wahr; die Gestalt durch die Homogenität der Farbe in einer Region unseres Blickfelds.

Dazu haben wir eine Erkenntnis von anderen Eigenschaften, die nicht in sich sinnlich sind, die intentiones insensatae genannt wurden, die nur per accidens sinnlich erkennbar werden:

  • Das klassische Beispiel ist die Reaktion des Lamms, das vor dem Wolf flieht; das ist offensichtlich nicht wegen der Farbe des Wolfs. Es hat gefühlt, dass dieses Wesen ihm gefährlich ist.
  • Wir behalten auch die Erinnerung der Zeit, d.h. der Ordnung einer Reihe von Ereignissen. Die Zeit ist aber nicht in sich Gegenstand der äußeren Sinne.
  • Zudem erkennen die Menschen ein Wesen als Vertreter einer Spezies („Medor ist ein Hund“). Dieses Wesen ist eine Substanz (primum subjectum essendi), und hat eine Essenz; diese Angaben sind nicht Gegenstände der äußeren Sinne.

Da die äußeren Sinne zu bestimmten Gegenständen determiniert sind, und da die Vermögen durch ihre Gegenstände definiert werden, muss man andere Vermögen der sinnlichen Erkenntnis bestätigen:

  • Sinnliche Erkenntnis der gemeinen sinnlichen Angaben:
  •  
    • Anwesender Gegenstände: sensus commune (Gemeinsinn).
    • Abwesender Gegenstände: imaginatio (Bildvorstellung, Phantasie).
  • Sinnliche Erkenntnis von intentiones insensatae:
  • Anwesender Gegenstände: vis aestimativa (Schätzungsvermögen ; bei dem Menschen: vis cogitativa).
  • Abwesender Gegenstände: memoria (innliches Gedächtnis, Erinnerung).

Die These des Thomismus gegen Kant ist,  dass diese Angaben den wirklichen Gegenständen gehören, und keine bloße Auslegung des Erkennenden durch a priori Kategorien sind.

Die letzte Sache – vielleicht besser gesagt, die erste – die durch die sinnliche Erkenntnis erkannt wird, ist offensichtlich die Existenz des Gegenstands. Die sinnliche Erkenntnis ist unser einziger unmittelbarer Kontakt mit der konkreten äußeren Wirklichkeit. Die Eigenschaften, die durch die äußeren und inneren Sinne erkannt werden, sind Seinsmodi der Sache, also wird die Sache selbst durch sie erkannt. Sie sind keine verdeckenden Barrieren, die die Erkenntnis der Sache verhindern, wenn man auch durch sie keine umfassende Erkenntnis des wirklichen Gegenstandes empfängt.

C. Die Erkenntnis des Universellen: die Abstraktion

Die tägliche Erfahrung zeigt dazu, dass wir unsere Erkenntnisse durch die Sprache mitteilen. Nun, obwohl wir nur eine Erkenntnis der Individuen durch die sinnliche Erfahrung empfangen, sprechen wir mittels universellen Begriffen. Das heißt, dass wir eine gewisse Erkenntnis haben, die mehreren Gegenständen entspricht: der universelle Begriff ist bestimmt der Begriff, der mehreren Subjekten zugeschrieben werden kann [2].

Insofern als wir uns eine solche universelle Erkenntnis der Welt erwerben können, ist die Wissenschaft möglich. Die Wissenschaft beschreibt universelle und notwendige Verhältnisse der Sachen zueinander. Wenn es uns unmöglich wäre, universelle Begriffe zu fassen, oder wenn sie immer dem Irrtum unterworfen wären, wären die Wissenschaften umsonst. Aber weder Thomas, noch Kant lehnen den Wert der Wissenschaften ab.

Der Dissens zwischen beiden liegt in der Quelle dieser universellen Begriffe. Der hl. Thomas bekräftigt, nach Aristoteles, dass diese Begriffe durch Abstraktion gebildet werden; für Kant, sind sie apriorische, d.h. dem Verstand eingestiftete Kategorien, bloße Regulative des Denkens, wodurch der Verstand eine Verständlichkeit herstellt.

