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40 Jahre französischer Distrikt. Interview

17. Januar, 2017

40 Jahre französischer Distrikt

Ein Gespräch mit Pater Christian Bouchacourt

 

Am 15. August 1976 wurde der französische Distrikt der Priesterbruderschaft St. Pius X. gegründet. Dem jetzigen Distriktoberen Pater Christian Bouchacourt wurden zu diesem Jubiläum von der Zeitschrift Fideliter einige Fragen gestellt, die hier für die Leser des Mitteilungsblattes übersetzt wurden.

Diesen Distrikt gibt es nun seit 40 Jahren. Welche Gedanken gehen Ihnen da zuerst durch den Kopf?

Da ist zunächst einmal eine große Dankbarkeit für den Anstoß, den unser Gründer, Erzbischof Marcel Lefebvre, im „heißen“ Sommer 1976 gegeben hat, und für die Messe in Lille ... Von dort ist alles ausgegangen. Wir danken Gott für die Priesterbruderschaft, die sich in der Folge immer mehr verfestigt hat in einer Welt, die immer mehr entchristlicht wird und immer mehr vom Glauben abfällt. Wir danken dem Himmel auch für alle Gnaden, die er während dieser vier Jahrzehnte über uns ausgegossen hat.

Ohne alle die, welche vor uns da waren, wäre nichts möglich gewesen, ohne die befreundeten Priester, ohne die Laienvereinigungen. Ganz besonders darf man jene Priester nicht vergessen, die während des II. Vatikanischen Konzils und während des Wütens des Modernismus überall in Frankreich enorm gelitten haben. Hier und da haben Priester und Gläubige die Tradition zunächst lokal aufrechterhalten. Dann kam die Priesterbruderschaft, und dank ihnen fand sie günstige Bedingungen vor, sie unterstützten sie. Aus diesen Familien sind zahlreiche Berufungen hervorgegangen.

 

Welches waren die größten Fortschritte in diesen 40 Jahren des Apostolats?

Ich würde sagen: die Durchdringung des traditionellen Katholizismus in Frankreich durch so etwas wie die Kapillarwirkung. Tatsächlich war das Gefüge, das Netz zwischen den Christen mit dem Konzil zerrissen. Durch die Tradition wächst es langsam wieder zusammen.

Das Schöne ist, dass es vor allem Familien sind. Die Eltern nehmen gerne die Kinder an, die der liebe Gott ihnen schenkt. Sie bringen große Opfer für die Erziehung ihrer Kinder. Nach und nach entstehen wieder echte katholische Familien, aus denen dann wiederum neue Familien hervorgehen – und auch Ordens- und Priesterberufungen. Die Eltern nehmen den Kampf ihrer Vorfahren wieder auf.

Die Erneuerung kommt in starkem Maße auch aus den Schulen: aus den Schulen der Priesterbruderschaft St. Pius X., aus den Einrichtungen der unterrichtenden Dominikanerinnen (Kongregationen von Brignoles und Fanjeaux) usw., die ganz einfach unerlässlich sind für den Wiederaufbau der Christenheit, für das Schaffen einer kleinen katholischen Elite – im Einklang mit den Eltern –, die sich daran macht, durch ihr Wirken in der Berufswelt in die Gesellschaft auszustrahlen, als Handwerker, Arbeiter, in verschiedenen Berufen. Die Schulen sind das „Noviziat des Christentums“, sagte Adrien Bourdoise (1584–1655), der Gründer des Seminars von Saint-Nicolas-du-Chardonnet in Paris.

Genau das bedeutet der Wiederaufbau durch die Kapillarwirkung. Diese kleinen Lichter leuchten in der Dunkelheit, sie geben der Hoffnung neues Leben. Natürlich ist der Distrikt auch durch Prüfungen gegangen, auch die Kirche erlebt ja Stürme, die bis dahin unbekannt waren, und weil wir Teil der Kirche sind, stehen wir auch mitten im Sturm. Zu diesen Prüfungen gehört zum Beispiel auch der Schmerz über den Abgang gewisser Mitbrüder. Wenn der Weg über einen Gebirgskamm geht, rutschen einige nach links und einige nach rechts ab. Und wir denken natürlich an alle Mitglieder der Priesterbruderschaft, die verstorben sind, und wir beten für sie.

Die Geschichte der Priesterbruderschaft ist wie ein Rosenkranz aus Prüfungen, und das gilt auch für den französischen Distrikt. Aber aus allem Leid ist unsere Gemeinschaft immer wieder gestärkt hervorgegangen.

 

Welches ist die der Priesterbruderschaft St. Pius X. eigene Aufgabe?

