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„Es schien ihm jedoch, dass man seinen geistigen Reichtum vergessen habe ...“

31. Oktober, 2017

Buchempfehlung

„Es schien ihm jedoch, dass man seinen geistigen Reichtum vergessen habe ...“

Erzbischof Marcel Lefebvre und der sel. Dom Marmion

In der Biographie des verehrten Gründers der Bruderschaft aus der Feder von Msgr. Bernard Tissier de Mallerais lesen wir:

«Nachdem er [Marcel Lefebvre als frisch geweihter Diakon] am 22. Juni 1929 seine Prüfung für das Lizentiat der Theologie bestanden hatte, wurde er, wie einige Mitbrüder, von den Patres in Santa Chiara [dem Päpstlichen Französischen Seminar in Rom] ermutigt, seine Studien mit dem Doktorat in Theologie zu krönen. ... Im Ordinariat zu Lille [seinem Heimatbistum] wurde folgendermaßen entschieden. Er würde von seinem Bischof [Msgr. Achille Liénart] geweiht werden, bevor er für ein weiteres Jahr nach Rom zurückkehrte. [...] Marcel Lefebvre verfügte über den ganzen Sommer [1929], um sich auf die Priesterweihe vorzubereiten. Ohne dazu verpflichtet zu sein, machte er Exerzitien in einem seiner geliebten Benediktinerklöster, der Abtei Maredsous [Belgien], wo er seinen seelischen Durst mit der Lehre des berühmten Abtes, Dom Marmion [1858–1923], stillen wollte. Dieser war erst sechs Jahre zuvor im Rufe der Heiligkeit gestorben. Es schien ihm jedoch, dass man seinen geistigen Reichtum vergessen habe. Mit Dom Marmion ... nahm er sich fest vor, in der kontemplativen Vereinigung mit dem Kreuzesopfer die Quelle der Fruchtbarkeit seines zukünftigen Apostolates zu suchen.»

 

Gerade hat der Patrimonium-Verlag (in der Abtei Mariawald/Eifel) das Buch Christus in seinen Geheimnissen des seligen Columba Marmion neu aufgelegt. Das französische Original erschien 1921 unter dem Titel Le Christ dans ses mystères: conférences spirituelles liturgiques, die deutsche Übersetzung von Äbtissin Benedicta v. Spiegel OSB (St. Walburga, Eichstätt) im Jahr 1931. Sie schreibt in ihrer Einleitung zu dem Werk von Dom Marmion:

 

Marmion entwickelt hier seine tiefen Gedanken über die Person und das Werk Jesu Christi – und das ist das Eigenartige dieser Schrift – in einem wundervollen Anschluss an den Gang des Kirchenjahres.

Er zeigt, wie der Sohn Gottes im Umlauf eines Jahres sein Leben und Werk gleichsam nochmals wiederholt, wie er Mensch wird gleich uns, um uns Anteil zu geben an seiner Gotteskindschaft, um in uns, die wir durch die Gnade ihm geeint sind, die Weiterführung seiner Geheimnisse zu bewirken und uns dadurch zu lebendigen Abbildern seiner selbst zu gestalten. Nach dem Worte Augustins: ‹Schließet euch an Christus an, nach dem, was er ist, und nach dem, was er war. Er ist als der Einzige geboren und wollte nicht einer bleiben ... Gott sandte ihn, diesen Einzigen, den er gezeugt und durch den er alles erschaffen hatte, in diese Welt, damit er nicht allein wäre, sondern an Kindes statt angenommene Brüder hätte ... Wir sollen ihn besitzen und er soll uns besitzen; er soll uns besitzen als Herr, wir sollen ihn besitzen als unser Heil, wir sollen ihn besitzen als unser Licht› (In Joan. Tract. II.).

Wer in diesem Sinne die Reihe der Geheimnisse Christi betrachtet und mitfeiert, so wie der Verlauf des Kirchenjahres sie darbietet, dessen Leben wird sich im schönsten Sinne christozentrisch gestalten.

Ist aber dieses nicht erste Voraussetzung für all jene, die den Damm bauen wollen gegen die Entchristlichung unserer Zeit?»

 

Mit Erlaubnis des Verlages darf hier eine kurze Betrachtung von Dom Marmion zu dem Thema der Heiligenverehrung, passend zum 1. November, den Lesern des MB vorgelegt werden:

 

«Wir sollen wir die Feste der Heiligen mit wahrer Herzensfreude und Andacht begehen. Wer die Heiligen ehrt, bekennt damit, dass sie die Verwirklichung eines göttlichen Gedankens sind, die Meisterwerke der Gnade Jesu Christi. Gott hat an ihnen sein Wohlgefallen, weil sie die schon verherrlichten Glieder seines geliebten Sohnes sind. Sie gehören bereits jenem strahlenden Reiche an, das der Sohn zur Verherrlichung des Vaters erworben hat. ‹Du hast aus ihnen unserem Gott ein Reich bereitet› (Offb 5,16).

