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Erzbischof Lefebvre: Die Hingabe an die Vorsehung

11. Juli, 2017

Es scheint mir, dass es in den Jahren, die uns der liebe Gott zum Leben schenkt, nicht drauf ankommt, vierzig, fünfzig, sechzig, oder siebzig Jahre hier auf Erden zu leben, sondern dass wir diese Jahre gut verbringen; dass wir sie auf eine solche Art und Weise nützen, dass unsere Jahre die Ehre Gottes besingen, den Willen Gottes erfüllen und uns ermöglichen, einmal am ewigen Leben teilzunehmen. Das ist entscheidend in der Nutzung der Jahre, die Gott uns schenkt.

Man kann diese Jahre im Endeffekt mit einem Musikstück vergleichen. Die Notenlinien stellen die Gesetze dar, die allgemeinen Gesetze, die uns den vorgegebenen Weg weisen: die Naturgesetze, die Kirchengesetze, die übernatürlichen Gesetze, die uns Unser Herr Jesus Christus durch die Offenbarung kundgetan hat. Wir haben also einen genau vorgeschriebenen Weg. Doch auf diesem Weg ist es Gott selber, der die Noten einsetzen muss. Es geht darum, dass wir im Einklang bleiben. Wir dürfen keine falschen Noten spielen. Denn wir sind es, die die falschen Noten einbringen. Wenn wir Gott in uns freie Hand lassen, dann variieren die Noten auf angenehmste Weise von den allertiefsten bis zu den allerhöchsten Tönen; da zeigt sich, was unser Leben alles beinhaltet: Prüfungen, Freuden, Schwierigkeiten. Aber lassen wir Gott handeln und greifen nicht selber ins Geschehen ein, um die Harmonie, die Gott in unser Leben einbringen möchte, nicht zu zerstören. Da ist das Problem unserer Existenz.

Und dazu gibt es einen vorgeschriebenen Weg. Ich gebe nicht vor, diesem Weg gefolgt zu sein, wohl aber, ihn wenigstens als das Lebensideal gewählt zu haben. Dieser Weg besteht darin, sich dem Willen Gottes hinzugeben, sich seiner heiligen Vorsehung zu ergeben, indem man Gott vertraut, auf Unseren Herrn vertraut, auf die Gnade Unseres Herrn zählt, besonders auf die Ausübung unseres Glaubens zählt, auf das übernatürliche Leben, und nicht auf die natürlichen Möglichkeiten, unsere eigenen Fähigkeiten, unsere eigenen Begabungen, sondern auf die Gnade Gottes.

Und daher müssen wir, um dem lieben Gott in uns freie Hand zu lassen, wie Er es wünscht, uns selbst verleugnen. Wir müssen uns in Prüfungen wie in Freuden Gott hingeben. Wir müssen den Gütern dieser Welt gegenüber, dem Reichtum wie der Armut gegenüber, gleichmütig sein, so wie der heilige Paulus sagt: Mal lebe ich im Überfluss, mal lebe ich in Armut, das lässt mich gleichgültig.

In der Hingabe und im Loslösen müssen wir noch weiter gehen. Nicht nur die Güter der Welt sollen wir aufgeben, sondern auch ein natürliches Gut, auf das wir sehr großen Wert legen, das Gut unseres Ansehens, besonders in diesen Zeiten, in denen wir leben, mit all den sozialen Kommunikationsmitteln, mit den Medien, die nur zu gerne Urteile über unser Werk mit ganz offensichtlicher Voreingenommenheit fällen. Daher müssen wir also sogar unsere Reputation aufgeben. Man wirft uns vor, wir seien im Ungehorsam. Doch Gott weiß, dass es uns besonders am Herzen liegt, uns dem Willen Gottes hinzugeben und ganz seinen Wünschen untergeordnet zu sein. Im Ungehorsam sein bedeutet, nicht nur den irdischen Obrigkeiten zu widersprechen, sondern auch der Autorität Gottes; doch das ist unvorstellbar …

Auch bei den spirituellen Schwierigkeiten müssen wir uns Gott hingeben. Diese Schwierigkeiten betreffen das, was uns am allerliebsten ist: unsere Vereinigung mit Gott, unsere Vereinigung mit Unserem Herrn im Gebet, in unserem innerlichen Leben, in der Liebe zu Unserem Herrn. Welche Hindernisse und Schwierigkeiten, welche Prüfungen das ganze Leben lang! Der liebe Gott schickt uns gerne Schwierigkeiten, Prüfungen und Dürren.