Schon lange vor dem Ausbruch der Kirchenkrise wollte Erzbischof Lefebvre ein Werk für die Ausbildung und Heiligung der Priester gründen. Als Messe und Priestertum nach dem II. Vatikanischen Konzil in Gefahr gerieten, war das für ihn der Anlass, dieses Werk zur Aufrechterhaltung des traditionellen Priestertums und der traditionellen Messe zu gründen.

Man kann also sagen, dass die Priesterbruderschaft wegen der Krise entstanden ist, aber nicht in erster Linie mit dem Ziel, sich dieser Krise entgegenzustellen. Ihr wesentliches Ziel ist die Heiligung des Priestertums. Da jedoch diese Heiligung durch die schädlichen Einflüsse nach dem Konzil verhindert wurde und auch wegen schlechter Neuerungen fand sich dann der Widerstand gegen den Modernismus mitten im Herzen der Priesterbruderschaft, und dort ist er auch heute noch.

Die Seminare der Diözesen leeren sich. Daran sieht man, dass das Konzil die Kirche zutiefst getroffen hat. In unsere Ausbildungsstätten jedoch treten nach wie vor Berufungen ein. Es ist ein „Wunder“ der Gnade, dass diese jungen Leute eine Welt wie die unsere verlassen, um sich so ganz Gott zu schenken. Dafür muss man dankbar sein. Aus der Heiligung der Priester ergibt sich die Stärke der Seelen, die zu ihnen kommen, und die Bedeutung unseres Landes.

In der Priesterbruderschaft St. Pius X. unterstehen die Seminare nicht dem Distriktoberen des Landes, in dem sie sich befinden. Sie sind international und unterstehen dem Generalhaus. Viele unserer Seminaristen in unserem Seminar „Hl. Pfarrer von Ars“ in Flavigny-sur-Ozerain sind jedoch Franzosen. Für einen französischen Distriktoberen ist Flavigny wie „sein Augapfel“. So war es auch in Argentinien, wo ich zuvor Distriktoberer war: es gab das Seminar „Maria Miterlöserin“ in La Reja, nahe Buenos Aires, und als Distriktoberer lag es mir aus eben diesen Gründen sehr am Herzen. Ein Seminar ist für einen Distrikt immer ein Zeichen der Hoffnung.

 

Hat dieser Distrikt innerhalb der Priesterbruderschaft einen besonderen Charakter?

Kein Distrikt gleicht dem anderen. Chlodwig wurde vom hl. Remigius getauft. Frankreich hat in der Kirche einen besonderen Charakter und eine besondere Aufgabe: es ist ihre „älteste Tochter“. So hat also auch der Distrikt einen besonderen Charakter. Das fängt damit an, dass der Widerstand gegen die Reformen von Frankreich ausgegangen ist. Und auch unser Gründer war Franzose. Viele der ersten Priester der Priesterbruderschaft sind Franzosen. Und in Frankreich war die Reaktion gegen das II. Vatikanische Konzil am stärksten und am kräftigsten.

Ja, es stimmt, dass man im Ausland, zum Beispiel in Südamerika, sehr auf das Leben der Tradition in Frankreich schaut, man interessiert sich für das, was dort geschieht und was von dort ausgeht.

 

Können Sie den Distrikt mit einigen Worten beschreiben?

Der Distrikt ist so etwas wie ein wunderbares großes Schiff auf hoher See, das Seelen für Gott gewinnt. Leidenschaftliche Soldaten arbeiten auf der Brücke des Schiffes. Es zählt ungefähr 160 Priester und mehr als 30 Brüder. Unsere Brüder sind Helfer der Priester und arbeiten mit einer bewundernswerten Großherzigkeit. Auch hat der Distrikt 15 Oblaten, die uns Priestern in bescheidener Zurückhaltung helfen. Und dann gibt es die ungefähr 600 Mitglieder des Dritten Ordens. Diese Gläubigen leben in der Welt, aber sie beten für uns Priester, opfern ihr Leben und ihre Standespflichten auf für die Heiligung ihrer Hirten. Sie haben Anteil an den geistlichen Gütern unserer Familie.

Die Schwestern der Priesterbruderschaft arbeiten in unseren Prioraten, Schulen, allgemein in unseren Niederlassungen. Diese Kongregation ist für unsere Priester eine wunderbare Unterstützung. Sie sind so etwas wie die Seele unserer Niederlassungen, sie beten für uns, haben Anteil an unserem Apostolat und unterstützen uns auch bei den materiellen Aufgaben.

Von den religiösen Gemeinschaften, die nicht zur Priesterbruderschaft gehören, die aber mit uns befreundet sind, möchte ich insbesondere die kontemplativen oder halb kontemplativen Gemeinschaften nennen. Sie spielen eine sehr große Rolle, wenn auch eher im Verborgenen. Überall wo Erzbischof Lefebvre „normaler“ Bischof war, rief er kontemplative Gemeinschaften in seine Diözese, damit sie auf diese Diözesen Gnaden herabrufen sollten. Ich nenne hier die Karmelitinnen, die Klarissen, die kontemplativen Dominikanerinnen, die Benediktinerinnen und auch die Franziskanerinnen von Le Trévoux; hoffentlich habe ich niemanden ausgelassen.

