Die überlieferte Wahrheit gründlich darstellen

2017
Quelle: Distrikt Deutschland

Glauben. Weitergeben.

Der hl. Papst Pius X. über den Katechismus

Der hl. Papst Pius X. (1835–1914), der glorreiche Patron der Priesterbruderschaft, hat zu Beginn seines Pontifikates im Jahr 1903 ein „Pastoralprogramm“ formuliert, das bis heute ungeschmälerte Gültigkeit besitzt.

«Wir müssen die menschliche Gesellschaft, welche den Pfad der Weisheit Christi verloren hat, zum kirchlichen Geist zurückführen. Die Kirche wird sie Christus unterwerfen, Christus aber Gott.

Wenn wir das mit Gottes Gnade erreichen, dann werden wir uns freudig sagen dürfen, dass die Bosheit der Gerechtigkeit Platz gemacht hat. Unser Ohr wird „die starke Stimme vom Himmel“ beglücken, „die da spricht: Jetzt ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht seines Gesalbten erfüllt worden“. [Offb 12,10] – Die Erfüllung dieser Wünsche setzt aber die bis zur Wurzel dringende Ausrottung des ungeheuerlichen und verabscheuungswürdigen Frevels unserer Zeit, der Selbsterhebung des Menschen als Gott, voraus. An jener müssen wir mit Anspannung aller Kräfte arbeiten.

Ferner muss den heiligen Satzungen und Räten des Evangeliums die alte Würde zurückgegeben und die kirchlich überlieferte Wahrheit, die Lehre von der Heiligkeit der Ehe, von der Jugenderziehung und -schulung, vom Eigentum und Gebrauch der irdischen Güter und von den Untertanenpflichten, gegen die Staatslenker gründlich dargestellt werden.

Endlich ist jenes Gleichgewicht unter den verschiedenen Ständen des Staates wiederherzustellen, welches christlicher Sitte und Satzung entspricht. – Das sind die Ziele, die Wir im Gehorsam gegen Gottes Willen Unserer päpstlichen Amtswaltung gesteckt, und Wir werden sie tatkräftig erstreben.» (Antrittsenzyklika „E supremi apostolatus“)

Der Biograph Nello Vian kommentiert dieses päpstliche Regierungsprogramm so: «Das Pontifikat Papst Pius’ X. mit seinen bis auf den Grund religiös erfassten und durchdrungenen Wegen und Zielen ist der Ausdruck des unbeugsamen Willens, alles zu Christus zu führen, um Christus den Vorrang in der Welt einzuräumen, der Ihm gebührt. ...»

Der heilige Papst schärft den Katholiken in derselben Enzyklika ein unabdingbares Heilmittel ein, nämlich die Vermittlung der katholischen Glaubenslehre.

«Ist nicht unverkennbar ... der Unterricht in der Religion hauptsächlich der Weg, die Menschen, die eben von Vernunft und Freiheit sich leiten lassen, unter Gottes Herrschaft zurückzuführen?

Zahlreiche hassen Christus und schrecken vor Evangelium und Kirche mehr aus Unwissenheit als innerer Verkehrtheit zurück. Man kann von ihnen mit Recht sagen: „Sie lästern, was sie nicht verstehen“ [Jud 2,10]. 

Nicht allein im Volk oder gar in den untersten Schichten kommt dies vor, wo der Irrtum unter den herrschenden Verhältnissen leicht obsiegt, sondern auch bei den gebildeten Ständen, sogar bei solchen, die im Übrigen über ein hervorragendes Wissen verfügen.

Aus diesen Ursachen ist bei den meisten das Daniederliegen des Glaubens zu erklären. Kein Fortschritt der Wissenschaft werde als Gefahr für das Glaubenslicht betrachtet, sondern vielmehr der Mangel an Kenntnissen. Je größer deshalb irgendwo die Unwissenheit ist, desto weiter greift der offene Abfall vom Glauben um sich. Aus diesem Grunde ist den Aposteln von Christus der Auftrag gegeben worden: „Gehet und lehret alle Völker“ [Mt 28,19].»

Und der heilige Pius X. – dem doch ganz zu Unrecht der Ruf eines „strengen“ Papstes anhaftet – sagt auch etwas zu der notwendigen Grundvoraussetzung jeder Glaubensvermittlung:

«Die erhoffte Frucht eifriger Lehrtätigkeit zur Reife zu bringen und Christus in allen zu gestalten, dazu ist nun, wie man ... warm beherzigen muss, nichts so mächtig wie die Liebe. ... Umsonst hoffte man die Herzen durch ein strengeres Auftreten für Gott zu gewinnen. Es bringt sogar manches Mal mehr Schaden als Nutzen, wenn man die Irrtümer mit harten Vorwürfen zurückweist und die Fehler zu scharf tadelt. Den Timotheus mahnte der Apostel wohl: „Überführe, bitte, strafe!“, aber er fügte noch bei: „in aller Geduld“ [2 Tim 4,2]. – Gewiss will Christus hier unser Vorbild sein. „Kommet“, so sprach er nach der Schrift [Mt 11,28], „kommet zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“  Unter den Mühseligen und Beladenen verstand er aber keine anderen als jene, welche die Banden der Sünde und des Irrtums tragen. Welche Sanftmut im göttlichen Lehrmeister!  Welche Milde, welches Erbarmen gegen die Bedrängten jeder Art!