Das alles Gott aufzuopfern sollen wir stets bereit sein, bereit, uns Gott in unseren Schwierigkeiten hinzugeben, um immer mehr an Ihm zu hängen. Er ist es, der uns dieses Kreuz schickt; er lässt uns das Kreuz tragen; er kreuzigt uns, damit wir mit Ihm immer enger vereinigt seien; damit wir Ihn immer mehr lieben, damit wir Ihm immer mehr nachfolgen.

Also zögern wir nicht, diese von Gott gesandten Prüfungen gerne anzunehmen. Zögern wir nicht, so von allen Dingen losgelöst zu sein, um uns ganz Seinem Willen hinzugeben. Das ist es, was zählt und was Früchte tragen wird, in uns und in den Anderen.

Diese Früchte in uns sind Frieden und Gelassenheit. Wenn wir in den Händen Gottes sind, wie könnten wir dann unruhig sein und im Vertrauen zögern? Er liebt uns und wird uns in unserem Leben schützen, in unserem spirituellen und in unserem apostolischen Leben. Wir erlangen also einen inneren Frieden, der so nötig und wesentlich ist, um in der Wahrheit, der Liebe und der Hoffnung zu verbleiben.

Diese Hingabe an den lieben Gott ist auch die beste Weise, um das Apostolat auszuüben, und ermöglicht, dass unser Apostolat viele Früchte tragen wird. Ob wir diese bemerken oder nicht, ist ganz egal. Was zählt ist, dass wir durch diese Hingabe unserer selbst in die Hände Gottes überzeugt sind, dass der liebe Gott durch uns, durch unsere Gebete und im Besonderen durch das Heilige Messopfer, durch die Sakramente seine Gnaden verteilt und somit die Seelen umwandelt und sie mit Ihm vereint. Suchen wir nichts anderes.

Wenn wir also diesen festen Willen halten, ganz in der Hingabe zu Gott zu leben, dann wird uns der liebe Gott den Weg zeigen, und dies gerade in den Schwierigkeiten, die wir im Laufe der Jahre ertragen müssen und die wir absolut niemals erwartet hätten. Auch wenn wir manchmal den Eindruck haben, im Dunkeln zu wandern, und das Ziel, zu welchem der liebe Gott uns führen will, nicht klar erkennen. Ja, wir müssen wissen, dass der liebe Gott uns oft in der Dunkelheit und in Schwierigkeiten leitet.

Der liebe Gott muss uns nicht im Vorhinein sagen, zu welchem Ziel er uns führt. Ganz im Gegenteil. Die Vorsehung handelt gewöhnlich nicht so. Der liebe Gott zeigt uns Tag für Tag den Weg, den wir gehen sollen. „Jedem Tag genügt seine Plage“, sagt Christus. Und daher brauchen wir uns nicht so sehr um den nächsten Tag zu sorgen.

Wenn wir wirklich mit Gott sind, wenn wir ihm ganz ergeben sind, dann wird er uns Tag für Tag den Weg zeigen, den wir gehen sollen; der Weg wird leuchten. Vielleicht erst vierundzwanzig oder achtundvierzig Stunden vorher; vielleicht nur zwei Stunden vorher; wir wissen es nicht. Übergeben wir uns in die Hände Gottes, und so können wir sicher sein, seine ergebenen Kinder zu sein und vollständig mit ihm vereint zu sein.

(Predigt von Monseigneur zu seinem 70. Geburtstag am 29. November 1975)