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100 Jahre Oktoberrevolution – Die Folgen sind höchst lebendig

28. Oktober, 2017

Das Jahr 1917 markiert nicht nur das Jubiläumsjahr der Erscheinungen von Fatima, sondern auch den 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland.

Die Gottesmutter warnte, Russland werde seine Irrtümer über die ganze Welt verbreiten. Das Civitas-Institut veranstaltete im vergangenen Mai eine Tagung zum Fortleben des Marxismus heute. Die MB führte dazu ein kurzes Interview mit dem Sekretär dieser Laieninitiative zur Förderung der katholischen Soziallehre, dem Philosophen Dr. Rafael Hüntelmann.

MB: Es ist merkwürdig: Die Oktoberrevolution in Russland, diese große Entfesselung des Kommunismus auf der Welt, fand im November 1917 statt.

Dr. Hüntelmann: Da Russland sich niemals der päpstlichen Kalenderreform von Gregor XIII. (1582) unterworfen hatte und noch dem julianischen Kalender folgte, war es im Zarenstaat zwar der 25. Oktober, in der übrigen Welt aber der 7. November 1917.

Lenin war im Frühjahr 1917 mit deutschem Geld und deutscher Unterstützung aus der Schweiz nach Russland geschleust worden. Dadurch sollte der zaristische Gegner des Reiches geschwächt werden. Die Bolschewiki kamen per Staatsstreich an die Macht, und in der Folge wird die Sowjetunion gegründet. Dabei hatten sie nur eine relativ kleine Machtbasis in der Bevölkerung. Nur wenige Kräfte reichten, um die Regierungsgewalt zu übernehmen.

Aber sie hatten den Glauben an den Sieg der von Karl Marx fünfzig Jahre vorher in seinem Kommunistischen Manifest beschworenen Weltrevolution.

Der folgende Bürgerkrieg von 1917 bis 1921 kostete über 8 Millionen Menschen das Leben.

Daraus wurden später 100 Millionen Opfer. Der Gulag, der Holocaust in der Ukraine, die ungeheuren Verbrechen Maos, die Greuel der spanischen Kirchenverfolgung, all die Satelliten-Regime von Albanien über Kambodscha und Nordkorea bis Kuba. In Europa stand der Kommunismus noch 1989 auf der Linie Lübeck-Triest. Deutschland war geteilt. Die Kirche hat in Südamerika Massen verloren an diesen „Ideen-Import“ aus Europa.

MB: Der Kommunismus ist eine Ideologie mit Millionen Toten. Und immer noch wird an dem Mythos gearbeitet, diese „paradiesische Lehre“ sei nur falsch verstanden worden und könne nichts für Hekatomben von Opfern, die er gefordert hat.

Dr. Hüntelmann: Ich war selbst in den Post-1968er-Jahren aktiver Kommunist und Parteikader, war aktiv in verschiedenen Splittergruppen und linken Zirkeln. Durch die Gnade Gottes bin ich diesem Irrweg entkommen. Heute schämt man sich, dass man auf eine solche Geistesverwirrung hereingefallen ist. Es macht mir Sorgen, dass der Kommunismus bei jungen Leuten so viele Anhänger hat. Wie viele Tragen z.B. Che-Guevara-Embleme, ohne auch nur zu wissen, mit welchem Verbrecher sie sich da schmücken.

Von Obama bis in höchste kirchliche Kreise, von Attac bis Occupy Wall Street wird eine Rhetorik gepflegt, die zeigt, dass der Kommunismus lebendig ist – vielleicht ohne den „Jargon“ der Vergangenheit und frei von Assoziationen mit Stalin, aber höchst lebendig ist er in den Köpfen.

Wer schon mal am Marsch für das Leben in Berlin, Zürich oder Wien teilgenommen hat, wird das Grölen der Stadtproleten noch in Ohren haben: „Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!“ Eigentlich müsste es in jeder Stadt Denkmäler für die Opfer des Kommunismus geben.

