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Erzbischof Lefebvre: Dem Evangelium entsprechend leben

08. September, 2017

Bei der Einkleidung zweier Ordensbrüder erklärt Erzbischof Lefebvre den Wert der Gelübde. Dann wendet er sich an die Gläubigen und betont, dass alle dazu aufgerufen sind, nach der Heiligkeit zu streben.

Am Schluss Ihres Ausbildungsjahres, des Noviziats, werden Sie Ihre Ordensgelübde ablegen. Aber kann man sich in unserer Zeit noch vorstellen, Ordensgelübde abzulegen? Was kann das darstellen, wenn nicht eine Art Versklavung, in die man sich einschließt, in der man sich erniedrigt, in der man in gewisser Weise die menschliche Persönlichkeit zunichtemacht? Was sind die Ordensgelübde wert? Durch das Gelübde des Gehorsams leugnet man seine menschliche Würde, durch das Gelübde der Keuschheit leugnet man die Gaben, die Gott uns gegeben hat, durch das Gelübde der Armut leugnet man die Nutzung der Güter dieser Welt. Man bindet sich an Dinge, die vielleicht im Mittelalter noch nachvollziehbar waren, aber nicht mehr in unserer Zeit.

So denkt die Welt heute, und vielleicht nicht nur die Welt. Denn man hört solche Dinge sogar in der Heiligen Kirche. Das ist schlicht und einfach ein Echo dessen, was die Feinde der Kirche schon immer sagten. Diese wollten die Bande lösen, die die Kirche uns schenkt, um uns zu erlösen. Es sind nämlich Bande, die uns erlösen. Es sind Bande, die uns die wahre Freiheit schenken.

Und diese wahre Freiheit der Kinder Gottes ist nicht mehr erwünscht. Luther war einer der Ersten, die hartnäckig gegen die Ordensgelübde angekämpft haben, da diese angeblich die Freiheit einschränkten und erstickten. Aber welche Freiheit? Was verstand er unter dieser Freiheit? Die Freiheit, Böses zu tun. Genau! Die Freiheit, Gott ungehorsam zu sein; die Freiheit, seinen eigenen Launen zu folgen, das zu tun, was uns – angeblich – das persönliche Gewissen vorgibt.

Aber nun ist gerade das gesamte Evangelium gegen diese Freiheit. Die Freiheit ist im Wesentlichen eben nicht die Freiheit, Gutes oder Böses zu tun. Die echte Freiheit ist die Freiheit, Gutes zu tun. Die Freiheit zum Bösen ist ein Mangel unserer Freiheit. Sonst müsste man sagen, Gott selber kann Böses tun, denn Gott ist frei. Doch Gott kann nichts Böses tun. Wir müssen also diese wahre Freiheit erstreben. Nun folgen Sie dieser Freiheit nach, indem Sie die Ordensgelübde ablegen wollen.

Das Beispiel der Orden und der Ordensleute ist ein wunderbares Beispiel in der Kirchengeschichte, sie sind ein außerordentliches Beispiel in der Heiligen Kirche. Es ist ein Beispiel des wirklich gelebten Evangeliums. Das Evangelium wird tagtäglich gelebt durch die Gelübde der Armut, der Keuschheit, des Gehorsams, was auch die Gläubigen ermutigt, diese Tugenden ebenfalls auszuüben. Denn wir alle sollen diese Gelübde ausüben.