Hier kann eine kleine Erklärung eingeführt werden, weil der Begriff von Kategorie von Thomas und Kant nicht gleicherweise benutzt wird. Bei Thomas, der Aristoteles folgt, sind die Kategorien die Sorten, die höchsten Gattungen der Wesen. Die Liste der Kategorien ist eine Klassifizierung der Wesen: Substanz, Qualität, Quantität, Bezug, usw. Jede existierende Sache gehört zu einer solchen Gattung, die ihr Verhältnis zur Substanz bezeichnet; z.B. die Quantität ist das, wodurch eine Substanz abteilbar erscheint, d.h. sie besteht aus Teilen, die einander extrinsisch sind: partes extra partes. Alle Prädikate, wie die Größe oder die Zahl, die dieser Teilbarkeit betreffen, werden in der Kategorie Quantität sortiert. Die Liste der zehn Kategorien (Prädikamenten) wird von Aristoteles aus Induktion und Analyse aufgestellt.

Bei Kant sind die Kategorien nicht die Gattungen des Seins, sondern die schon im Geist existierenden Formen, die die universellen Urteile des Verstands anlässlich der sinnlichen Erfahrung bestimmen: Einheit, Vielfalt, Kausalität, Substanz, Möglichkeit… Diese Kategorien bestimmen die Eigenschaft des Urteils: allgemein oder besonders, affirmativ oder negativ, oder unbestimmt, kategorisch, hypothetisch, usw. 

Der Kern der Lehre Aristoteles über die menschliche Erkenntnis ist die Lehre der Abstraktion. Abstrahieren bedeutet, einen Aspekt einer Sache abgesehen von anderen, zu betrachten. Man kann von der Existenz, oder von der Materie, oder von der Individualität, oder noch von anderen Eigenschaften abstrahieren. Man kann sich die Farbe des Taj Mahals vorstellen, ohne an seine Gestalt zu denken. Es ist dazu möglich, von der Menschheit zu sprechen, ohne an einen bestimmten Menschen zu denken. Man kann auch an die Gerechtigkeit denken, ohne an einen Kuchen zu denken, den man in gleiche Stücke teilen muss. Die Abstraktion erlaubt auch, die von ihrer konkreten Existenz getrennte Essenz zu betrachten, z.b. es ist der gleiche Begriff von 100 existierenden Euros, wie von 100 imaginären Euros.

Diese wichtige Fähigkeit des Verstands hängt von mehreren Sachen ab:

  • auf Seite des Erkennenden durch die Tätigkeit eines intellektuellen Vermögens, das von der Scholastik intellectus agens genannt wird. Seine Aufgabe ist, die Essenzen, die in der Wirklichkeit im Zustand des Einzelnen sind, als universelle Gegenstände des Verstandes zu aktuieren.
  • Auf Seite des Gegenstands:
  • Die abstrahierte Essenz existiert im Geist in anderer Weise als in der Wirklichkeit: das ist möglich, weil die Essenz verschieden ist von der Existenz: wichtige These des Thomismus. Also können im Geist mehrere verschiedene Essenzen  sein, wenn  sie auch in der Wirklichkeit vereinigt sind (unum und bonum z.B.).
  • Die verschiedenen Aspekte, die man als getrennt betrachtet, oder wovon man abstrahiert,  sind manchmal sachlich verschieden: es ist z.B. sachlich verschieden, Mensch zu sein, und Sokrates zu sein.

Die Abstraktion ist für den Hl. Thomas der Ursprung der Begriffe. Ein Beweis: es ist unmöglich einem Blinden den Begriff der Farbe zu geben. Wenn Kant recht hätte, würde trotzdem diese Kategorie schon in seinem Geist existieren, wenn er sie auch auf keine Erfahrung anwenden könnte.

Die Theorie Kants verbietet auch, eine andere Auslegung der Experimente der Naturwissenschaften vorzuschlagen, da die Kategorien von Zeit und Raum apriorisch sind. Nun haben die Wissenschaftler anderen Theorien gebaut, z.B. mit Räumen mit mehr als 3 Dimensionen, und einer anderen Auffassung des Zeitraums, weil die Vorgänger-Modelle unzureichend sind. Weiteres Zeichen, dass die Auslegung der sinnlichen Erfahrung nicht endgültig im Verstand bestimmt ist, sondern aus der Erfahrung, und danach aus einer inneren Bearbeitung kommt.