MB: Der Marxismus hat eine große Wandlungsfähigkeit.

Dr. Hüntelmann: Ich spreche gerne in Vorlesungen von „Verpuppungen“ oder „Mutationen“. Nach dem I. Weltkrieg hat die sog. „Frankfurter Schule“, aber auch Bewegungen wie der Gramscismus oder der Trotzkismus die Ideologie fortgeschrieben, weil die „unterdrückte Klasse“ doch nicht so einfach zur Weltrevolution schreiten wollte. So erfand man immer neue Ideen und „Klassenunterschiede“. Es führt eine direkte Linie von Marx zum Feminismus, zur Genderideologie und zur Umwertung aller Werte. Im angelsächsischen Raum spricht man deshalb von „Cultural Marxism“. Ein Begriff, der diskutiert werden kann. Schon bei Engels ist die Familie die Ursache für den mangelnden Fortschritt des Kommunismus, der Hort des Konservatismus, der beseitigt werden muss.

MB: Was ist der Kommunismus in seinem Wesen?

Dr. Hüntelmann: Lesen Sie das klassische Lehrschreiben dazu, die Enzyklika Divini Redemptoris von Pius XI. gegen den atheistischen Kommunismus aus dem Jahr 1937.

Es ist eine der großen Wunden des heutigen kirchlichen Lebens, dass das II. Vatikanum die von nicht wenigen Konzilsvätern geforderte Verurteilung des Kommunismus der „Ostpolitik“ und dem „Ökumenismus“ geopfert hat.

Der Kommunismus ist das „non serviam“ des bösen Feindes. Er ist die alte Schlange, die das Böse gut und das Gute böse nennt, er ist der Geist der Häresie, der Naturalismus der Renaissance, die Revolte der Reformation gegen das Dogma, die Erhebung gegen jede Autorität in der Revolution, die Relativierung der Wahrheit durch die Freimaurerei.

Der Kommunismus ist die Substanz all dieser Systeme. Er ist der organisierte Naturalismus.

Der Materialismus löst sich von jeder Schöpfungsordnung, die dem Marxismus zugrundeliegende Dialektik zerstört die natürliche Vernunft. Die Entzweiung (der Klassen, der Geschlechter, Mann und Frau, der Familie etc.) tritt an die Stelle der caritas

MB: Die kommunistische Ideologie hat in nur wenigen Jahren die ganze Welt „erobert“.  Was kann man tun?

Dr. Hüntelmann: Übernatürlich: die Russlandweihe. Wenn die Macht des Bösen zu groß wird, gibt der Himmel ein Mittel. Maria hat allen Irrlehren den Kopf zertreten. So wird es auch in Zukunft sein.

Die Antwort auf den Kommunismus – auch den Kulturmarxismus – kann nicht eine Art Anti-Kommunismus sein, der die naturalistischen revolutionären Methoden übernimmt. Wir müssen auch in den Methoden antirevolutionär sein. Wir müssen zuerst die übernatürlichen Hilfsmittel anwenden.

Gegen den Geist der Masse müssen wir die Erleuchtung der Einzelseele voranbringen.

Gegen den Neid müssen wir die Nächstenliebe setzen.

Gegen die leere Freiheit die Unterwerfung unter die Wahrheit.

Drei „Gegengifte“ kann man vorschlagen:

- Die integrale katholische Soziallehre – nicht deren Verwässerungen. Studieren Sie die grundsätzlichen Probleme der sozialen Beziehungen im Licht der päpstlichen Enzykliken.

- Das Leben der Tugend und den konstruktiven Aufbau der von Gott gewollten Vergemeinschaftungen: Ehe, Familie, Kirche und staatliches Gemeinwesen.

- Eine persönliche Beziehung zum Herrn und die Erlangung tiefer Überzeugungen von den Wahrheiten, die der Katechismus lehrt. Ich glaube, dass die Ignatianischen Exerzitien ein Heilmittel sind, das der Himmel für die Neuzeit gegeben hat. Wie der Rosenkranz.