Sodann sollen wir die Heiligen anrufen. Allerdings ist der Heiland, Jesus Christus, unser einziger Mittler; denn es gibt nur ‹e i n e n Gott und e i n e n Mittler zwischen Gott und den Menschen›, sagt der hl. Paulus (1. Tim 2,5). Nur durch ihn haben wir Zutritt zum Vater. Der Heiland aber will, nicht um seine Mittlerschaft zu schmälern, sondern um sie zu erweitern, dass die Fürsten des himmlischen Hofes ihm unsere Bitten darbringen, die er selbst dann seinem Vater vorträgt.

Auch wünschen die Heiligen aufs sehnlichste unser Heil. Im Himmel schauen sie Gott, und ihr Wille ist auf unaussprechliche Weise eins mit dem Willen Gottes; darum wollen sie gleich ihm unsere Heiligung. – Auch bilden sie ja mit uns nur einen mystischen Leib. Sie sind nach den Worten des hl. Paulus ‹Glieder unserer Glieder› (vgl. 1. Kor 12,12ff.; Eph 4,25: 5,30) und umfangen uns mit jener unendlichen Liebe, die ihnen zuströmt aus der Vereinigung mit Christus, dem alleinigen Haupt dieser geheimnisvollen Gemeinschaft, deren auserlesene Blüten sie sind und in welcher Gott auch uns einen Platz bestimmt hat. Zu diesen Beziehungen des Gebets und der Huldigung, die uns mit den Heiligen verbinden, muss sich das Bestreben gesellen, ihnen ähnlich zu werden. Unser Herz muss erfüllt sein nicht von jenen schwächlichen Willensanwandlungen, die nie zum Ziele führen, sondern

von einem festen und ehrlichen Verlangen nach Vollkommenheit und einem entschlossenen Willen, ganz und vollkommen den hl. Absichten der Barmherzigkeit Gottes und unserer Auserwählung nachzukommen. ‹Ein jeder in dem Maße, in dem Christus seine Gaben austeilt› (Eph 4,7).

Was aber müssen wir tun, welche Mittel sollen wir anwenden, um ein solch herrliches Werk zu vollbringen, das Christus zum Ruhme und uns zum Heile ist? Wir müssen mit Jesus Christus vereinigt bleiben! Das hat er ja selbst gesagt: Ihr wollt viele Frucht bringen, wollt zu großer Heiligkeit gelangen? Nun, ‹so bleibt in mir›, gleichwie ‹die Rebzweige dem Weinstock eng vereint sind› (Joh 15,5). Bleiben wir in Christus zunächst durch die heiligmachende Gnade, die uns zu lebendigen Gliedern Christi macht, dann durch jene oft erneute gute Meinung, dass wir in allem und überall, wohin die göttliche Vorsehung uns führt, das Wohlgefallen des himmlischen Vaters suchen!

Durch diese Meinung wird all unser Tun und Handeln auf die Verherrlichung Gottes gerichtet im Verein mit den heiligsten Gedanken, Gesinnungen und Wünschen des göttlichen Herzens Jesu, unseres Vorbildes und unseres Hauptes, das gesagt hat: ‹Ich tue allezeit, was ihm wohlgefällt› (Joh 8,29). Dieses Wort, in welchem der Heiland sein ganzes Verhältnis zum Vater ausdrückt, bezeichnet den ganzen Sinn und Inhalt aller menschlichen Heiligkeit.

Aber unser Elend, unsere Armseligkeiten? So könnte man einwenden. Sie dürfen uns nicht mutlos machen. Wohl sind sie wirklich vorhanden. Unsere Schwächen und Gebrechlichkeiten sind greifbar, und wir kennen sie nur zu gut. Gott aber kennt sie noch viel besser als wir selbst. Das demütige, überzeugte Eingeständnis unserer Armseligkeit ehrt ihn sogar; denn es besteht in Gott eine Vollkommenheit, in welcher er in alle Ewigkeit verherrlicht sein will, eine Vollkommenheit, die vielleicht der Schlüssel ist zu allen Geschehnissen auf Erden, und das ist die Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist Liebe, die sich dem Elend zuwendet. Gäbe es kein Elend, dann gäbe es auch keine Barmherzigkeit. Die Engel verkünden Gottes Heiligkeit. Wir hingegen werden im Himmel die lebendigen Beweise der göttlichen Barmherzigkeit sein. Wenn Gott unsere Werke belohnt, so krönt er damit das Werk seiner eigenen Barmherzigkeit: ‹Er krönt dich mit Gnade und Erbarmungen› (Ps 102,4). Sie ist es, die wir dereinst am Ziele unserer Glückseligkeit in alle Ewigkeit preisen werden; ‹denn seine Barmherzigkeit währt ewig› (Ps 135,1ff.).