D. Das Urteil

Die Erkenntnis steht nicht mit dem Begriff bleiben. Sie geht fort, mit der Tätigkeit des Urteils. Es ist die Tätigkeit des Verstandes, welche zwei Begriffe vergleicht, und den einen dem anderen zuschreibt, nach dem Modell: « S » (Subjekt) ist « P » (Prädikat).

Es kann manchmal nur ein Vergleich zwischen Begriffen sein: z.B. „« Hund » ist eine Art der Gattung « Tier »“. Es kann auch die Wirklichkeit beschreiben, insofern als es bestätigt, dass dieselbe Sache, die durch den Begriff des Subjekts bezeichnet wird, auch die Eigenschaft besitzt, die vom zweiten Begriff bezeichnet wird: z.B. „Der Hund ist nass“ bedeutet: „diese Sache, die Vertreter ist der Spezies « Hund », verwirklicht die « Nassheit »“. Bei dieser Tätigkeit bestätigt der Verstand, dass die zwei Begriffe, die er vorher abstrahiert hat, in der gleichen Sache vereinigt sind.

Man kommt zum Urteil durch mehrere Wege: die Offensichtlichkeit („ich sehe, und rieche, dass mein Hund Medor nass ist“); Gedankengang („Alle Menschen sind sterblich, nun ist Sokrates Mensch…“); Glauben („Mein Lehrer sagt, dass der Lehrsatz von Pythagoras wahr ist.“) usw.

E. Die ersten Prinzipien

Die deduktive Wissenschaft funktioniert durch Gedankengänge. Die Wahrheit und Gewissheit der ersten Urteile geben uns die Gewähr, dass der Schluss auch wahr ist, wenn der Gedankengang folgerichtig gebildet wurde. Nun sind wir mit Kant überzeugt, dass die moderne Wissenschaft gültig ist.

Aber wie kommt man zur Gewissheit der Prämissen? Zwei Hindernisse:

Man kann nicht immer andere Prämissen suchen, weil es ins Unendliche führt, und nichts beweist. Der regressus ad infinitum ist unmöglich.
Man kann sich nicht ausschließlich auf die sinnliche Offensichtlichkeit stützen, weil sie uns nur einzelne Fälle gibt. Wir brauchen aber universelle Wahrheiten (z.B. „alle Menschen sind sterblich“).

Im Gegensatz zu Kant, wird Thomas antworten, dass es erste Wahrheiten, Grundsätze gibt, die nicht nur Gesetze des Verstandes sind, sondern auch Gesetze des Seins, und die durch Abstraktion und Induktion erkannt werden. Diese Erstprinzipien können nicht bewiesen werden, und lassen über sich keinen Irrtum zu: es ist unmöglich, zu denken, dass eine Sache und ihr Gegenteil gleichzeitig und im selben Sinn wahr sind. „A und zugleich nicht-A“ ist immer falsch (Widerspruchsprinzip). Es auch ist unmöglich, zu glauben, dass das Ganze geringer ist, als der Teil.

Unter diesen Prinzipien rechnet man auch das Prinzip, das Kausalitätsprinzip heißt: alles, was kontingent ist, hat eine Ursache. Dieses Prinzip ist der Knoten der thomistischen Wege zur Existenz Gottes.

F. Die Beweise Gottes

Damit ist der Verstand ausgerüstet, um sich auf das Dasein Gottes zu richten. Die fünf Wege des hl. Thomas, um die Existenz Gottes zu beweisen haben mehr oder weniger dieselbe Struktur:

  • Es existiert etwas, das kontingent ist (die Bewegung, die Substanzen, vergängliche Sachen, unvollkommene Sachen, Absicht bei den Tieren).
  • Diese kontingenten Sachen haben Ursachen (Kausalitätsprinzip). Das heißt, dass die Ursache etwas anderes ist als die Wirkung.
  • Nun sind diese Ursachen entweder kontingent oder nicht.
  • Wenn sie kontingent sind, brauchen sie weitere Ursachen.
  • Es ist sinnlos, ins Unendliche fortzufahren, weil es keine Existenz erklären wird.
  • Also gibt es eine notwendige (nicht kontingente) Ursache, die man Gott nennt.