Es gibt noch andere Gemeinschaften, die ich hier nicht nenne: tätige weibliche Gemeinschaften wie die unterrichtenden Dominikanerinnen, die Schwestern des hl. Johannes des Täufers, genannt „Schwestern von Rafflay“, die Ordensfrauen von Mérigny (Schwestern der Verklärung), dann die männlichen Gemeinschaften, die in dieselbe Richtung schauen wie wir, in Morgon (Kapuziner), Bellaigue (Benediktiner), Mérigny (Brüder von der Verklärung), Caussade (Mitarbeiter des Christkönigs), und alle die, an die ich jetzt möglicherweise nicht gedacht habe.

 

Gibt es auch Werke für die Gläubigen?

Genau. Man darf die vielfältigen apostolischen Werke nicht vergessen, die sich im Distrikt immer weiter entwickeln (Eucharistischer Kreuzzug, Pfadfinder, Katholische Jugendbewegung MJCF, Bruderschaften, Vinzenzkonferenz, Militia Mariae, Militia Immaculatae...).

Man sollte auch die großen jährlichen Treffen unseres Distrikts erwähnen. Sie sind Gelegenheiten für das Apostolat, aber sie legen auch Zeugnis ab für die Vitalität dieses Netzes, das sich nach und nach wieder neu aufbaut. Die Wallfahrt von Chartres nach Paris zum Beispiel ist wirklich eine Opfer-Wallfahrt, und dadurch hat der Himmel unserem Distrikt viele Gnaden gewährt. Die Wallfahrt nach Lourdes ist eine Wallfahrt voller Inbrunst, und die Kranken, die Familien strömen zur Muttergottes, welche die Wunden unserer Herzen heilt. Die Sommerakademie bildet den Verstand und stärkt den Willen, apostolische Seelen auszubilden und wieder Gelände zurückzugewinnen.

Insgesamt ist das eine kleine Christenheit, die sich wieder neu aufbaut.

 

Ist das auch ein materieller Wiederaufbau?

Dank der Großzügigkeit der traditionellen Katholiken bekam die Priesterbruderschaft die Mittel, sich auszubreiten und das Erreichte zu vermehren. Heute gibt es in Frankreich 36 Priorate, 34 Schulen, 13 Seelsorgestellen in Ordenshäusern, 5 Exerzitienhäuser, ein universitäres Institut und ein Altenheim, Brémien-Notre-Dame.

Früher wurden die Kirchen und Pfarreien dank der Großherzigkeit der Katholiken errichtet. Heute ist das wieder so. Alles wurde dank der Vorsehung aufgebaut und dank der Großherzigkeit der Gläubigen. Manchmal bleiben die Wohltäter anonym.

 

Herr Pater, seit zweieinhalb Jahren sind Sie Distriktoberer. Welche Gedanken haben Sie, wenn Sie zurückschauen?

Der Distriktobere ist wie ein Pfarrer für seine Priester. Seine Hauptaufgabe ist es also, sich um sie zu kümmern. Von der Qualität seiner Priester hängt die Heiligkeit der Gläubigen ab, die ihnen anvertraut sind. Und das ist mein Hauptanliegen.

Ich habe großen Respekt vor der Hingabe meiner Mitbrüder. Sie geben sich ganz für den Dienst an den Seelen hin, ziehen durch ganz Frankreich, um das Reich Christi auszubreiten. Der Distrikt, das sind die Priester, die Brüder, die Oblaten und die Gläubigen, die in unsere Messzentren kommen. Die meisten sind Franzosen.

Caesar sagte über die Gallier, dass sie ihre Zeit damit verbrachten, sich gegenseitig zu bekämpfen. Zweitausend Jahre später ist das Volk dasselbe geblieben, was das angeht. Der Franzose ist Gallier geblieben: fordernd, schimpfend, kampflustig.

Manchmal geht es in unserem von Gott so begnadeten Land in alle Richtungen auseinander. Msgr. Richard Williamson hat das in einem für ihn typischen Satz ausgedrückt: Die Franzosen sind „unerträglich, aber unentbehrlich“!

Ein so begabtes und kämpferisches Volk ist sicherlich ein Reichtum, aber einem Oberen, der alle diese Energien im Dienst unseres Herrn kanalisieren muss, läuft es manchmal kalt den Rücken hinunter.

 

Wenn man nun den Blick auf die Kirche in Frankreich ganz allgemein ausweitet – welche Feststellungen ergeben sich für die Gegenwart, und welche Aussichten ergeben sich für die Zukunft?