...  Diese Liebe muss „geduldig und gütig“ [1 Kor 13,4] auch jene umfassen, welche unsere Widersacher sind oder uns feindselig verfolgen.»

Und Pius X. fährt fort, indem er apostolische Demut einschärft:

«Man „schmäht uns, und wir segnen,“ bekannte Paulus [1 Kor 4,12] von sich, „man verfolgt uns, und wir dulden, man lästert uns, und wir beten.“ Sie scheinen vielleicht schlechter, als sie sind. Der Umgang, Vorurteile, Zureden und Beispiele anderer, zuletzt verführerische Menschenfurcht hat sie in das Lager der Gottlosen hinübergeführt. Doch ihr Wille ist nicht so verdorben, wie sie glauben machen möchten. Sollen wir nicht hoffen, dass die Flamme christlicher Liebe von ihren Seelen die Finsternis vertreiben und Gottes Licht und Frieden ihnen bringen werde?»

Glaubenslehre oder staatsbürgerliche Ethik?

In der Folge der sog. „italienischen Einigungsbewegung“ kam es im neuen liberalen Königreich Italien zu einer immer weiteren Reduzierung des Religionsunterrichtes an den Schulen.

Der Katechismus wurde durch Inhalte einer staatstragenden bürgerlichen Ethik ersetzt. Als Beispiel soll die heute weltbekannte Figur des Pinocchio des liberalen Schriftstellers Carlo Collodi (eigentlich Carlo Lorenzini, 1826–1890) angeführt werden. Diese auf den ersten Blick harmlose märchenhafte Geschichte einer zum Leben erwachten Schnitzfigur, die im Laufe der Erzählung einen moralischen Reifungsprozess durchmacht, bevor sie sich eines Tages zu einem richtigen Jungen aus Fleisch und Blut wandelt, war eine der Schullektüren, die die „Doktrin der Pfaffen“ ablösen sollte. Den Kindern sollten nur noch ethische Haltungen vermittelt werden, z. B.: Faulheit, Lügen und Ungehorsam werden nicht ohne Folgen bleiben. Diese und andere in der Schule benutzten Texte waren nicht weniger als der Ausdruck einer „laikalen Weltanschauung“, die die „Errungenschaften“ des „Fortschritts“ mit bürgerlicher Wohlanständigkeit zu verbinden suchte. Der Gott der Offenbarung spielte keine Rolle. An seine Stelle sollte der Vernunftgott der Aufklärung treten.

Ist das nicht auch das Problem des heutigen schulischen Religionsunterrichtes, auch wenn er noch kirchlich „verantwortet“ wird?

In diesen Kämpfen um die kulturelle Hegemonie in den Schulen kam es zu einer ungeheuren Anstrengung zur Verbesserung des katholischen Religionsunterrichtes. Abzulesen ist dies nicht nur an dem starken Ansteigen von Ordensleuten in den Erziehungskongregationen, sondern am Erscheinen des „Kompendiums der christlichen Lehre“ im Jahr 1905 und an der Enzyklika „Acerbo nimis“ im gleichen Jahr, die sich der Förderung des Religionsunterrichtes gezielt annahm.

Die „Magna Charta“ des Katechismusprogramms

Pius X., „dessen ganzes Wesen auf das Übernatürliche eingestellt war ..., veröffentlichte eine Reihe von Anweisungen über die Belehrungen in Fragen der Religion. Seine größte Aufmerksamkeit galt dem Katechismusunterricht.“ (Vian)

Diese große Katechismus-Enzyklika beginnt mit einer sehr pessimistischen Bestandsaufnahme. Eine große Zahl von Christen – Gebildete und Ungebildete – seien „in vollständiger Unwissenheit über das zum Heile notwendig zu Wissende“:

«Es ist schwer zu sagen, in welcher Verfinsterung diese oft leben. Dabei fühlen sie, was am meisten zu beklagen ist, keinerlei Beunruhigung. An den Allerhöchsten, den Schöpfer und Lenker aller Dinge, Gott, an die weisen Lehren des christlichen Glaubens kommt ihnen kein Gedanke. Daher haben sie keine Kenntnis von der Menschwerdung des göttlichen Wortes noch von der Erlösung des menschlichen Geschlechtes durch dasselbe. Sie wissen nichts von der Gnade, die das vorzüglichste Hilfsmittel zur Erlangung des ewigen Lebens ist, nichts vom hehren Opfer der heiligen Messe und von den Sakramenten, den Bringern der Gnade. Keine Erwägung erinnert sie an die Nichtswürdigkeit und Hässlichkeit der Sünde, keine Beängstigung treibt zur Meidung derselben oder zur Losschälung von ihr. So geht es fort bis zur Todesstunde, und der Priester muss dann Sterbende, um die Hoffnung auf Rettung nicht zu verlieren, notdürftig über die Religion unterrichten, anstatt diese kostbaren Augenblicke, wie es sein sollte, zur Erweckung der göttlichen Liebe hauptsächlich zu benützen. Ja es wird fast Gewohnheit, dass Sterbende in einer solchen schuldbaren Unwissenheit sich befinden, dass sie auf den priesterlichen Beistand gar nichts geben und ohne jegliche Versöhnung mit Gott den furchtbaren Weg in die Ewigkeit ruhigen Herzens glauben betreten zu dürfen.»

Pius X. war klarsichtig. Nur die Einprägung des Glaubenswissens in die Herzen der Katholiken kann die tragfähige Basis sein, um „alles in Christus zu erneuern“. Die christliche Heilslehre «... befiehlt uns zugleich Gott, den Allerhöchsten, durch die Akte des Glaubens im Geiste, die Akte der Hoffnung im Willen und der Liebe im Gemüte zu verehren. Den ganzen Menschen unterwirft sie dadurch dem Höchsten, als Schöpfer und Leiter.

Gleicherweise erschließt nur die Lehre Jesu Christi die angestammte und vortreffliche Würde des Menschen, dass er ein Kind des ewigen Vaters im Himmel ist, nach seinem Bild erschaffen, bestimmt, mit ihm in Ewigkeit voll Seligkeit zu leben. Auf diese Würde und die Offenbarung derselben baut aber Christus auch die Verpflichtung, dass die Menschen sich gegenseitig wie Brüder lieben und hier ein Leben führen, wie es sich für die Kinder des Lichtes geziemt, nicht in Schmausereien und Trinkgelagen, nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Zank und Neid [Röm 13,13]. Ebenso befiehlt er uns, alle unsere Sorge auf Gott zu werfen, weil Er über uns wacht; den Durstigen sollen wir mitteilen; Gutes tun denen, die uns hassen; die ewigen Güter der Seele höher stellen als die vergänglichen Schätze dieser Welt. Wird, um nicht alles einzeln zu berühren, gegenüber dem stolzen Wagemut nicht gerade durch Christi Gesetz die Demut, die Grundlage des wahren Ruhmes, empfohlen und zur Pflicht gemacht? Wer immer sich demütigt, der ist der Größte im Himmelreich [Mt 18,4]. – Die Demut muss uns die Klugheit des Geistes lehren, damit wir uns hüten vor der Klugheit des Fleisches; die Gerechtigkeit, durch die wir jedem das Seine geben; die Stärke, die uns bereit macht, alles zu dulden, und in der wir ungebeugten Mutes alles für Gott und die ewige Seligkeit erdulden; endlich die Mäßigkeit, die uns um des Himmels willen auch die Armut lieben lehrt, ja selbst den Ruhm des Kreuzes in Verachtung der Schmach der Welt. Es steht also fest, dass nicht nur unser Geist von der christlichen Offenbarung Licht empfängt, um zur Wahrheit zu gelangen, sondern auch der Wille zum feurigen Antrieb, der uns zu Gott erhebt und uns mit ihm durch das Tugendleben vereint.»

 

Die Forderungen des Papstes

Der Papst erinnerte in seinem Rundschreiben an die Erbsünde und die mit ihr verbundenen Folgen, die uns einen realistischen Blick auf den Menschen, seine Vernunft- und Willensfähigkeit, haben werfen lassen.

Es sind die Priester, für die es keine „schwerere Pflicht“ gebe als die Glaubensunterweisung.  Zwei Aufgaben seien vom Konzil von Trient den Seelsorgern auferlegt worden. Die eine, dass sie an den Feiertagen vor dem Volk über religiöse Gegenstände predigen; die andere, dass sie die Kinder und alle Ungebildeten über die Grundlehren des Glaubens unterrichten sollen. Kanzel und Katechismus sind getrennte Wirklichkeiten und getrennt zu behandeln.

Wiedergeboren aus dem Wasser und dem Heiligen Geiste trägt doch der Getaufte in sich die eingegossene Tugend des Glaubens. Aber er bedarf der Anleitung durch die Kirche, wenn diese Gottesgabe genährt und gekräftigt werden soll.