Am Ende dieses Gedankengangs, wissen wir noch nicht vieles von Gott: nur dass er Ursache und notwendig ist. Um zu beweisen, dass er einzig, gut, vollkommen, usw. ist, muss man noch weiteren Gedankengängen folgen.

2. Kants Kritik gegen die Beweise – Antwort[3]

 

Für Kant gibt es drei Arten von Beweisen der Existenz Gottes: der ontologische Beweis, der kosmologische, und der physiko-theologische Beweis[4].

A. Ontologisches Argument

Das erste Argument, das berühmte Argument des hl. Anselm, schließt aus dem Begriff eines vollkommenen Wesens auf seine wirkliche Existenz, weil der Begriff sonst widersprüchlich sein würde.

Der hl. Thomas hatte schon bemerkt[5], dass dieses Argument die reale Existenz Gottes nicht beweist. Es kann nur beweisen, dass ein solches Wesen notwendig  existiert, sofern es existiert. Und er fügt hinzu, dass der erste Begriff von Gott, der als Ausgangspunkt des Gedankengangs dient, nicht notwendig der Begriff eines vollkommenen Wesens ist, sondern manchmal der Begriff der Vorsehung.

Kant gibt eine ausführlichere Kritik des Arguments. Der Kern der Untersuchung ist der Wert des Prädikats „Sein“: ist das Urteil „diese Sache ist“ analytisch oder synthetisch, d.h. fügt das Prädikat etwas dem Begriff des Subjekts hinzu, oder nicht?

Wenn es analytisch ist, also wenn das Prädikat Sein dem Begriff des Subjekts nichts hinzufügt, gibt es zwei Möglichkeiten:

Diese Existenz beschreibt nur die Anwesenheit des Begriffs in meinem Geist: also ist die Sache nur mein Gedanke der Sache. Ich spreche von keinem existierenden Wesen.
Oder diese Existenz ist wirklich, also hat man die wirkliche Existenz der Sache im Begriff des Subjekts vorausgesetzt, und der Beweis ist eine Tautologie („Diese existierende Sache existiert“).

Auf jedem Fall kann ein solches Urteil keinen  Beweis begründen.

Wenn es synthetisch ist (was Kant meint), d.h. wenn das Sein nie zum Begriff einer Sache gehört, so dass bei dem Urteil „Die Sache ist“ immer etwas dem Subjekt hinzugefügt wird, dann ist es nie ein Widerspruch, den Prädikat „Sein“ dem Subjekt abzulehnen. Nun sagt das ontologische Argument, dass „Gott existiert nicht“ ein Widerspruch ist. Wenn das Existenzurteil synthetisch ist, ist das ontologische Argument unmöglich.

Auf jedem Fall ist das Argument wertlos.

Aber Kants Kritik enthält einen Widerspruch:

Kant sagt, dass das Existenzurteil synthetisch ist, also dass die Existenz nie dem Begriff einer Sache angehört. Das heißt, ich erfahre etwas vom Subjekt, wenn ich erfahre, dass er existiert. Also empfange ich eine neue intellektuelle Bestimmung des Subjekts. Er sagt auch, dass die Erfahrung uns durch die Phänomene in Kontakt mit einer in sich existierenden Sache treten lässt, deren Essenz wir nicht kennen. Das heißt, dass mindestens ihre Existenz uns bekannt ist, da wir diese Existenz behaupten können. 
Nun sagt er auch, dass  ‚Sein‘ kein reales Prädikat ist:

Es gibt nichts mehr im Wirklichen als im reinen Möglichen. Es gibt keine Unterscheidung zwischen dem Begriff von 100 existierenden Euros und dem Begriff von 100 nur gedanklichen Euros.
Der Grund dafür ist, dass die Existenz nur durch sinnliche Erfahrung gegeben wird, und dass diese Erfahrung keine intellektuelle Bestimmung der Sache gibt.