Wir sind von der Sünde erlöst, sagt der heilige Paulus: «Weil ihr aber frei gemacht von der Sünde, seid ihr Sklaven der Gerechtigkeit (Diener Gottes) geworden, so werdet ihr als Frucht eure Heiligung und als Ziel das ewige Leben haben … Jetzt aber, von der Sünde frei gemacht und zu Gottes Sklaven geworden, habt ihr eure Frucht zur Heiligkeit, als das Ende aber ewiges Leben.“ (Röm 6,18–22)

Das ist das Ergebnis unserer Dienerschaft gegenüber Gott. Und genau diese Dienerschaft wollen wir erlangen, in unserem Herzen tragen, in unseren Seelen, um uns von der Last des Geldes zu befreien, von der Last der Güter der Welt, die unsere Herzen und unsere Seelen zermalmt, die sie in eine Stimmung versetzt, als ob wir das alles benötigen würden, was wir uns selber vorstellen, was wir aber nicht benötigen und was uns eben gerade daran hindert, Gott zu begegnen. Auch die Befriedigung der Fleischeslust, die uns daran hindert, Gott zu suchen. Und schlussendlich die Launen unseres Eigenwillens, der Wunsch, alles zu machen, was man will, und uns entsprechend unseren Launen zu arrangieren. Leben wir also im Gehorsam, damit wir unter dem Gesetz Gottes leben, das ein Gesetz der Liebe ist: Gott und unseren Nächsten lieben. So soll der Ordensmann sein.

Was Sie betrifft, liebe Gläubige, können Sie vielleicht manchmal den Eindruck haben, dass der Weg der Vollkommenheit nur denen vorbehalten sei, die die Berufung zum geistlichen Leben haben, oder den Priestern, und dass man Sie davon zurückweise, Sie fernhalte, dass man Sie nicht so behandele wie die, die auch wie Sie zur Vollkommenheit aufgerufen sind.

Das wäre ein schwerer Fehler. Auch Sie müssen das praktizieren, was Paulus gesagt hat: Von der Sünde befreit müssen wir uns an Gott binden, um unsere Heiligung zu erlangen, um zum ewigen Leben zu gelangen. Auch Sie müssen die Armut, die Keuschheit und den Gehorsam leben. Diese Tugenden werden von allen verlangt. Sicherlich auf eine andere Art, doch muss man die Armut sogar in der eigenen Familie praktizieren.

Heutzutage ist man so sehr von einer Art Stimmung des Strebens nach Fortschritt angezogen, des Strebens nach Reichtum, um immer über die modernsten Mittel zu verfügen, und so lebt man im Streben nach Komfort, nach materiellen Befriedigungen, die dazu führen, dass man Gott vergisst und auch vergisst, die Armut zu praktizieren. Dabei ist es so gut, die Armut zu praktizieren; so gut, in seinem Herzen ungebunden zu sein; es gibt so viele Dinge, die unnütz sind und die den Weg zur Vollkommenheit eben gerade beeinträchtigen.

Dann ebenfalls die Übung der Tugend der Keuschheit. Es gibt auch eine Tugend der ehelichen Keuschheit. Die Ehe hat Gesetze, Gesetze der Keuschheit. Das ist sicher auch eine Übung, die der Tugend bedarf, um dem Gesetze Gottes in diesem Bereich treu zu bleiben. Und so bedürfen auch Sie der Gnaden Gottes und der Gebete und dieser Heiligung, um diese Tugend, die Gott von jedem verlangt, auszuüben.

Und schließlich noch das Gesetz des Gehorsams. Wir haben Gott zu gehorchen und denen zu gehorchen, die Gott auf Erden vertreten, und müssen somit treu im Gehorsam gegenüber Gott und seinen Geboten leben.

Daher sind wir alle zu dieser Vollkommenheit berufen, durch unterschiedliche Mittel, aber wir alle sind zur Heiligung berufen. Niemand ist vom Wege der Heiligung ausgenommen.

Daher möge das Vorbild dieser beiden jungen Berufungen, die sich dem geistlichen Leben hingeben möchten und durch die wir die Gelegenheit haben, uns in unseren Gedanken unseren Lebensplan in Erinnerung zurückzurufen, uns eine Ermutigung sein, stets auf noch vollkommenere Weise zu leben, in noch innigerer Verbindung mit Gott, noch mehr im Einklang mit dem Evangelium, das uns Unser Herr lehrt.

 

 (Einkleidung zweier Ordensbrüder, 28. September 1975)