Lassen wir uns auch nicht niederdrücken durch Prüfungen und Widerwärtigkeiten! Je mehr Gott uns erhöhen will, umso größer und schwerer werden unsere Kämpfe sein. Das ist so göttliche Anordnung. Und warum das? Weil dieses der Weg ist, den auch Jesus gehen musste. Je inniger wir mit ihm vereinigt sein wollen, umso mehr müssen wir ihm ähnlich werden in seinem tiefsten und größten Geheimnis. Der hl. Paulus führt bekanntlich das ganze geistliche Leben auf die praktische Erkenntnis Jesu, und zwar ‹Jesu des Gekreuzigten›, zurück (1. Kor 2,2). Und der Heiland selbst sagt uns, dass sein Vater, der himmlische Weingärtner, jede Rebe reinigt, die Frucht bringt, ‹damit sie noch mehr Frucht bringe› (Joh 15,2). Gottes reinigende Hand ist allgewaltig und dringt in Tiefen, die nur die Heiligen kennen. Er lässt Prüfungen zu, schickt Widerwärtigkeiten und überlässt manche Seelen solch furchtbaren, innerlichen Verlassenheiten und Trostlosigkeiten, einzig zu dem Zwecke, um sie loszulösen von den Geschöpfen. Er durchwühlt sie bis in ihre Tiefen, um sie aus sich selbst herauszuführen. Er verfolgt sie, um sie zu besitzen. Er dringt hinein bis in das Mark der Seele. ‹Er zerschlägt das Gebein›, wie Bossuet sagt, ‹auf dass er allein herrsche›.

Glücklich die Seele, die sich den Händen des ewigen Werkmeisters überlässt! Durch seinen Geist, der ganz Feuer und Liebe ist, durch diesen ‹Finger Gottes› meißelt der göttliche Künstler die Züge Christi in diese Seele hinein, auf dass sie ähnlich sei dem Bilde des Sohnes seiner Liebe nach den unergründlichen Plänen seiner Weisheit und Güte.

Gott setzt seine Ehre darein, uns zu beseligen. Alle Leiden, die er zulässt oder schickt, sind ebenso viele Pfandscheine auf die ewige Herrlichkeit und die himmlische Seligkeit. Der hl. Paulus erklärt sich außerstande, die Herrlichkeit der Glorie und die Tiefe der Glückseligkeit zu schildern, die einst die geringsten mit Hilfe der Gnade Gottes ertragenen Leiden belohnen sollen.

Darum auch hat der hl. Paulus die Gläubigen immer wieder ermutigt. ‹Schaut nur an›, so sagte er, ‹die Wettkämpfer und Wettläufer in der Rennbahn, wie vorsichtig sie sind, was für Entbehrungen sie sich auferlegen, welche Mühe sie sich geben! Und dies alles nur um eines kurzen Ruhmes, um eines vergänglichen, ständig gefährdeten Erfolges wegen, um einen vergänglichen Kranz zu erwerben.

Wir aber, wir kämpfen um eine unvergängliche Krone, um eine ewige Herrlichkeit (vgl. Röm 8,1ff.; 2. Kor 4,17).

Freilich ist die Seele in solch gnadenreichen Stunden tief versenkt in Leid und Traurigkeit, in Dürre und Trockenheit. Aber sie möge doch stille halten unter der Hand des göttlichen Hohepriesters! Gott gießt den Balsam seiner Gnade auch in die Bitterkeit des Kreuzes. Denken wir nur an den hl. Paulus. Nie wohl hat eine Seele in einer innigeren Vereinigung mit Christus gelebt als dieser große Apostel, den ‹nichts von Christus zu trennen vermochte› (Röm 8,35). Und doch ließ Gott es zu, dass der Teufel ihm zusetzte und ihn an Leib und Seele bedrückte. Dreimal ruft der Apostel in seiner Herzensangst zum Herrn um Hilfe. Und er erhält zur Antwort: ‹Meine Gnade genügt dir; denn in der Schwachheit kommt die Kraft zur Vollendung› (2. Kor 12,9).»

 

Das Buch Christus in seinen Geheimnissen (geb. ca. 440 Seiten, € 24,80), aber auch andere Werke von Dom Columba Marmion OSB, sind erhältlich beim Sarto-Verlag. Tel.  +49/8234/959720 oder E-Mail: [email protected]