Der letzte dieser zwei Blickpunkte ist idealistisch (wir kennen nur das, was unser Verstand der Erfahrung als Form überzieht); der andere realistisch (durch Erfahrung erkennen wir mindestens die Existenz der Sache). Ist also das Dasein, die Existenz, etwas Wirkliches oder etwas nur Gedankliches? Wenn es wirklich ist, ist das Teil des Begriffs einer Essenz oder nicht? Kant findet die Lösung nicht selbst. Sie besteht darin, entweder völlig idealistisch zu sein (Hegel), oder völlig realistisch zu sein (Thomas).

B. Kosmologisches Argument (a contingentia mundi)

Kant zieht dieses Argument in folgender Weise in Betracht:

Durch Erfahrung wissen wir, dass kontingente Sachen existieren.

  • Das Prinzip der Kausalität oder des ausreichenden Grunds sagt, dass das Kontingente etwas Notwendiges verlangt.
  • Es ist aber unmöglich, ins Unendliche fortzufahren. Also gibt es ein absolut notwendiges Wesen.
  • Wir wissen noch nicht, ob dieses Wesen Gott ist. Das heißt, wir haben schon einen Begriff von Gott, als völlig reales Wesen, und haben nur noch jetzt den Begriff eines notwendigen Wesens. Sprechen wir von dergleichen Sache?
  • Welcher Begriff entspricht dieser absoluten Notwendigkeit? Der Begriff des am meisten realen Wesens. Das heißt, des Wesens, dessen Existenz zur Essenz gehört.
  • Also kommen wir jetzt zum Begriff des Wesens, dessen Existenz notwendig ist, und wir schließen daraus, dass es existiert, weil sein Begriff es verlangt: ontologisches Argument.

Dann übt er drei Kritiken:

Gegen das Kausalitätsprinzip:

  • Dieses Prinzip ist kein analytisches Urteil (von einem Anderen verursacht zu sein gehört nicht zur Definition des Kontingenten), also ist es synthetisch. Es ist nicht von der Erfahrung gegeben, die uns nur einzelne Sachen und keine universellen Sachen zeigt, also ist es a priori.
  • Nun solche Urteile werden nur bei der Anwendung zur sinnlichen Erfahrung sinnvoll. Also sind sie ungültig, wenn es darum geht, die Existenz von unsichtbaren Sachen zu beweisen. Das ist bestimmt der Fall, wenn es um das Dasein Gottes geht.
  •  
  • Gegen die Unmöglichkeit, etwas ins Unendliche zurückzuverfolgen: das ist nur eine Grenze unserer Erkenntnis, die Wirklichkeit ist uns in sich unerkennbar.
  • Das letzte Moment des Beweises, wo man die Eigenschaften des ersten Wesens betrachtet ist eine Rückkehr zum ontologischen Beweis.

 

Diese Kritiken kann man auch wiederum kritisieren:

Die dritte Kritik:

  • Kant meint, dass das kosmologische Argument zum Begriff des Notwendigen Wesens führt. Aber das Argument will den Grund der Existenz des Kontingenten erklären. Wenn es wirksam ist, kann es nicht nur den Begriff des notwendigen Wesens einführen, da ein reiner Begriff keine wirkliche Existenz beweisen kann (siehe die Kritik des ersten Arguments).
  • Also muss das kosmologische Argument zur Existenz führen, und nicht zum reinen Begriff. Diese existierende Sache ist schon bestimmt, mindestens als existierende Sache, von deren Existenz die anderen Existenzen abhängen, wenn  wir auch ihre anderen Eigenschaften nicht kennen. Man muss nicht das ontologische Argument benutzen, um den Schluss zu ziehen.
  • Seine Kritik des kosmologischen Arguments führt zur Idee, dass die Existenz eines Wesens die Existenz anderer Wesen erklärt. Aber seine Kritik des ontologischen Arguments sagte, dass das Sein nichts dem Begriff der Sache hinzufügt, also dass es keine Bestimmung erkennen lässt. Es gibt einen Widerspruch zwischen beiden Kritiken, und das ist der Widerspruch zwischen seinem Idealismus und was ihm vom Realismus bleibt, um die Wissenschaften zu schützen.