Der Pontifex wahrte allerdings auch einen realistischen Blick auf den zu erwartenden Eifer des geistlichen Standes. Seine Mahnung ist deshalb deutlich und ohne große Rücksichtname gegenüber fehlendem klerikalem Eifer: «Vielen ist, wie Wir wissen, die Abhaltung des katechetischen Unterrichtes zuwider, steht er doch beim Volke weniger in Ansehen und ist zugleich nicht geeignet, das Haschen nach Lob von Seiten des Volkes zu befriedigen. ... Jene täuschen sich sicherlich, die auf die Unkenntnis und Schwerfälligkeit des Volkes rechnen und meinen, diese Angelegenheit nachlässig behandeln zu können. Im Gegenteil, je ungebildeter die Zuhörer sind, desto mehr Studium und Sorgfalt bedarf es, um die höchsten Wahrheiten, die dem gewöhnlichen Verständnis so fernliegen, dem stumpfen Sinn der Ununterrichteten verständlich zu machen, und diese müssen dieselben zur Erlangung der Seligkeit ebenso wohl kennen wie die Gelehrten.»

Am Ende seiner Enzyklika gibt Pius X. sechs konkrete Anweisungen, die – obwohl später oberhirtlich modifiziert – doch in ihrem Geist bestimmend bleiben sollten:

I. Alle ... mit der Ausübung der Seelsorge betrauten Geistlichen sollen an allen Sonn- und Festtagen des ganzen Jahres, ohne Ausnahme, während einer vollen Stunde die Knaben und Mädchen über das, was sie zur Erlangung des Heiles glauben und tun müssen, nach dem Katechismus unterrichten.

II. Dieselben sollen zu festgesetzten Zeiten im Jahr die Knaben und Mädchen zum würdigen Empfang der Sakramente der Buße und der Firmung in einem durch eine Reihe aufeinanderfolgender Tage fortgesetzten Unterricht vorbereiten.

III. Desgleichen sollen sie mit besonderer Sorgfalt an sämtlichen Werktagen der heiligen Fastenzeit und, wenn es nötig ist, auch noch an den auf das Osterfest folgenden die männliche und weibliche reifere Jugend durch angemessene Unterweisung und Erbauung anleiten zum würdigen erstmaligen Empfang des Allerheiligsten Sakramentes des Altares.

 IV. In jeder einzelnen Pfarrei soll die Vereinigung kanonisch erreichtet werden, welche unter dem Namen Kongregation der christlichen Lehre [congregatio doctrinae christianae] bekannt ist. Dieselbe wird, zumal wo die Zahl der Priester klein ist, aus der Laienwelt Hilfskräfte für die katechetische Belehrung stellen, welche diesen Unterricht übernehmen, sowohl aus Eifer für die Ehre Gottes, als auch um die Ablässe zu gewinnen, welche die Römischen Päpste so reichlich dafür gewährt haben. 

V. In größeren Städten, insbesondere dort, wo Universitäten, Lyzeen und Gymnasien sich befinden, sollen Religionsschulen [scholae religionis] zum Unterricht der Jugend in den Glaubenswahrheiten und in der christlichen Lebensführung gegründet werden, soweit in den öffentlichen Schulen, welche die Jugend besucht, die Gegenstände der Religion keine Berücksichtigung finden.

 VI. Da aber, besonders bei der gegenwärtigen misslichen Zeitlage, das reifere Alter der religiösen Unterweisung nicht weniger bedarf als die Jugend, sollen alle Pfarrer und sonstigen Seelsorger außer der üblichen Homilie über das Evangelium, die an allen Gott geweihten Tagen mit der Pfarrmesse zu verbinden ist, zu einer für den Besuch von Seiten des Volkes am günstigsten gelegenen Stunde, die aber nicht mit der Stunde der Jugendkatechese zusammenfallen darf, in leichtverständlicher und volkstümlicher Sprache eine Katechese für die Gläubigen halten. Dabei ist der vom Tridentiner Konzil verordnete Katechismus zu gebrauchen, und zwar dergestalt, dass sie in einem Zeitraum von vier bis fünf Jahren den ganzen Inhalt desselben durchnehmen, der das Glaubensbekenntnis, die Sakramente, die Zehn Gebote Gottes, das Gebet und die Kirchengebote umfasst.

So weit die Anweisungen des Papstes.

Die Enzyklika „Acerbo nimis“ bleibt die Richtschnur für den Glaubensunterricht. Sie ist der Referenzpunkt, an dem sich jede katechetische Seelsorge messen lassen muss. Da der schulische und pfarrliche Katechismus heute „unter die Räuber“ (d. i. die Modernisten) gefallen ist, ist die Rückkehr zu den Mahnungen des heiligen Papstes wohl ohne Alternative.