Die Kirche in Frankreich ist ganz objektiv bankrott. Pfarreien werden geschlossen oder zusammengelegt. Kirchen verfallen, einige wurden zerstört, andere zu Wohnhäusern umgebaut. Auch Klöster stehen zum Verkauf.

Es entsteht eine gewisse Leere. Davon profitiert der Islam, er erwacht, entwickelt sich und füllt die Leere aus. Es ist aber die Lauheit der Christen, die dem Islam den Weg bereitet, es ist der Rückzug der Katholiken, die Unmoral, die sich überall ausbreitet, der Glaubensabfall der Gesellschaft. Als typische Zeichen dieses Glaubensabfalls sehe ich die todbringenden Gesetze des Staates: Abtreibung, Scheidung, widernatürliche Ehen ... Das Dramatische daran ist, dass die kirchlichen Autoritäten schweigen. Das ist ein elitefreies Notstandsgebiet, in dem es keine Führung mehr gibt.

Die Rolle der Priesterbruderschaft in diesem Zusammenhang ist diejenige des Senfkorns im Evangelium. Unsere Häuser müssen kleine Senfkörner sein, welche ihr Leben aus der Messe haben (sie ist in hervorragender Weise apostolisch) und versuchen, das wiederaufzubauen, was zerstört wurde; Brückenköpfe des Widerstandes, aber auch der Rückeroberung. Die Hoffnung ist, dass der liebe Gott dank dieser langsamen Rückeroberung eines Tages aus den Reihen seiner Gläubigen Seelen erweckt, die fähig sind, die Situation wieder in Ordnung zu bringen: Priester, Ordensleute, katholische Führungskräfte.

 

Wollen Sie ein Wort zu den anstehenden Präsidentenwahlen sagen?

Es gibt, wie immer, viele Kandidaten für diesen Posten. Jedoch – egal, auf welcher „politischen Seite“ er steht: ein Kandidat, der nicht gegen die höchst ungerechten Gesetze über die Abtreibung, die widernatürliche Verbindung usw. vorgehen will, ist zum Scheitern verurteilt. Diese Gesetze nämlich ziehen Unheil auf unser Land. Es bleibt zu hoffen, dass eines Tages ein Staatsmann diesen Weg einschlägt. Unmöglich ist das nicht, auch wenn es, menschlich gesehen, schwierig ist.

Es bleibt die Hoffnung, dass eines Tages die Autorität in Frankreich wiederaufgerichtet wird. Eine Restauration der politischen Autorität aber bleibt illusorisch, wenn sie nicht mit der Gesundung der Kirche einhergeht, und die Kirche kann nur gesunden durch die Tradition. Die Phrasendrescherei unserer Bischöfe geht unter in der Phrasendrescherei der Politiker. Sie sind nicht mehr wahrnehmbar. Welche Verantwortung!

 

Was meinen Sie: wie sieht die Zukunft aus, und welche Ratschläge können Sie geben?

Die große Versuchung ist es heute, den Mut zu verlieren: „Wozu das alles?“, „Es ist sowieso alles verloren“! Diese Versuchung ist unser schlimmster Feind. Wir dürfen die Arme nicht sinken lassen. Mit der Hilfe Gottes ist alles möglich, wir können dann auch sagen: „Yes, we can“, „Ja, wir schaffen das“, und dieses Mal für das Gute.

Unser Schutzherr, unser Vater, der im Himmel ist, er ist allmächtig. Er wacht über seine Kinder. Wenn wir unsere Arbeit tun, dann wird er sich unser bedienen, um sein Reich auszubreiten.

Ich bitte die Gläubigen, einig hinter ihren Priestern zu stehen, sie zu unterstützen. Und sie müssen sich auch weiterbilden. Die Zeitschrift Fideliter und der Verlag Clovis sind ausgezeichnete Mittel dazu. Es ist auch wichtig, unsere „Fenster“ bekannt zu machen, also die Internetseiten DICI und LPL.

Wann wird die Krise, welche die Kirche erschüttert, an ihr Ende kommen? Wir wissen das nicht. Aber das ist nicht wichtig. Wir wollen arbeiten, wir wollen bereit sein, die Füße auf der Erde und den Kopf am Himmel. Wir wollen zusammen mit unseren Kindern um Berufungen beten. Dann wird unsere kleine Armee mit der Gnade Gottes und der Hilfe Unserer Lieben Frau siegreich sein.

Pater Christian Bochacourt, Distriktoberer des französischen Distrikts der Priesterbruderschaft St. Pius X., im Gespräch mit Pater Philippe Toulza für „Fideliter“ Nr. 234 (Nov./Dez. 2016).

Quelle: La Porte Latine. Offizielle Website des französischen Distrikts der FSSPX.