Die zwei ersten:

Sie kommen aus der Ablehnung des Kausalitätsprinzips als Mittel, die Existenz einer außer der sinnlichen Erfahrung existierenden Sache zu beweisen.
Es gibt trotzdem eine gewisse Erkenntnis von Sachen, die nicht unter die unmittelbare sinnliche Wahrnehmung fallen:

  • Das Ding an sich: sonst, sind die Phänomene Phänomene von nichts.
  • Unbewusste Tätigkeit des Geists.
  • Vielfalt der Bewusstsein: es gibt mehrere Personen, die nicht nur Phänomene für einander sind.
  • Die Welt vor der Erscheinung des Menschen.

Also ist das Prinzip des Idealismus abzulehnen.

3. Schluss

Wie manche Autoren bemerkt haben (z.B. Jacobi, Zeitgenosse Kants), ist Kants Philosophie wackelig, wenn es um die Sache an sich geht. Sie muss existieren, damit die Begriffe nicht leer seien, aber sie ist unerkennbar, und um die Unerkennbarkeit zu bestätigen, muss man die Kategorien benutzen, die nur gültig sind, wenn man sie auf die Phänomene anwendet (z.B. wenn man von der Existenz der Sache in sich spricht). Hier liegt bei Kant ein argumentativer Zirkel vor.

Dagegen kann man behalten, dass die Sache an sich erkennbar ist, und dass unsere universellen Begriffe ihr angemessen sind, weil wir sie aus der sinnlichen Wahrnehmung gezogen haben. Es kann nämlich eine intellektuelle Erkenntnis geben, ohne dass der Verstand ihren Gegenstand selbst schafft. Was der Verstand durch den intellectus agens tut, ist nur der Essenz der Sache ihren universellen Zustand zu geben, nachdem die sinnliche Wahrnehmung ihm eine species hervorgebracht hat, die intelligibilis in potentia ist. Man kann die Wirklichkeit nicht nur durch die sinnliche Erfahrung erkennen, sondern man kann auch gemäß dieser Erfahrung universelle Aspekte aus ihr abstrahieren. Der Knopf der Antwort ist also die Abstraktion.

Der beste Beweis dafür ist die Möglichkeit und die Wirksamkeit der Wissenschaft. Das Ding an sich funktioniert wie die Phänomene es zeigen, also ist es wirklich so. Die höchste Anwendung dieser Lehre ist aber die Untersuchung über das Dasein und die Eigenschaften Gottes.

Die Antwort auf Kants Kritik besteht also darin, das Postulat des Idealismus zu verlassen. Der Gegenstand der intellektuellen Erkenntnis ist nicht das Gebilde des Geists, sondern das Sein. Die Metaphysik fängt mit dem Sein an, und hat das Sein als Ziel. Ihr wirksamstes Werkzeug ist die Abstraktion.

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Anmerkungen

[1] « I will not discuss these arguments. The bare fact that all idealists since Kant felt entitled to scout or to neglect them, shows that they are not solid enough to serve as religion’s all-sufficient foundation. Causation is indeed too obscure a principle to bear the weight of the whole structure of theology. » William JAMES, Religious experience, Zitat aus Reginald GARRIGOU-LAGRANGE, God his existence and His nature, B.1, Herder, London, 1949, p.95.

[1] Kritik der reinen Vernunft, Einführung, 1.

[2] Universale: unum aptum esse in pluribus.

[3] Für diesen Abschnitt benutzen wir viel die Bemerkungen von Michel NODE-LANGLOIS, « La critique kantienne des preuves de l’existence de Dieu », Revue Thomiste t.101 (2001), pp.531-564.

[4] Kritik der reinen Vernunft, II, B.2, K.3, Ab.3-6.

[5] THOMAS VON AQUIN, Summa theologiae, Ia q.2 a.1 ad 2.